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Formel 1:Überraschung zum Siebzigsten

F1 70th Anniversary Grand Prix

Was überrascht an diesem Foto? Es zeigt den Ersten des Grand Prix in Silverstone – und das ist kein Mercedes! Der Niederländer Max Verstappen beendet im fünften Saisonrennen die Siegesserie der Silberpfeile.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Beim Jubiläums-Grand-Prix in Silverstone gewinnt erstmals in dieser Saison kein Mercedes-Fahrer - sondern der forsche Max Verstappen.

Von Anna Dreher, Silverstone/München

Am Ende kannte Max Verstappen nur noch eine Richtung. Er rannte zu seinen Ingenieuren und Mechanikern und sprang in den Pulk. Eine Geste der Dankbarkeit und Freude, die er zuletzt im November 2019 in Brasilien hatte zeigen können. Seitdem hatte es immer nur einen Sieger gegeben: Mercedes. Auch beim Großen Preis zum 70. Geburtstag der Formel 1 im englischen Silverstone war nicht ganz klar, ob sich das Muster dieser Saison nicht fortsetzen würde. Zu Beginn des Rennens hatte Verstappen, zum Schonen der Reifen an seinem Red Bull aufgefordert, sein Team per Funk noch angeherrscht: "Ich werde hier nicht rumsitzen wie eine Oma!" Kurz vor der Zieldurchfahrt scherzte der 22 Jahre alte Niederländer dann bestens gelaunt: "Habt ihr genug getrunken? Und vergesst die Händedesinfektion nicht, ihr habt sicher geschwitzt".

Dank einer mutigen und ausgeklügelten Reifenstrategie seines Teams und seines guten Gefühls im Umgang mit den Pneus sorgte Verstappen für eine Überraschung: Die scheinbar unschlagbaren Mercedes wurden doch besiegt. Hinter Verstappen reihten sich Weltmeister Lewis Hamilton und Valtteri Bottas ein. Vierter wurde Charles Leclerc, der aus dem unterlegenen Ferrari das Bestmögliche rausholte. Sebastian Vettel kam als Zwölfer ins Ziel. "Bisher hatten wir nicht die Gelegenheit, richtig Druck auf Mercedes zu machen, heute war das anders", sagte Verstappen nach seinem neunten Formel-1-Sieg. "Das hatte ich so nicht erwartet. Wir hatten einen großartigen Tag, eine tolle Strategie."

Entscheidend für den großen Coup war Red Bulls Reifenwahl zum Start und ein Manöver in der 33. Runde. Verstappen war als Führender an die Box gefahren, zeitgleich mit Bottas. Haarscharf kam Verstappen schneller raus - und dominierte das Rennen bis zum Schluss. Hamilton, 35, blieb zum Trost, dass er mit seinem 155. Podestplatz einen weiteren Rekord von Michael Schumacher egalisierte. Sein Vorsprung in der WM nach fünf Rennen beträgt weiterhin 30 Zähler auf den Zweiten - nur, dass dort nun Verstappen (77) und nicht mehr Bottas (73) steht.

Zunächst hatte es so ausgesehen, als würde dieser Grand Prix zum Jubiläum womöglich eine besonders schöne Geschichte bekommen. Nico Hülkenberg, 32, war für den positiv auf das Coronavirus getesteten Sergio Perez eingesprungen. Nach langer Pause hatte er bei seinem Comeback im wegen unerlaubten Kopierens der Bremsbelüftungsschächte stark in der Kritik stehenden Racing Point eine erstaunliche Leistung erbracht. Als Dritter hatte er sich im 178. Anlauf seiner Formel-1-Karriere so gute Chancen auf seinen ersten Podestplatz geschaffen wie selten. Doch aus dem erhofften Happy End wurde nichts. Hülkenberg wurde Siebter, auch, weil er wegen Reifenproblemen ein drittes Mal an die Box musste. "Das war nicht das Märchen, wie es sich alle gewünscht hatten", sagte Hülkenberg. "Aber das war auch ein bisschen vermessen bei so starken Red Bulls und Mercedes."

Letztere waren mal wieder von der ersten Reihe aus gestartet. Bottas kam von der Pole Position gut weg, die Attacke seines Teamkollegen Hamilton konnte der Finne gut abwehren. Hülkenberg hingegen musste Verstappen im Red Bull rechts vorbeiziehen lassen. Am schlimmsten erwischte es Ferrari. Die Ausgangslage war schon keine gute gewesen: Leclerc begann das Rennen von Platz acht, Vettel als Elfter. Anstatt sich direkt nach vorne zu arbeiten, fuhr Vettel zu weit nach außen, verlor in der ersten Kurve das Heck, landete in der Auslaufzone - und war plötzlich Letzter. Der Sonntag, das war schnell klar, würde nicht das Ende seines miserablen Ferrari-Abschieds markieren. "Ich stehe morgens auf und versuche, das Positive zu sehen", sagte Vettel. "Ich bin sicher, irgendwann wendet sich das Blatt wieder, aber momentan ist der Wurm drin."

Das große Thema an diesem Tag waren die Reifen. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke in Silverstone waren vorige Woche schließlich gleich mehrere Vorderreifen geplatzt. Bottas hatte das einen Podestplatz gekostet, Hamilton konnte sich in der letzten Runde gerade noch ins Ziel retten, mit 5,8 Sekunden Vorsprung auf Verstappen. So konzentrierte sich Bottas an der Spitze nun darauf, schonend zu fahren. Nach sieben Runden hörte Bottas den Funkspruch "vorne links kritisch. Und auch hinten links", nach zwölf Runden gab Hamilton seiner Box durch: "Die hinteren Reifen sind durch." Die Blasen auf den Pneus waren deutlich zu sehen. Von der ersten Fahrerfeldhälfte hatte sich nur Verstappen für die härtere Reifenmischung entschieden.

In der 14. Runde wurde zunächst Bottas mit ebendieser Mischung ausgestattet, zwei Runden danach Hamilton, der jedoch das ganze Rennen über mit den Reifen haderte. Die Mercedes-Stopps brachten Verstappen an die Spitze. Erst nach 27 Runden wechselte er auf die weichere Mischung. Bottas nutzte das, um sich auf Rang eins zurück zu bringen - doch Verstappen mit den griffigeren Pneus kam direkt wieder am Mercedes vorbei. Vettel, 33, wurde derweil von der Scuderia reingeholt, obwohl er überzeugt davon war, weiterfahren zu können. Danach hing er im engen Mittelfeld fest und wurde richtig zornig. "Wir sind genau dort hängen geblieben, wo wir heute morgen noch gesagt haben, dass wir nicht sein wollen", grollte Vettel per Funk nach der verpatzte Reifenstrategie. "Ich werde hier weitermachen. Aber ihr wisst, dass ihr es vermasselt habt."

Und während Vettel in seinem Ferrari mit seinem Schicksal haderte, wurde die für Mercedes drängende Frage beantwortet: Verstappen ging nicht das Risiko einer Ein-Stopp-Strategie ein, er fuhr ein weiteres Mal an die Box. Diese Chance wollte der Weltmeister-Rennstall nutzen und holte Bottas und später auch Hamilton ebenfalls rein. Allein: Der Plan ging nicht auf.

© SZ vom 10.08.2020

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