Süddeutsche Zeitung

Ferrari in der Formel 1:Tragikomisches Schauspiel in Rot

Lesezeit: 4 min

"Ständig zur falschen Zeit am falschen Ort": Ferrari setzt seine absurde Pannen-Serie fort - diesmal fehlt beim Boxenstopp sogar ein Reifen. Neidisch schaut die Scuderia zum fehlerfreien Konkurrenten Red Bull.

Von Anna Dreher, Zandvoort

Carlos Sainz stand und stand und stand. Wie langsam doch 12,7 Sekunden vergehen können. Als er begriff, warum er mit seinem Ferrari derart lange in der Boxengasse parkte, war er so entsetzt, dass ihm nur ein kurzer Ausruf über die Lippen kam: "Oh mein Gott!" Was für ein Desaster.

Passierte das wirklich? Verlor er hier gerade wichtige Zeit, weil ein Reifen fehlte?! Ja, tatsächlich. Von diesen riesigen, schweren Pneus war einer in der Garage vergessen worden. Während alle anderen Wechsel bereits vollzogen waren, klaffte hinten links ein Loch, manch ein Mechaniker fasste sich an den Kopf angesichts des tragikomischen Schauspiels in Rot, das wieder einmal aufgeführt wurde. Dabei sollte beim Großen Preis der Niederlande endlich alles besser laufen. Doch wieder musste Ferrari Max Verstappen und Red Bull beim Siegen zusehen.

"Alles, was schiefgehen konnte, ist schiefgegangen", sagte Sainz, nachdem er bei einem weiteren Stopp noch eine Zeitstrafe wegen gefährlichen Fahrens aufgebrummt bekommen hatte und als Achter ins Ziel gerollt war. Begonnen hatte er das Rennen von Platz drei. "Wir waren ständig zur falschen Zeit am falschen Ort", sagte Sainz: "Wir müssen uns als Team verbessern, so bringen wir uns selbst um die Punkte." Ähnlich hatten vor der Sommerpause sein Teamkollege Charles Leclerc und sein Chef Mattia Binotto die Durchhalteparole formuliert; nur will das Fehlervermeiden einfach nicht gelingen.

Längst hat sich Ernüchterung breit gemacht. Die Saison ist im Prinzip gelaufen. "Wir möchten sichergehen, dass wir nächstes Jahr mitmischen können", sagte Sainz, "da machen wir die Fehler lieber dieses als nächstes Jahr." Das klang nicht danach, als ob er mit einem Abreißen der Malheurkette rechnen würde.

Personelle Konsequenzen schloss Binotto entschieden aus, das Team sei großartig, sagte er

Der misslungene Boxenstopp von Zandvoort dürfte beim Rückblick auf dieses Jahr symbolisch dafür stehen, wie sehr die Scuderia über sich selbst stolpert. Wobei es da an Anschauungsmaterial nicht mangelt. Neben Fahrfehlern fallen vor allen die streikende Technik und die unbegreiflichen Strategie-Pannen bei Taktikentscheidungen auf - und die Liste wird länger und länger. Es ist erstaunlich, wie stark Ferrari als ernstzunehmender Titelkandidat in die Saison gestartet ist und wie das Team nun dasteht. Ja, in der WM-Wertung sind Leclerc und Ferrari als Konstrukteur Zweiter. Aber der stolze Traditionsrennstall kommt nicht voran, Red Bull und Mercedes entwickeln sich hingegen weiter und können sich fast schon darauf verlassen, dass sich die Scuderia selbst torpediert.

Den katastrophalen ersten Boxenstopp erklärte Binotto damit, dass die Info zum Reifenwechsel als Reaktion auf die Konkurrenz spät gekommen sei, deshalb seien die Mechaniker nicht bereit gewesen: "Das war einfach durcheinander." Der 52-Jährige bleibt bei seiner Strategie, in der Öffentlichkeit mit Ruhe und Zuversicht auf das Chaos zu reagieren. Personelle Konsequenzen schloss er entschieden aus, das Team sei großartig, aber der Druck wächst. Und das Entsetzen auf die jüngste Leistung ist in Italien auch deshalb groß, weil diesen Sonntag in Monza gefahren wird.

Ein weiteres Debakel vor Tausenden Tifosi wäre kaum tragbar. Der Corriere della Sera fand, der Auftritt "war kraftlos bis zu dem Punkt, dass man dachte, das Cavallino habe den Galopp-Rhythmus im Rennen verloren, jenen technischen Elan, der einen an Red Bull denken lässt".

Wie schon in Spa und Budapest hat Binotto die fehlende Leistung des F1-75 als Schwäche ausgemacht. "Es läuft nicht so, wie es sollte. Wir haben nicht die Pace, die wir haben wollen. Dann kannst du auch nicht mit den Besten kämpfen", sagte er: "Wir mussten eher verteidigen, als dass wir angreifen. Das macht das Leben noch schwieriger." Er denke, dass nicht das volle Potenzial des Autos ausgeschöpft werde: "Da stimmt etwas nicht, das wir angehen müssen." Leclerc stimmte mit ein, er habe kaum mehr machen können, um Verstappen herauszufordern. "Wir müssen versuchen, die Geschwindigkeit zurückzubringen, die wir zu Beginn der Saison hatten", sagte der Monegasse: "Es sieht aus, als hätten wir diese verloren."

Leclerc liegt in der WM-Wertung weit hinter Verstappen zurück, er kann nur rechnerisch noch Weltmeister werden

Mercedes hingegen hat den Speed wiedergefunden und präsentierte sich am Sonntag so stark, dass das Team zumindest darüber spekulieren konnte, ob ohne die späte Safety-Car-Phase gar ein Sieg möglich gewesen wäre. Von dieser profitierte Verstappen, der beim Re-Start auf der Geraden am in dieser Phase führenden Lewis Hamilton vorbeischoss. Auch Leclerc half die Unterbrechung: Dank eines weiteren Reifenwechsels - hier entschieden die Strategen richtig - konnte er Hamilton ebenfalls überholen und als Dritter hinter dessen Teamkollege George Russell ins Ziel kommen, der sich zuvor wie Verstappen und Leclerc die weiche Gummimischung aufziehen hatte lassen. "Mercedes ist jetzt auch dabei im Kampf, und die Autos sind sehr schnell, heute waren sie extrem schnell", sagte Leclerc.

Sein eigentlicher Maßstab aber bleibt Verstappen. Das macht es nicht gerade leichter. Der Niederländer und sein Team brillieren, es wirkt ganz so, als beginne diese dominante Crew eine neue Ära. In Zandvoort gewann er sein zehntes von 15 Saisonrennen. Bei den vergangenen zehn Grand Prix startete Verstappen nur dreimal von ganz vorne, kam aber neunmal aufs Podium, davon siebenmal aufs oberste Treppchen. Leclercs magere Bilanz: vier Pole Positions, ein Sieg. Verstappen führt die WM mit 310 Punkten an, Leclerc kommt auf 201. Rein rechnerisch könnte er noch Weltmeister werden. Aber daran dürfte längst nicht mal der ehrgeizige Charles Leclerc selbst noch glauben.

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