Formel 1 Zerschellt am Maulwurf­shügel

Früh in Turbulenzen: Daniel Ricciardo verunfallt beim Start seines Heim-Grand-Prix in Australien.

(Foto: Reuters)

Daniel Ricciardo muss sich schon zu zu Beginn der Saison fragen, ob es eine kluge Entscheidung war, Red Bull zu verlassen und zu Renault zu wechseln.

Von Philipp Schneider, Sakhir/München

Wie sich Daniel Ricciardo im Vorjahr seine Zukunft als Rennfahrer vorgestellt hat, das ahnt die Menschheit seit der Geschichte mit dem Loch in der Wand. Seit damals weiß sie zumindest, wie sich Ricciardo seine Zukunft garantiert nicht vorgestellt hat. Wäre Ricciardo mit seiner Gegenwart einverstanden, dann wäre der in der öffentlichen Wahrnehmung stets frohgemute Mann von der australischen Südwestküste mit dem Spitznamen "Honeybadger", also Honigdachs, im vergangenen Oktober nach dem Rennen in den USA nicht so ausgeflippt. In Austin, Texas, schlug Ricciardo, nachdem das Rennen zumindest für ihn beendet war, so ist es überliefert, mit der Faust gegen jene Wand, die seine Kabine von der von Max Verstappen trennte, mit so viel Wucht, dass sie angeblich auf Verstappens Seite wieder zum Vorschein kam.

Die Faust galt nicht dem Teamkollegen. Die Faust galt dem Motor.

Ricciardos Antrieb hatte zuvor mal wieder seine Dienste eingestellt, dies bedeutete seinen siebten Ausfall in der laufenden Saison. "Ich bin mir sicher, dass er ein Gespräch mit seinem zukünftigen Arbeitgeber haben wird", scherzte Christian Horner, Teamchef von Red Bull, der damals auch noch Ricciardos Chef war; er fand das wirklich lustig. Aus zwei Gründen: Weil ja schon feststand, dass Ricciardo nach der Saison in das Werksteam von Renault wechseln würde - also jenes Herstellers, der damals auch noch den unzuverlässigen und vergleichsweise schwächlichen Motor für Red Bull lieferte. Und weil ebenfalls bereits klar war, dass die Übereinkunft mit dem französischen Lieferanten nach der Saison auslaufen und der österreichische Limonadenrennstall seine Motoren künftig von Honda beziehen würde. Was damals nicht absehbar war: wie stark der Honda-Motor im Red Bull sein würde. Und wie angemessen Horners Lachen in Texas fünf Monate später in der Rückschau erscheinen würde.

Die Saison ist jung, ein Rennen erst gefahren, selbstredend verbieten sich Prognosen oder Mutmaßungen, an welcher Position der Fahrerwertung Ricciardo Ende des Jahres gelistet werden wird. Doch sollte das Rennen in Melbourne auch nur halbwegs als Vorbote künftiger Entwicklungen taugen, so müsste sich Ricciardo fragen, ob es eine seiner klügeren Entscheidungen war, Red Bull und Verstappen zu verlassen, um bei Renault an die Seite von Niko Hülkenberg zu wechseln.

Neun Zehntelsekunden langsamer kreiste Ricciardo in der Qualifikation von Melbourne als sein ehemaliger Teamkollege im Red Bull. Und, noch erschreckender: sieben Zehntel langsamer als Haas-Pilot Romain Grosjean, der schnellste Fahrer außerhalb eines Mercedes, Ferrari oder Red Bull. Als Ricciardo am Tag danach von Startplatz zwölf ins Rennen brauste, da zeigte er nach wenigen Kurven eine durchaus skurrile Darbietung. Er wich mit seinem gelben Auto auf den Grünstreifen zwischen Boxenausfahrt und Start- und Zielgerade aus, dort holperte er über eine Unebenheit, die ihm den Frontflügel abriss. "An so vielen anderen Orten im Kalender kommst du mit so etwas davon. Ich wollte ja gar nicht über die Wiese. Ich bin ausgeschert, und dann hat mich das Gras in die Bodenwelle gezogen. Ich konnte sie nicht sehen", klagte Ricciardo im Anschluss an sein Heim-Rennen. Nach einem Reparaturstopp tuckerte er noch eine Weile dem Feld hinterher. Bis Runde 28. Dann kletterte er genervt aus dem Renault.

Der Zwischenfall nach dem Start war Pech, klar. Aber das Foto, auf dem zu sehen ist, wie Ricciardo mit seinem Auto an einer Art Maulwurfshügel zu zerschellen scheint, taugt vortrefflich zum Sinnbild eines Rennstallwechsels, der seit dem Tag seiner Verkündung für Verwunderung sorgte. Zufriedenstellend begründet hat der 29-Jährige aus Perth, der in der Formel 1 immerhin schon sieben Rennen gewinnen konnte, seinen Cockpittausch bislang nicht. Und es ist nicht so, als wäre er nicht immer und immer wieder darauf angesprochen worden.

"Ich weiß, dass ich der Beste sein kann", sagt Daniel Ricciardo

Ricciardo ist einer der besten Piloten der Welt. 2014 wechselte er bei Red Bull an die Seite von Sebastian Vettel, die Saison beendete er als Dritter, Vettel als Fünfter. Im Vorjahr fiel er achtmal aus, er gewann aber in China und Monaco - zweimal, genau wie Verstappen. Vor seiner Flucht von Red Bull vermuteten nicht wenige, seine Entscheidung für oder gegen den Rennstall sei davon abhängig, ob er ein ähnlich hohes Gehalt wie Verstappen würde heraushandeln können. Ricciardos Vertrag lief bis Ende 2018, Verstappen hatte noch bis 2019 einen Kontrakt, mit Klauseln, die es ihm unter gewissen Umständen erlaubt hätten, vorzeitig auszusteigen. Red Bull wusste, dass Verstappen auch bei der Konkurrenz gehandelt wurde. Deshalb bezahlten sie ein kleines Vermögen, um Verstappen ohne Ausstiegsklauseln bis 2020 an sich zu binden. Der Niederländer verdient nun ein Salär jenseits von 30 Millionen Euro, ähnlich gut wie Lewis Hamilton und Sebastian Vettel.

Vor seiner Entscheidung für Renault wurde Ricciardo gefragt, ob ihm Erfolg oder Geld wichtiger seien. "Beides ist gut. Die Siege haben mehr Priorität", erklärte er: "Ich weiß, dass ich in der Formel 1 bin, weil ich der Beste sein kann. Deshalb suche ich mir den besten Sitz und regle dann das Finanzielle." Allerdings sei es auch so: "Ich will natürlich nicht ausgenommen, sondern trotzdem gut bezahlt werden."

Auf dem besten Sitz der Formel 1 sitzt Daniel Ricciardo nun nicht, dafür wird er dem Vernehmen nach sehr gut bezahlt. Doch zu glauben, das würde ihm genügen, hieße, den Ehrgeiz eines Fahrers zu unterschätzen, der an gewissen Tagen Löcher in Wände schlägt.