Neue Qualifikation in der Formel 1:Ab jetzt im Sprint zur Pole

Vor dem Grand Prix von Großbritannien

Max Verstappen hofft in England erneut auf ein gutes Resultat.

(Foto: Bradley Collyer/dpa)

In Silverstone findet zur Ermittlung der Startpositionen zum ersten Mal kein Qualifying, sondern ein "Sprintrennen" statt, das aber nicht "Sprintrennen" heißen darf. Und auch sonst gibt es Irritationen und Befürchtungen.

Von Philipp Schneider

Zeit für die nächsten Experimente. Mit großen Versuchsreihen kennen sie sich ja inzwischen aus im Vereinigten Königreich, wenige Tage, nachdem sie im Wembley-Stadion zu London mehr als 60 000 überwiegend unmaskierte und halbnackte Zuschauer einem EM-Finale beiwohnen ließen, und dann nicht einmal den Ansturm von Hunderten Ticketlosen in die Arena zu unterbinden wussten.

Die Müllberge sind gerade erst weggespült, da ziehen die Engländer schon fröhlich weiter nach Norden. In die Grafschaft Northamptonshire, wo sie ihre infektiologische Feldstudie noch ausweiten. Rund um den Silverstone Circuit soll das Leben so toben, wie es in vorpandemischen Tagen tobte, bis zu 140 000 Besucher werden allen Ernstes erwartet in den Herbergen und Zelten rund um den alten Militärflugplatz. Am Wochenende vor dem von Premier Boris Johnson zum "Freedom Day" ausgerufenen Montag, an dem die Masken im öffentlichen Leben trotz steigender Infektionszahlen fast überall fallen sollen, kreist die Formel 1 an dem Ort, wo sie 1950 geboren wurde. Silverstone - Home of British Motor Racing.

Wie sich diese launige Vereinigung der britischen Petrolheads, der Leute mit Benzin im Kopf, mit der Variante eines Virus mit Krone am Kopf epidemiologisch auswirken wird, das sieht man in ein paar Tagen. Schon an diesem Samstag allerdings wird es eine Antwort auf die Frage geben, ob auch von dem größten regeltechnischen Experiment der Formel 1 seit vielen Jahren eine Gefahr ausgeht.

Nicht für die Gesundheit. Aber für die Integrität einer puristischen Sportart, die seit 71 Jahren einen ihrer sportlichen Leitsätze nicht angetastet hat: Ins Rennen startet derjenige Pilot als Erster, der sich zuvor im Kampf von Mensch und Maschine gegen die Uhr als Schnellster hervorgetan hat. Eine Methode, die sehr wohl durch den Charme bestach, dass die Pole Position herausgefahren wurde in einem Wettbewerb mit weitestgehend freier Fahrt für jeden und ohne Kollisionen.

An diesem Sonntag wird erstmals probeweise derjenige aus der beliebtesten Parkbucht ins Rennen rollen, der einen Mini-Grand-Prix über 100 Kilometer gewonnen hat, der am Samstag aufgeführt wird. Bei der herkömmlichen Qualifikation, die wiederum auf den Freitag vorverlegt wurde, schob sich Lewis Hamilton im Mercedes vor Max Verstappen im Red Bull. Doch damit wurde nur die Startreihenfolge für die neue Veranstaltung am Samstag festgelegt: Das, was in Silverstone uraufgeführt wird, darf weder Sprintrennen noch Sprintqualifikation heißen.

Die Chefs der Formel 1, die sich den neuen Programmpunkt ausgedacht haben, wollen, dass ihr Baby schlicht "Sprint" genannt wird. Sie wissen, dass es ein Politikum ist. Ein zusätzliches Rennen würde die Strahlkraft des Hauptrennens schädigen, eine Sprint-Qualifikation die der traditionsreichen Qualifikation.

Deshalb ist es jetzt offiziell beides nicht - obwohl es in Wahrheit beides zugleich ist.

Ross Brawn, der Geschäftsführer der Formel 1, versucht die Puristen zu beschwichtigen: "Das ist ein Versuch, neue Fans anzulocken, ohne die alten zu verärgern. Wir brechen nicht mit der DNA der Formel 1. Das ist kein Gag um der Show willen."

Das Gerede um die sogenannte DNA der Formel 1 überzieht die Serie in regelmäßigen Abständen, meist führt es zu nervigen Debatten. Als vor drei Jahren der Kopfschutz "Halo" eingeführt wurde, der inzwischen nachweislich schwere Verletzungen wenn nicht Todesfälle verhindert hat, stöhnten weltweit die Puristen, das Heldentum verlasse die Formel 1. Inzwischen haben sich selbst die Petrolheads mit dem Titanbügel arrangiert.

Das neue Sprint-Format rettet nun allerdings keine Leben, es soll als Gag die Show verbessern und damit den Geldfluss optimieren: In die Taschen des Unterhaltungskonzerns Liberty Media, der die Formel 1 vor vier Jahren für acht Milliarden Dollar erwarb und dessen Eigner noch immer keine Freudentränen vergießen beim Blick auf ihren Return of Investment.

Vor dem Grand Prix von Großbritannien

Die Rennwagen-Generation, die ab 2022 gefahren wird, besticht optisch in erster Linie durch wuchtigere, 18-Zoll große Räder. Und einen deutlich vereinfachten Frontflügel. Die neue Aerodynamik soll das Überholen vereinfachen. Das wiederum dürfte auch bei den "Sprints" helfen, so denn es sie noch geben sollte im kommenden Jahr.

(Foto: Bradley Collyer/dpa)

Mit dem neuen Format, das in dieser Saison auch noch in Monza und bei einem Übersee-Rennen ausprobiert werden soll, verspricht sich die Formel 1 eine Aufwertung der zwei Tage vor dem Rennen. Und damit auch der Ticket-Preise. Am Freitag wurde bislang nur zweimal trainiert, jetzt fand da bereits die Qualifikation statt. Und an diesem Samstag gibt es in Silverstone anstelle der Qualifikation ein Rennen (auch wenn es nicht so heißen darf) über 17 Runden. Dafür zahlt der britische Veranstalter einen zusätzlichen Obolus an die Formel 1. Und die zehn Rennställe bekommen pro Sprint 150 000 Dollar überwiesen. Die sie allerdings möglicherweise auch gut gebrauchen können, um damit die Schäden auszubessern, die am Samstag entstehen.

Nachdem sich die Piloten der Silberpfeile in den vergangenen acht (!) Qualifikationen in England jeweils die Pole Position geschnappt hatten, hielt sich die Vorfreude von Lewis Hamilton auf den angeblich so turbulenten neuen Samstag in Grenzen. Und das war sogar noch, bevor er in der neuen Freitags-Qualifikation abermals die schnellste Runde vorlegte, die ihm nun erstmals nicht die Pole Position im Sonntags-Rennen garantiert. "Wahrscheinlich wird es eine Prozession. Vielleicht gibt es ein paar Überholmanöver, aber es wird eher nicht besonders spannend sein", glaubt der Brite, der sich im Mai in Barcelona auf die gute, alte Weise seine 100. Pole Position verdient hatte.

Tatsächlich könnte es so kommen, dass 20 Piloten wie an einer Perlenschnur hintereinander her tuckern und allein darauf acht geben, bloß keine Delle im Dienstwagen zu erleiden. Oder es kommt so, wie es sich Ross Brawn erhofft: "Das wird Rennsport wie früher. Keine Boxenstopps, freie Reifenwahl, Fahrer, die auf sich allein gestellt sind, nur 40 Kilogramm Sprit im Tank und mit Vollgas von der ersten Runde an." Er ist überzeugt davon, dass Rennfahrer gar nicht anders können: "Die würden auch Rennen mit einem Einkaufswagen im Supermarkt fahren. Es liegt in ihrer Natur."

Selbstverständlich ist Brawn auch auf eine Idee gekommen, wie er den 20 Piloten zum Verzicht auf die Bummelei sicherheitshalber knackige Würstchen vor den Visieren baumeln lassen kann. Der Sieger vom Samstag bekommt zwar keinen Pokal und keine Siegerehrung (merke: Das Rennen ist ja kein Rennen!), dafür aber neben der Pole Position noch drei Punkte auf seinem WM-Konto. Man wird sehen, wie scharf die Fahrer darauf sind.

In jedem Fall hat der Wettbewerb die strategische Statik des gesamten Wochenendes durcheinandergewirbelt. Am Freitag blieb den Teams erstmals nur noch eine Trainingseinheit, um die wesentliche Abstimmung für ihre Rennwagen vorzunehmen. Danach durften nur Kleinigkeiten verändert werden. "Die Teams werden weniger gut vorbereitet sein. Das kann für Überraschungen sorgen", hofft Brawn. Er meint: im Hauptrennen am Sonntag.

Sebastian Vettel, der am Samstag als Zehnter starten wird, sprach über den Sprint-Versuch in Silverstone wie ein nachsichtiger Vater über seinen Sohn, der sich ungefragt an den Bonbons bedient hatte. Kann ja mal passieren. "Es kommt darauf an: Wenn es eine einmalige Sache ist, ist es nicht schlimm. Aber wenn wir in Zukunft zehn Sprintrennen pro Jahr haben, dann ist es seltsam." Vettel, bekannt als Purist seines Sports, sorgt sich um die Statistik der besten Pole-Setter der Geschichte. Die Poleposition, findet er, "sollte an denjenigen gehen, der über eine Runde am schnellsten fährt". Er schlägt vor: "Sie könnten es einfach Sprintpole oder so nennen. Wir müssen die Statistik um eine Spalte ergänzen."

Aber Vettel klang auch noch nie wie einer, der für sein Leben gerne Rennen mit dem Einkaufswagen in Supermärkten veranstaltet.

© SZ/schm
Zur SZ-Startseite
Vor dem Großen Preis von Österreich

Lewis Hamilton in der Formel 1
:Man on fire

Der einstige Seriensieger Lewis Hamilton muss im Duell mit Max Verstappen das Verlieren wieder lernen. Er nimmt das als Ansporn - und verlängert um zwei weitere Jahre bei Mercedes.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB