Formel 1:Die Posse um Piastri geht weiter

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Formel 1: Noch kein Rennen in der Formel 1 gefahren, aber schon viel Wirbel gemacht: Oscar Piastri, künftiger McLaren-Pilot.

Noch kein Rennen in der Formel 1 gefahren, aber schon viel Wirbel gemacht: Oscar Piastri, künftiger McLaren-Pilot.

(Foto: Bradley Collyer/dpa)

Eigentlich ist der Vertragsstreit um das Motorsport-Talent beendet. Doch neue Aussagen des 21-Jährigen und von Alpine-Teamchef Otmar Szafnauer werfen die Frage auf: Wer sagt die Wahrheit?

Von Anna Dreher, Zandvoort

Die Angelegenheit ist offiziell beendet, aber der skurrile Fall von Oscar Piastri beschäftigt die Formel 1 nach wie vor. So viele Fragen stellen sich zu Details und zu Grundsätzlichem: Wie lief das Hin und Her um den Aufstieg des Fahrertalents in die Königsklasse wirklich ab? Wer erzählt die Wahrheit? Für neuen Gesprächsbedarf sorgten die Hauptdarsteller der Sommer-Posse, Alpine-Teamchef Otmar Szafnauer und Piastri, als sie sich am Samstag vor dem Großen Preis der Niederlande zur Causa äußerten.

Szafnauer saß in einer Fragerunde mit anderen Teamchefs. Ihm wurden aber derart viele Fragen gestellt, dass seine beiden Kollegen den Raum verlassen und sich anderen Aufgaben hätten widmen können. Widersprüchlichkeiten zum Verlauf des Vertragsstreits zwischen Piastri, Alpine und McLaren waren aufgekommen, nachdem der 21 Jahre alte Australier auf der Formel-1-Homepage erstmals ausführlich seine Sicht geschildert hatte. Rund um die Gespräche zu seiner Zukunft bei Alpine, sagte Piastri, habe Klarheit gefehlt. Er habe "ein bisschen ein komisches Gefühl in den Verhandlungen" gehabt, was passiert ist, sei "verwirrend und ärgerlich".

Dazu sollte sich Szafnauer positionieren, er musste das auch, im eigenen Interesse. Für ihn geht es nicht allein darum, sein Renommee als Chef eines zu einem großen Konzern (Renault) gehörenden Teams zu wahren, sondern auch darum, den Ruf von Alpine zu retten. Der 58-Jährige und der Rennstall geben eine unglückliche Figur ab: Fernando Alonso weg, Piastri weg - und diejenigen, die eigentlich die Kontrolle haben sollten, wirken überrumpelt und unvorbereitet. "Ich glaube, das Image von Alpine basiert darauf, was auf der Strecke passiert und wie wir abschneiden", sagte Szafnauer. "Darauf fokussieren wir uns." In Zandvoort war das, zumindest für ihn, nicht uneingeschränkt möglich.

Die neuen Aussagen verwirren mehr, als dass sie zur Aufklärung beitragen

Um sich die Kuriosität der Geschichte bewusst zu machen, muss der gesamte Verlauf beachtet werden: Nachdem Sebastian Vettel Anfang August sein Karriereende verkündet, verlässt Fernando Alonso daraufhin Alpine überraschend, um Vettels Cockpit bei Aston Martin zu übernehmen. Es ist Ersatz gefragt. Der von Alpine unter anderem mit vielen Testkilometern kostspielig geförderte Piastri wird als Fahrer für 2023 bekanntgegeben. Er ist hier wie auch bei McLaren diese Saison Reservefahrer, eine naheliegende und nachvollziehbare Lösung. Soweit, so normal. Doch Piastri dementiert umgehend heftig auf Twitter und löst damit Erstaunen, Irritation und einen Vertragsstreit aus.

Gilt eine Vereinbarung mit Alpine vom November 2021, auf die sich die Franzosen berufen? Oder die Einigung mit McLaren, das durch die vorzeitige Trennung von Daniel Ricciardo Platz für Piastri geschaffen hat? Am Montag setzte sich ein Schiedsgericht zusammen, am Freitag gab es seine Entscheidung bekannt: Der wohl auf den 4. Juli 2022 datierte Vertrag zwischen Piastri und McLaren ist laut dem für die Vertragsprüfung zuständigen Contract Recognition Board (CRB) der einzig anzuerkennende. Eine genaue Begründung gab es öffentlich nicht, aber damit war die Farce beendet. McLaren und Piastri freuten sich auf die Zusammenarbeit, Verlierer Alpine teilte mit: "Wir betrachten die Angelegenheit unsererseits als abgeschlossen." Die neuen Aussagen zum Verlauf verwirren nun mehr, als dass sie zur Aufklärung beitragen.

Formel 1: Friedliches Händeschütteln in Zandvoort: Alpine-Teamchef Otmar Szafnauer und McLaren-Teamchef Andreas Seidl wollten beide denselben Fahrer.

Friedliches Händeschütteln in Zandvoort: Alpine-Teamchef Otmar Szafnauer und McLaren-Teamchef Andreas Seidl wollten beide denselben Fahrer.

(Foto: Mark Sutton/Motorsport Images/Imago)

Beispielhaft dafür steht eine Szene, die sich laut Szafnauer so zugetragen hat: Nach einem Simulator-Test von Piastri habe er dem Fahrer von der Bekanntgabe seiner Formel-1-Verpflichtung erzählt, außer ihnen sei lediglich ein Techniker im Raum gewesen. Daraufhin habe Piastri ihn angelächelt und "danke" gesagt. Das wirkte eiskalt angesichts dessen Dementi wenige Stunden später. Im Fahrerlager kamen Verwunderung angesichts dieses kolportierten Verhaltens, wie auch Zweifel an der Integrität des Youngsters und Kritik an der ausbleibenden Loyalität auf.

Piastri hat das alles anders abgespeichert. Noch dazu widersprach er der Aussage von Szafnauer, dieser habe nichts von den Wechselabsichten gewusst. Seine Entscheidung sei lange vor Alonsos Weggang getroffen und dem Team auch mitgeteilt worden. Deshalb sei die Ankündigung seiner Verpflichtung "noch verwirrender und ärgerlicher" gewesen - wie auch die Begegnung im Simulator.

"Das war eine bizarre und auch verstörende Episode. Es geschah vor einigen Teammitgliedern, die nichts von der Situation wussten, und ich wollte keine Szene vor ihnen machen", sagte Piastri, der sich also selbst die Anzahl der Mithörenden anders erinnert. "Als wir unter uns waren, habe ich Otmar das erzählt, was ihm zuvor schon mehrfach gesagt worden war." Seiner angeblichen Verpflichtung habe er unmittelbar so entschieden widersprochen, weil sein Management ansonsten drohende rechtliche Folgen befürchtet habe.

Für McLaren wiederum war der Fall immer eindeutig. Teamchef Andreas Seidl sprach in der zweiten morgendlichen Runde am Samstag und gewährte Einblick: "Du musst zwei Dinge haben, wenn ein Fahrer für dich in der Formel 1 fahren soll: einen Vertrag und eine Registrierung beim Contract Recognition Board. Wir hatten beides im Juli." Im Raum steht, dass Alpine lediglich eine Absichtserklärung zur Hand hatte, kein unterzeichnetes Papier.

Abgesehen vom starken Auto, sagte Piastri zu seiner Wahl, habe ihn die Begeisterung von Seidl und Teambesitzer Zak Brown um seine Verpflichtung überzeugt, wie auch die Aussicht darauf, Lando Norris als Kollegen zu haben. "Ich weiß, dass das eine Herausforderung wird", sagte er. "Aber ich glaube, dass McLaren der richtige Ort für mich ist, um mein Leben in der Formel 1 zu beginnen." Nach dem Wirbel der vergangenen Wochen wird der Formel-3- und Formel-2-Champion bei seinen ersten Rennen besonders unter Beobachtung stehen.

"Ich habe nie gelogen. Und das werde ich nie tun", erklärt Szafnauer

Dass Pisatri sich um eine Alternative gekümmert hatte, ist jedenfalls verständlich: Alpine wollte erklärtermaßen mit Alonso verlängern, um mindestens ein Jahr. Er wäre also womöglich Ersatzfahrer geblieben oder bei einem weniger erfolgreichen Team wie Williams untergekommen. Dass Alpine seine Verpflichtung dennoch verkündet hat, obwohl man davon wusste - sofern das der Fall war -, lässt sich nur so erklären, dass auch diese Seite keine Zweifel an der Gültigkeit der Vereinbarungen hatte. Szafnauer sagte am Samstag: "Wir hatten den Eindruck, dass die vertraglichen Vereinbarungen mit Oscar gültig waren." Die Erfolgschancen, vor dem CRB Recht zu bekommen, habe er bei 50:50 gesehen und vom genauen Datum des Kontrakts zwischen dem Australier und McLaren erst vom CRB erfahren. Davor habe es nur Gerüchte gegeben. Wer sagt die Wahrheit? "Ich habe nie gelogen", erklärte Szafnauer, "und das werde ich nie tun."

An diesem Wochenende, das passt natürlich wunderbar, ist Oscar Piastri für Alpine wieder mal im Simulator gefahren und war mit dem Team an der Strecke in Zandvoort. Ob die Zusammenarbeit bis Ende des Jahres fortgesetzt wird, soll am Montag entschieden werden, sagte Otmar Szafnauer. Dann wollen sich Pilot und Teamchef zusammensetzen, um über die gemeinsame Zukunft zu sprechen - und vielleicht auch, um die Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit abzugleichen.

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