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Formel 1 in Deutschland:Unter die Schmerzgrenze geschlittert

Formula One driver Hamilton of Britain steers his McLaren Mercedes during the second free practice for Grand Prix at Hockenheim race track

Leere Zuschauerränge beim freien Training am Hockenheimring (Archivbild)

(Foto: REUTERS)
  • Trotz Sebastian Vettel und Mercedes ist das Interesse an der Formel 1 in Deutschland drastisch gesunken.
  • Es lohnt sich nicht mehr, ein Rennen in der Heimat auszurichten.
  • Andere Länder stellen dagegen den Neubau von abenteuerlichen Rennstrecken in Aussicht.

So kann es auch laufen: Das erste Rennen der Formel-1-Saison war kein besonders großer Erfolg, nur 15 Autos am Start, nur elf im Ziel, Sieger Lewis Hamilton meilenweit voraus. Die ganze Welt sprach nach der Vorstellung darüber, wie schlecht die Show in Melbourne gewesen war. Und worüber sprachen die Gastgeber? Darüber, ob sie den Vertrag für das Formel-1-Gastspiel vorzeitig verlängern sollten. Und das, obwohl der aktuelle Kontrakt noch bis 2020 gilt.

Aber der Bundesstaat Victoria ist nicht der einzige Interessent. In New South Wales wird bald gewählt. Und der aktuelle Gouverneur verspricht für den Fall seiner Wiederwahl ein Formel-1-Rennen, das über die berühmte Harbour Bridge in Sydney führen soll. Und das, obwohl dort kaum Zuschauer Platz hätten. Obwohl die Autos mit Schikanen gewaltig gebremst werden müssten, damit sie nicht abheben.

Und obwohl die Veranstaltung in Melbourne in den 20 Jahren, seitdem es sie gibt, fast nie ohne staatliche Unterstützung auskam. Gut 43 Millionen Euro ließ sich Victoria das Rennen im vergangenen Jahr kosten. Die Summe wurde unter dem Posten "Tourismuswerbung" verbucht und mit den Aber-Millionen von Blicken begründet, die alleine das Schild mit dem Stadtnamen über der Start-und-Ziel-Geraden auf sich zog. Kosten und Nutzen - down under geht die Rechnung noch auf.

Hockenheim und Nürburgring ersatzlos gestrichen

In Deutschland ist das nicht mehr der Fall. Seit Freitagabend ist es amtlich: In diesem Jahr wird es keinen Großen Preis von Deutschland geben. Auf einer Sitzung in Genf strich der Motorsport-Weltrat des Internationalen Automobilverbands FIA die für den 19. Juli geplante Veranstaltung ersatzlos aus dem Kalender. Weder der Nürburgring, der als Austragungsort vorgesehen war, noch der Hockenheimring, der als Ersatz im Gespräch war, einigten sich mit Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone.

Zwischen 1995 und 2006 hatte es jedes Jahr zwei Rennen in Deutschland gegeben. Und nun: zum ersten Mal seit 1960 keines. Die Reaktionen der unmittelbar Betroffenen fielen eindeutig und gleichzeitig fatalistisch aus: "Schade, um nicht zu sagen scheiße", fiel Force-India-Fahrer Nico Hülkenberg ein. Sebastian Vettel im Ferrari, Nico Rosberg als einer der WM-Favoriten im überlegenen Mercedes - all das reicht offenbar nicht mehr, um genügend Interesse zu kreieren.

"Das ist nur traurig", findet Niki Lauda, als Aufsichtsrat-Chef des Mercedes-Teams und RTL-Experte gleich zweifach involviert. "Wir hoffen stark, dass dieser Ausfall einmalig bleibt", sagt Manfred Loppe, der Sportchef des Privatsenders, der den Sport hierzulande groß gemacht hat. Das aber ist keineswegs sicher.

Seit 2008 wechseln sich der Nürburg- und der Hockenheimring mit der Ausrichtung der Veranstaltung ab. Nach der Absage ist der Eifelkurs erst einmal raus. Hockenheim hält das Gastrecht noch zweimal - 2016 und 2018 -, aber ob es dieses auch einlöst, ist fraglich. Der Bürgermeister hat seiner Stadt versprochen, ihr nicht weiter Verluste aus dem Formel-1- Geschäft aufbürden zu wollen.

Im vergangenen Jahr, als am Renntag offiziell nur 52 000 zahlungswillige Zuschauer erschienen, betrugen diese Verluste 2,5 Millionen Euro. Die Königsklasse des Rennsports - sie könnte längerfristig einen Bogen um das Land machen, in dem das Automobil erfunden wurde.