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Formel 1:Red Bull verbiegt Flügel

F1 Grand Prix of Spain

Enger Titelkampf: Von den fünf direkten Rad-an-Rad-Duellen hat Max Verstappen im Red Bull (hinten) gegen Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton bisher vier für sich entschieden.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Das Duell zwischen den beiden stärksten Rennställen wird heftiger und nun auch auf der nächsten Ebene ausgetragen: Mercedes moniert den Biegungsgrad des Heckflügels der Konkurrenz, Red Bull wehrt sich.

Von Elmar Brümmer

Wenn eine Formel-1-Saison sich schon so früh so zuspitzt wie diese, dann braucht es möglichst griffige Einordnungen der Geschehnisse. Nachdem Max Verstappen, 23, in Monte Carlo zum ersten Mal in seiner Karriere die Führung in der Weltmeisterschaft übernommen hat, befindet sich Titelverteidiger Lewis Hamilton, 36, in einem "Duell der Generationen" - mit vier Punkten Rückstand. Oder ist es, übertragen auf die nicht minder enge und heftige Auseinandersetzung zwischen den Rennställen Red Bull Racing und Mercedes, ein Duell der Mentoren? Der Großen Preis von Aserbaidschan am Wochenende taugt allerdings auch zum Duell der Regulatoren, was zu einer weit heftigeren Auseinandersetzung führen könnte als die bisherigen auf der Rennstrecke.

Beim Rennen am Kaspischen Meer liegt sogar wortwörtlich ein Protest in der Luft: die Heckflügel am Red-Bull-Rennwagen sind extrem biegsam, was Mercedes-Ingenieuren immer wieder beim Bildervergleich aufgefallen war. Hamilton wurde zum indirekten Ankläger, als er sich öffentlich nach einer Hinterherfahrt über die sich "seltsamen verbiegenden" Flügel der Konkurrenz wunderte. Die Aufseher des Automobilweltverbandes Fia untersuchten umgehend den Sachverhalt, kamen wohl zum gleichen Schluss - und testen die Stabilität des hinteren Spoilers künftig mit der doppelten Last.

Allerdings gelten die verschärften Regeln erst vom 15. Juni an. Den Mercedes-Funktionären ist das zu spät, haben ihre Berechnungen doch ergeben, dass ein sich nach hinten verbiegendes Flügelelement auf einer Runde in Aserbaidschan für eine halbe Sekunde Zeitgewinn gut ist - das kann auf dem schwierigen Stadtkurs den Unterschied zwischen Sieg und den Plätzen dahinter machen. Deshalb wurde schon beim Rennen in Monte Carlo in verschleierter Form ein möglicher Protest für Baku in Aussicht gestellt, schließlich müssten die Autos doch bei jedem Rennen regelkonform sein.

Eine Korrektur des Heckflügels würde nicht nur Red Bull, sondern etwa zwei Drittel des Feldes betreffen

Tatsächlich ist das Fia-Reglement in diesem Punkt einmal mehr widersprüchlich. Artikel 3.8 verfügt zwar eindeutig, dass sich aerodynamische Teile nicht bewegen dürfen, in Artikel 3.9 aber werden bestimmte Belastungstest vorgeschrieben, die Toleranzen ermöglichen. Was gilt?

Red Bull verweist auf die bestandenen Tests zu Saisonbeginn und beharrt auf der Übergangsfrist, schneller könne man mitten in der Saison ein so entscheidendes Bauteil gar nicht verändern. Die Korrektur, die gut eine halbe Million Dollar teuer werden kann, betrifft über den direkten Mercedes-Gegenspieler hinaus alle nach hinten steiler werdenden Rennwagen, also etwa zwei Drittel des Feldes. Dieses Konstruktionsprinzip scheint dem flacher gebauten Silberpfeil überlegen zu sein, daher könnten sich die Machtverhältnisse durch die erzwungene Änderung künftig wieder verschieben. Red-Bull-Berater Helmut Marko versucht in seinem Plädoyer das Augenmerk auf den Frontflügel von Mercedes zu legen, auch der erscheine ungewöhnlich biegsam. Nur ein Ablenkungsmanöver?

33 Max Verstappen (NED, Red Bull Racing), 4 Lando Norris (GBR, McLaren F1 Team), F1 Grand Prix of Monaco at Circuit de

Sieger in Monaco: Max Verstappen (links mit McLaren-Pilot Lando Norris) führt derzeit erstmals in seiner Karriere die Formel-1-WM an.

(Foto: HochZwei/imago)

Red Bull, mit vier Titeln in Serie zu Beginn des letzten Jahrzehnts Vorgänger der Mercedes-Dominanz, fährt in dieser Saison auf Augenhöhe mit dem Weltmeisterteam von Mercedes. Davon zeugt auch die momentane Führung in der Konstrukteurs-Wertung mit einem Pünktchen. Das vergangene Rennen in Monaco mag untypisch gewesen sein, doch generell ist das Fahrzeugkonzept des RB 16B inzwischen so gereift, dass damit fast überall Paroli geboten werden kann. Honda steckt zudem in seinem Abschiedsjahr alles an finanziellen und technischen Möglichkeiten in den Antriebsstrang.

Nicht nur Verstappen, auch Rennstallchef Christian Horner riecht Lunte. Die Entwicklung des Autos für das komplett neue Reglement im kommenden Jahr ist deshalb erstmal zurückgestellt, Mercedes scheint jetzt verwundbar zu sein und hat sich zuletzt immer wieder ungewöhnliche Schwächen geleistet. Nach dem enttäuschenden siebten Platz von Hamilton und dem Ausfall von Valtteri Bottas nach einer Boxenstopp-Panne gestand Mercedes-Teamchef Toto Wolff ein: "Das Spiel hat sich gedreht, wir sind wieder die Jäger."

Aufsteiger Verstappen und Titelverteidiger Hamilton selbst pflegen bislang die Deeskalation, was ungewöhnlich genug ist. Von den fünf direkten Rad-an-Rad-Duellen hat der Niederländer vier für sich entschieden, auch deshalb, weil der Brite mehrfach in der letzten Millisekunde zurückgezogen hat. "Max fährt so, als ob er etwas beweisen müsste. Ich gehe einem Kontakt lieber aus dem Weg", sagt der Champion, vergleicht den Grand-Prix-Sport aber mit einem Marathon, keinem Sprint. Dass er momentan 3:2 nach Siegen führt, scheint ihm Recht zu geben. Aber Verstappen gibt sich betont selbstsicher: "Ich bevorzuge es, meine Antworten auf der Strecke zu geben. Wir haben weniger Fehler gemacht, deswegen sind wir vorn."

Während die Fahrer die Spannungen deeskalieren, verstärken Wolff und Marko die Psychospielchen

Stärkere Psychospielchen zur Untermalung einer ernsthaft sportlich-technischen Auseinandersetzung passen aber nicht nur den Netflix-Begleitern der Formel 1 ganz gut ins Skript. Deshalb müssen einstweilen Wolff und Marko diese Rolle übernehmen. Die beiden Österreicher verbindet wohl eine etwas tiefere persönliche Abneigung als bloß der übliche Schmäh. Der aus Graz stammende, 78 Jahre alte Marko behauptet mit Unschuldsmiene, dass sich Red Bull ganz auf sein eigenes Auto konzentrieren würde - um dann in einer anderen Sequenz eines Video-Interviews genüsslich die kürzlich an den knapp 30 Jahre jüngeren Wiener Wolff verliehene Ehrendoktorwürde von der Cranfield University zu kommentieren: "Ich weiß nicht, für welche Verdienste er sie bekommen hat." Marko selbst ist promovierter Jurist, und hat jetzt den Fahrerlager-Spitznamen "der Doktor" nicht mehr exklusiv für sich.

Die gegenseitigen Anschwärzereien haben Tradition, in einer technischen Disziplin machen sich die Ingenieure ihren Sport daraus, das Reglement bis ans Limit oder darüber hinaus zu treiben. Und so wird es in Baku auf die Herren Wolff und Marko mindestens so ankommen wie auf die Rennfahrer. Allen Jux beiseite verhärten sich die Fronten zwischen den Titelrivalen zunehmend.

© SZ/and
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