Formel 1 nach der WM-Entscheidung:Schreiend in die Wüste

Lesezeit: 3 min

Formel 1 nach der WM-Entscheidung: Max Verstappen feiert seinen WM-Sieg - aber das letzte Rennen wurde phasenweise zur Farce.

Max Verstappen feiert seinen WM-Sieg - aber das letzte Rennen wurde phasenweise zur Farce.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Der Imageschaden für die F1 ist nach dem Chaos zum Finale gewaltig. Das Mindeste ist eine Vereinfachung der Regeln, damit ein Rennleiter nicht willkürliche Urteile fällen muss.

Kommentar von Philipp Schneider

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie heiß die Kommunikation zwischen Mercedes und den Verantwortlichen des Automobil-Weltverbands Fia von Sonntag bis Donnerstag gelaufen ist. Vier Tage, exakt 96 Stunden, hatte das Formel-1-Team nach dem Saisonfinale in Abu Dhabi Zeit zu entscheiden, ob es gegen die Umstände bei der Vergabe der Fahrer-Weltmeisterschaft juristisch zu Felde ziehen würde. Und die Fia hatte 96 Stunden Zeit, um Mercedes davon abzuhalten.

So wie es aussieht, ist dem Verband ein Verhandlungskunstwerk gelungen. Denn gerade rechtzeitig, bevor sich der scheidende Fia-Präsident Jean Todt schon die dunkelblaue Fliege für seine letzte Gala in Paris zurechtgelegt haben wird, hat Mercedes bekanntgegeben, auf weitere Rechtsmittel zu verzichten. Der Formel 1 bleibt ein monatelanger Rechtsstreit mit ungewissem Ausgang erspart.

Die Fia hat dafür einen Preis gezahlt. Sie hat schon am Tag vor dem Verzicht der Silberpfeile auf Rechtsmittel ein Kommuniqué verfasst, das Mercedes das Gesicht wahren ließ. Die Fia gestand ein, dass die Entscheidungsfindung der Rennleitung in Kombination mit deren Diskussionen mit den Teamchefs auf den letzten Kilometern der längsten Saison der Geschichte zu "erheblichen Missverständnissen" geführt habe, die "derzeit dem Image der Meisterschaft" schaden. Außerdem setzte sie eine Kommission zur Analyse des aus dem Ruder gelaufenen Finales ein - "um Lehren aus dieser Situation zu ziehen und den Teilnehmern, Medien und Fans Klarheit über das aktuelle Reglement zu verschaffen". Aus Sicht von Mercedes war dies ein Eingeständnis chaotischer Entscheidungen.

Mit wie viel Hingabe und gespieltem Charme die Fia ihre Hände in Richtung Mercedes streckte, lässt sich auch daran erkennen, dass es erstaunlich wenig Staub aufwirbelte, als die Stühle von Mercedes-Teamchef Toto Wolff und Lewis Hamilton leer blieben auf der Saison-Abschlussgala. Laut Reglement wäre der Fahrer verpflichtet gewesen vorbeizuschauen.

Na? Jemand Lust, Hamilton diesen Zusammenhang zwischen zweitem Platz und Anwesenheitspflicht persönlich zu erklären?

Wie hoch der Preis sein wird, den die Formel 1 für ihre wankelmütige Safety-Car-Steuerung im Saisonfinale bezahlen wird, das ist noch längst nicht abzusehen. Dass Teamchef Wolff explizit ein Szenario nicht ausschließen wollte, in dem der siebenmalige Weltmeister trotz Vertrags bis 2023 nicht mehr auf die Strecke zurückkehren wird, weil er "desillusioniert" sei, das mag einer für politische Koketterie halten - oder aber er nimmt es ernst.

Alles ändert nichts daran, dass Verstappen ein verdienter Weltmeister ist

Denn was in jedem Fall hängen bleibt von dieser ohnehin viel zu juristischen Debatte um sich widersprechende und gegenseitig aufhebende Safety-Car-Paragrafen: Michael Masi hatte in der letzten Runde von Abu Dhabi faktisch die Wahl, wen er, obwohl nur Rennleiter und nicht der liebe Gott, zum Weltmeister der Saison 2021 krönt. Es war sogar so: Masi, der in dieser Hinsicht wahrlich zu bedauern ist, musste eine Entscheidung treffen. Das Safety Car konnte entweder mit dem Weltmeister Hamilton hinter sich ins Ziel tuckern. Oder aber verschwinden und damit Verstappen auf seinen 40 Runden jüngeren Reifen einen roten Teppich auf der letzten Runde ausrollen. Die einzig denkbare Alternative wäre gewesen, dass Masi sich den Kopfhörer vom Haupt gerissen hätte, der die flehenden und nörgelnden Teamchefs übertrug, und schreiend in die Wüste gerannt wäre.

Sollte Hamilton Masis Entscheidung nicht als eine im Sinne der Rennaction interpretieren, sondern als ein Votum gegen den Menschen Hamilton, würde das erklären, warum er so gekränkt ist. Für die Formel 1 leitet sich aus dem Chaos eine klare Handlungsanweisung ab: Vereinfacht die Regeln so, dass Rennleiter nicht mehr vor allgewaltige Entscheidungen gestellt werden!

All dies ändert nichts daran, dass Verstappen ein verdienter Weltmeister ist. Sogar Wolff hat das eingestanden. Addiert man alle Punkte zusammen, die der 24-Jährige wegen unglücklicher Umstände in dieser Saison verloren hat, so übersteigt diese Zahl jene auf Seiten Hamiltons deutlich. Hätte es Verstappens Reifenplatzer in Baku nicht gegeben, ebenso wenig seinen Abflug in Silverstone, für den Hamilton zwar verantwortlich gemacht wurde, der ihn aber keine Punkte kostete, die WM wäre schon Wochen vorher entschieden gewesen. Dann wäre nicht einmal aufgefallen, wenn Michael Masi das Safety Car so geschickt gelenkt hätte, dass es Nikita Masepin aufs Podium schafft. Und der ist ja nicht einmal mitgefahren, weil er positiv auf Corona getestet wurde.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB