Das Podium zum Neustart der Formel 1 nach der Sommerpause hätte von der Künstlichen Intelligenz ausgedacht sein können. Es war alles berücksichtigt, was es klischeehaft für ein Storytelling braucht: im Australier Oscar Piastri einen eiskalten, souveränen Sieger. In Max Verstappen einen Lokalhelden, der dank des eigenen Könnens seine Außenseiterchance nutzt. Und im Franzosen Isaack Hadjar einen Rookie, dessen Traum sich schon im fünfzehnten WM-Lauf erfüllt. Fast ein bisschen unglaubwürdig, diese Zusammensetzung nach dem Großen Preis der Niederlande. Aber noch imposanter und verrückter ist der Blick auf die Liste der Ausfälle: Lewis Hamilton, Charles Leclerc und Lando Norris.
Der Motorschaden von Norris kurz vor Schluss wirft den Briten im internen McLaren-Duell um den Weltmeistertitel nicht nur um 34 Punkte zurück, auch die Rekordmarke von fünf Doppelerfolgen hintereinander bleibt dem Team damit versagt. Piastri unterstreicht hingegen, dass er einer ist, der die Dinge zu Ende bringt. Das aufschlussreiche Zitat nach dem ersten Start-Ziel-Sieg seiner Karriere lautete: „Ich habe das Rennen kontrolliert, als ich es musste.“ Verstappen nickte beifällig und freute sich darüber, dass er zumindest zu Hause in den Dünen konkurrenzfähig bleiben konnte. Der erst 20 Jahre alte Franzose Hadjar machte zunächst einfach nur große Augen: „Das alles fühlt sich ein bisschen unwirklich an.“ Aber auch er wechselte schnell in den Analysemodus: „Ich habe das maximiert, was ich hatte, und ich habe keinen Fehler gemacht. Hoffentlich kommt da noch mehr.“ Für die Racing Bulls, das Junior-Team von Red Bull, ist es der erste Podestplatz seit 2021.

Max Verstappen in der Formel 1:Der Loyalist will die Abwärtsspirale stoppen
Max Verstappen fordert von Red Bull Racing, dass sich der Rennstall „neu erfinden“ müsse. Das gilt auch für ihn selbst: Vom reinen Anführer auf der Strecke muss er zum Leader des ganzen Teams werden.
Sie ist eng. Sie ist kurios. Sie ist rutschig. All das zeichnet sie aus, die Rennstrecke von Zandvoort. Und diese Eigenschaften waren es auch, die den Start zum Großen Preis der Niederlande spannend machten. Nach den Darbietungen der Vortage hätte das erste Rennen nach der Sommerpause ein langweiliges werden müssen, eine klare Angelegenheit für das McLaren-Duo mit Piastri und Norris in der ersten Reihe. Aber Verstappen startete mit weichen Reifen sofort einen Angriff. Während Piastri seinen Teamkollegen auf der Außenbahn verhungern ließ, schob sich Verstappen in das Sandwich. Mit so viel Überschuss, dass der Red-Bull-Pilot auf der sandigen Seite der Piste ins Schlingern geriet, fast die Kontrolle verlor, aber bei Tempo 170 sein Auto noch abfangen konnte – eine Meisterleistung, die ihm zunächst den zweiten Rang brachte. Auf der letzten Rille ging die Taktik auf, vor den Augen von König Willem unter den 80 000 Zuschauern, einem bekennenden Formel-1-Fan.
Sieben Runden vor Schluss ist das Rennen für Norris gelaufen, als er erst einen komischen Geruch und dann Rauch aus seinem Cockpit meldete – offenbar ein Ölleck
Spannender als die Rundentabelle war der Wetterbericht. Von der Nordsee drückte eine Front rein. Norris überholte Verstappen in der neunten Runden wieder und jagte den enteilenden Piastri. Wer auf weichen Reifen draußen war, wartete auf den Sommerregen, doch die Wolken waren zögerlich. Der Taktikpoker wurde dann ohnehin von einem ganz anderen Faktor beeinflusst. Rekordweltmeister Lewis Hamilton fügte seinem holprigen Start bei Ferrari einen weiteren Tiefpunkt hinzu, als er in der 23. Runde auf dem Weg zur Box sein Auto auf den rutschigen Werbebotschaften am Rand der Steilkurve verlor und in die Reifenstapel setzte. Was folgte, war eine kleinlaute Entschuldigung, aber die Peinlichkeit konnte das kaum lindern. „Ich weiß nicht, was da passiert ist“, sagte Hamilton später, „außer, dass es sehr ungewöhnlich ist für mich.“
Die erste Prozession endete in Runde 26, alle mit frischen Pneus, keiner glaubte mehr an den Regen, aber jeder an seine Chance. Charles Leclerc im letzten verbliebenen Ferrari überrumpelte George Russell, auch wenn der Silberpfeil-Pilot dem Monegassen wenig Platz ließ. Die beiden Autos berührten sich in der extremen Situation, Fahrergewerkschaftler Russell fing wieder an, in eigener Sache zu jammern. Genau diese optimistischen und harten Manöver aber führen auf einer Traditionspiste wie in Zandvoort zum Ziel.

Russell musste, nachdem sein Mercedes durch die Kollision etwas abbekommen hatte, seinen Teamkollegen Kimi Antonelli vorbeilassen, um Ferrari zu jagen. Dabei ging es weniger um Egos, sondern mehr um den zweiten Platz in der Konstrukteurs-WM hinter McLaren. Der bringt zwar wenig Ehre, aber eine Menge Preisgeld. Antonelli holte sich für die letzten 20 Runden frische Pneus. Leclerc folgte einen Umlauf später und war bald darauf raus: Er schoss hoch in die überhöhte Kurve, als von hinten Antonelli kam. Der Mercedes wollte unten vorbei, aber die Fliehkräfte waren zu groß, er wurde nach oben getrieben und erwischte den Ferrari am Hinterrad. Leclercs Auto wurde zum Brummkreisel, eine mögliche Podiumsplatzierung endete auf dem Karbon-Schrottplatz. „Das war unnötig“, fluchte Leclerc, die Rennkommissare schlossen sich ihm an, für Antonelli gab es zehn Strafsekunden. In der Ergebnistabelle rutschte er damit auf den 16. Platz ab. Nico Hülkenberg wurde 14.
Für die letzten 15 Runden begann ein neues Rennen, wieder lagen zwei McLaren auf harten Reifen vorn, dahinter der auf der weichen Mischung lauernde Verstappen. Diesmal wurde Norris nicht zum Opfer des Niederländers, aber er verlor erneut den Anschluss zu Piastri. Sieben Runden vor Schluss war der Grand Prix ohnehin endgültig gelaufen für Norris, als er erst einen komischen Geruch und dann Rauch aus seinem Cockpit meldete – offenbar ein Ölleck. Er schaffte es nicht zurück in die Garage, der McLaren blieb in einer Kurve liegen. Norris flüchtete über die Leitplanke, wie ein Häufchen Elend blieb er in den Dünen sitzen. Eine Szene mit Symbolkraft? Die Entscheidung in der Weltmeisterschaft bringt das noch nicht, aber vielleicht ein Indiz, auf wen McLaren seine Kräfte bündeln sollte.

