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Auftakt in Österreich:Nur die Kühe schauen bei der Formel 1 zu

Formel 1 - Ankunft der Teams in Österreich

Wandergruppe in Rot: Die Ferrari-Teammitglieder erkunden mit Sebastian Vettel (Mitte) die Steiermark.

(Foto: dpa)

Die Rennserie startet mit 112 Tagen Verspätung in die Saison - im beschaulichen Spielberg in Österreich. Der Neustart muss wie am Schnürchen funktionieren, denn die Formel 1 braucht ihre TV-Gelder.

Von Philipp Schneider

Die Wiesen, das berichtet ein Augenzeuge, der am Donnerstag zu den wenigen Auserwählten zählt, die dabei sein dürfen beim größten Experiment, das die Formel 1 in ihrer Geschichte veranstaltet hat - die Wiesen rund um die Rennstrecke also, sie seien alle akkurat gemäht. Nicht zertrampelt. Und, ja: Er habe auch Kühe grasen sehen, auf einer der Grünflächen gleich um die Ecke. Schließlich gebe es kein Zelt weit und breit. Und damit auch keine in Oranje gewandeten Niederländer mit Tröten und Bierbongs, die in normalen Zeiten einmal im Jahr zu Tausenden die schöne Steiermark heimsuchen, ihre Heringe in den Boden schlagen und ein "Max Verstappen Village" hochziehen, das die Bezeichnung "Dorf" auch verdient.

Keine Fans, keine Prominenten, kaum Journalisten: Vieles ist anders bei dem um 112 Tage verspäteten Auftakt der Formel-1-Saison, die nicht wie geplant Mitte März in Melbourne startete, sondern eben erst jetzt in Spielberg beginnt. Mit gleich zwei Rennen nacheinander: eines an diesem Sonntag, dann ein weiteres am Sonntag eine Woche später. Auch das gab es noch nie. Es wurden allerdings auch noch nie zehn Rennen verschoben oder gleich ganz abgesagt, weil die Ansteckungsgefahr einer Pandemie die Menschen aus den Büros, Restaurants und selbstverständlich auch aus den Boxengassen ins Häusliche zwang.

Die Formel 1 rollt nun dort, wo sie darf. Wählerisch zu sein, kann sie sich nicht mehr erlauben, sie ist dankbar für jede Ausfahrt, die möglich ist. Weil sie mindestens 15 Grand-Prix-Läufe benötigt, um die Verträge mit ihren TV- und Sponsoring-Partnern zu erfüllen und so das Geld zu erwirtschaften, das ihr noch immer aufgeblähter Kostenapparat zum Überleben benötigt. Es geht ihr - und vor allem den privaten Teams - um die Existenz. Dass nun ausgerechnet in der kleinen Gemeinde Spielberg, im östlichen Teil des Aichfeldes gelegen, zwischen den Städten Zeltweg und Knittelfeld, das erste weltweit relevante Sportevent seit Ausbruch der Corona-Pandemie ausgerichtet wird, ist nicht ohne Ironie. Nirgendwo sonst kreist die Formel 1 mit weniger Glamour, nirgendwo sonst gibt es mehr Tempo-30-Schilder im Umkreis und Milchviehwirtschaft anstelle von Privatjachten. Aber die Bergeinsamkeit von Spielberg ist kein schlechter Ort für ein Experiment, das ja wahrhaftig auf der grünen Wiese stattfindet, wie es so schön heißt. Fährt doch die Königsklasse wie alle nicht lebensnotwendigen Veranstaltungen, die während der Pandemie trotzdem stattfinden dürfen, auf Bewährung.

Arbeiten in "Blasen", Tests binnen zwei Stunden, Masken auch im Freien

"Return to Motorsport" hat die Rennserie ihr 81-seitiges Handbuch genannt, in dem die Hygieneregeln aufgelistet sind, die dafür sorgen sollen, dass die Motoren nicht gleich wieder abgestellt werden müssen, nachdem sie endlich angeworfen werden durften. Infektionen, so muss man das Konzept interpretieren, sind okay. Aber bloß kein weiterer Eklat wie im März in Melbourne! Wo sich die Zuschauer morgens an den Toren des Albert Park drängten, als schon längst bekannt war, dass McLaren nicht mitfahren würde, nachdem ein Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet worden war. Der Plan ist jetzt: den Rennbetrieb sicherzustellen und notfalls auch zu fahren, wenn Mechaniker, Ingenieure oder gar Piloten an Corona erkranken.

Franz Tost, Chef bei Alpha Tauri, der Talentschmiede von Red Bull, brachte vor Wochen im SZ-Interview die Idee von Austauschtruppen ins Spiel: "Wir haben einen Plan, auf dem für jeden Techniker und Mechaniker ein Ersatz zu finden ist. Damit wir sicherstellen können, dass das Team an den Start gehen kann", sagt Tost.

Die Teams müssen in Österreich in nach außen abgeschotteten Blasen arbeiten und auch nach Feierabend leben. "Und abends gibt's Ausgehverbot", verspricht Tost. Ihre Anreise und auch ihre Hotels teilen die Teams dem Weltverband Fia und dem Veranstalter mit, jeden Verdachtsfall müssen sie sofort melden. Auch für Isolation und Quarantäne gibt es genaue Vorschriften. Zusätzlich gibt es in den Rennställen zahlreiche Untergruppen. Sollte es einen positiven Fall geben, wird diese kleine Gruppe isoliert - und alle Mitarbeiter werden getestet. Das Ergebnis soll angeblich nach zwei Stunden verfügbar sein. An die Rennstrecke reisen dürfen nur Personen, deren negativer Corona-Test höchstens fünf Tage alt ist. Auch vor Ort wird alle fünf Tage getestet. Die Personenzahl pro Team ist auf 80 begrenzt. Die palastartigen Motorhomes gibt es nicht, stattdessen sind die Teams in simplen Containern untergebracht.

An jeder Ecke hängen Desinfektionsspender.

Selbstverständlich herrscht Maskenpflicht. Erstaunlicherweise sogar im Freien. Die Auflagen an der Rennstrecke in Spielberg sind schärfer als im Rest Österreichs. Überall sonst darf im Land seit Mittwoch wieder ganz normal Sport betrieben werden, auch in allen Kontakt- und Teamsportarten, sogar auf Amateurebene. Als die Vorschriften für das Rennen erstellt wurden, hatte die Covid-19-Lage in Österreich noch zu weit größerer Sorge Anlass gegeben als jetzt. In den vergangenen Tagen stiegen die Fallzahlen zwar wieder. Dass aber die Zahl der Journalisten im Medienzentrum auf 23 - meist für mehrere Medien arbeitende - Reporter begrenzt wurde, stößt nicht überall auf Verständnis. Der österreichische Standard, der seit vielen Jahren vom Red-Bull-Ring berichtet, nun aber nicht akkreditiert ist, mutmaßte, die Veranstalter könnten "mit einigen Einschränkungen ganz gut leben, etwa mit der sehr geringen Anzahl von Medienvertretern vor Ort".

Das mag so sein. Andererseits garantieren die strengen Auflagen in Österreich einen brauchbaren Testlauf für die zwei Rennen in Silverstone im August. In England ist das Infektionsgeschehen noch längst nicht unter Kontrolle. Sollte dort überhaupt gefahren werden, dürften die Auflagen viel schärfer ausfallen.

© SZ vom 03.07.2020/jki
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