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Großer Preis von Österreich:Der rasende Jahrmarkt ist zurück

Startet von Position zwei aus ins Rennen: Weltmeister Lewis Hamilton.

(Foto: AP)

Nach 215 Tagen ist die Formel 1 die erste internationale Meisterschaft, die den Betrieb wieder aufnimmt. Doch die alten Zankereien haben auch diese Pause überlebt.

Von Elmar Brümmer

Die Angst vor der neuen Normalität war am Samstagmorgen, 0.30 Uhr Ortszeit Steiermark, endgültig gewichen. Nach knapp sechs Stunden Beratung war über den ersten Protest vor dem Neustart der mit reichlich Verspätung begonnenen Formel-1-Saison (Sonntag, 15.10/RTL und Sky) entschieden. Red Bull Racing hatte das automatische Steuersystem (DAS) der neuerdings in schwarz antretenden Silberpfeile von Mercedes angezweifelt, der Protest wurde abgeschmettert. Die Lenkvorrichtung erlaubt es den Fahrern ähnlich wie bei Jetpiloten das Lenkrad auf Geraden nach hinten zu ziehen und so eine Spurverstellung bis zur nächsten Kurve vornehmen zu können. Das verleiht dem Auto zusätzliche Stabilität. Die Idee der Branchenführer ist revolutionär. Kein Wunder, dass da der Neid ausbricht.

Bis dahin hatten sich die regelmäßigen Betrachter der Motorsportszene schon Sorgen gemacht, ob die Zwangspause wegen Covid-19 nicht plötzlich übermäßig viel Vernunft und Gelassenheit in die Königsklasse gespült hätte. Budget cap, frühe Rennabsagen in als für die Gesundheit bedenklich geltenden Ländern, eine klare gemeinschaftliche Positionierung gegen Rassismus ("We race as one"), ein übervorsichtiges Öffnungskonzept für den Großen Preis von Österreich.

Aber nach acht Monaten ohne Rennen haben sie wieder schnell gegriffen, die bekannten Mechanismen. Red Bull Racing, das seine Herausforderer-Chancen durch die Fahrerleichterung der Mercedes-Piloten geschmälert sieht, wäscht sich nach der klaren Entscheidung der Rennkommissare rein von jeder Boshaftigkeit: Man habe nur möglichst früh klarstellen wollen, was erlaubt sei und was nicht - um nicht erst mit einem Einspruch nach dem Rennen das offizielle Resultat lange hinauszuzögern. Ja, die Frage der Ehre. Fürs erste ist sie beantwortet. Aber da wäre auch noch der Deal zwischen Ferrari und dem Automobilweltverband FIA aufzuarbeiten, der eine offensichtlich unlautere Motorensteigerung bei den roten Rennwagen im letzten Herbst unter dem Tisch halten soll.

Hat nicht zum Auftakt in Spielberg auch Sebastian Vettel vorbildlich kundgetan, dass ehrlich am längsten fährt, und klargestellt, wie er in Maranello kalt gestellt wurde? Wer weiß, was es da noch so alles aufzuarbeiten gibt: den Racing-Point-Rennwagen, der eine Kopie des Vorjahres-Mercedes sein soll. Oder die frappierenden Parallelen der Haas-Boliden zum Ferrari? Ach, wie gut, dass eine Pandemie diesem Sport scheinbar doch nichts anhaben kann. RTL frohlockt im letzten Jahr seiner Formel-1-Übertragungshoheit noch einmal mit einem Begleitwortschatz, der die Vokabeln "verraten, verkauft, hintergangen, scheinheilig, falsch spielend" umfasst. Alles im Wissen, dass die alten Konflikte neue hervorbringen werden. Red-Bull-Chef Christian Horner unkt nach dem nächtlichen Entscheid gegen seine Sichtweise: "Dieser Fall ist erledigt. Aber es ist auch ein Stich ins Wespennest..." Angeblich sind seine Ingenieure schon mit einem Nachbau des Systems beschäftigt. Business as usual.

Die Formel 1 ist wieder zurück im Grenzbereich - in jeder Hinsicht

215 Tage Pause haben Lust gemacht auf den rasenden Jahrmarkt der Eitelkeiten, obwohl das nur der drittlängste Abstand zwischen zwei Rennen ist. "Ganz plötzlich", heißt es in einer ersten Bestandsaufnahme der Gefühlswelt bei Alfa Romeo, "fühlt es sich an, als wären wir nie weggewesen. Die Muskeln wissen wieder, was sie zu tun haben, die Stimmen über den Boxenfunk kommen einem bekannt vor, wir sind zurück."

Vettel nur auf Position 11 - die Startaufstellung beim Großen Preis von Österreich

1. Valtteri Bottas (Finnland) Mercedes

2. Lewis Hamilton (Großbritannien) Mercedes

3. Max Verstappen (Niederlande) Red Bull-Honda

4. Lando Norris (Großbritannien) McLaren-Renault

5. Alexander Albon (Thailand) Red Bull-Honda

6. Sergio Perez (Mexiko) Racing Point-Mercedes

7. Charles Leclerc (Monaco) Ferrari

8. Carlos Sainz jr. (Spanien) McLaren-Renault

9. Lance Stroll (Kanada) Racing Point-Mercedes

10. Daniel Ricciardo (Australien) Renault

11. Sebastian Vettel (Heppenheim) Ferrari

12. Pierre Gasly (Frankreich) Toro Rosso-Honda

13. Daniil Kwjat (Russland) Toro Rosso-Honda

14. Esteban Ocon (Frankreich) Renault

15. Romain Grosjean (Frankreich) Haas-Ferrari

16. Kevin Magnussen (Dänemark) Haas-Ferrari

17. George Russell (Großbritannien) Williams-Mercedes

18. Antonio Giovinazzi (Italien) Alfa Romeo Racing-Ferrari

19. Kimi Räikkönen (Finnland) Alfa Romeo Racing-Ferrari

20. Nicholas Latifi (Kanada) Williams-Mercedes

Zurück im Grenzbereich, in jeder Hinsicht. Die Formel 1 ist die erste Meisterschaft, die wieder den internationalen Sportbetrieb aufnimmt und das von Fußball-EM und Olympia hinterlassene Sommerloch füllt. Jean Todt, der Präsident des Automobilweltverbandes FIA, schickt regelmäßig für seine Verhältnisse frenetisch anmutende Aufmunterungen per Twitter ins beschauliche Murtal: "Der Motorsport ist zurück!" oder "Wir verspüren Stolz und Verantwortung, und werden alles dafür tun, dass es ein Erfolg wird."

Dazu gehört eine enorme Blasenbildung, die bislang im Motorsport nur bei den Reifen bekannt war. 57 große Gruppen, die für sich bleiben müssen, plus 100 Untergruppen gibt es auf dem hermetisch abgeriegelten Streckenareal. 4032 Menschen sind in der Woche vor dem Grand Prix getestet worden, alle bislang negativ. In der kommenden Woche, in der dann der Große Preis der Steiermark am gleichen Ort ausgetragen wird, soll es 7000 weitere Tests geben.

Den Maskenzwang kennt zwar alle Welt aus dem Alltag, jetzt sogar auch die Texaner. Im Fahrerlager, bei den Talkrunden und den Boxengaragen mutet es allerdings noch ein bisschen seltsamer an. Aber die strikten Beschränkungen, auch beim Begleittross der Formel 1, sollen die ersten acht Rennen Bestand haben, obwohl Optimisten für Ende August in Spa-Francorchamps die Zulassung eines bestimmten Zuschauerkontingentes erwarten. Dabei ist noch nicht einmal sicher, wann und wo es mit der zweiten Saisonhälfte weiter geht - vielleicht in Mugello, Portimao oder gar Hockenheim. Toto Wolff ärgert sich zwar, dass in seinem Heimatland keine besonders großen Schutzmaßnahmen mehr herrschen, nur der Red-Bull-Ring hermetisch abgeschirmt wird. "Aber wenn es die einzige Chance ist, damit wir wieder Sport treiben können, dann ist es okay." Für manchen ist es vielleicht auch ganz praktisch, denn mit Maske ist der Gesichtsverlust nicht so offensichtlich.

An sich sollten auch Rennfahrer angesichts der Motorengeräusche die Parteinahme auf den Tribünen nicht wirklich vermissen. Trotzdem sieht Champion Lewis Hamilton, der gern die Energie aus dem Umfeld aufsaugt, seine ursprünglichen Befürchtungen ("Ich fühle mich leer, aber es ist besser als nichts") trotz des hübsch grünen alpenländischen Panoramas von Spielberg bestätigt. Er schrieb seinen Fans über die sozialen Medien: "Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich Euch alle vermisse. Es ist ein großer Unterschied, Euch nicht hier zu haben." So muss er sich vorerst allein vergnügen, in der ersten Startreihe mit seinem Mercedes-Teamkollegen Valtteri Bottas, dem er im Qualifying knapp unterlegen war. Fürs Rennen aber ist die allgemeine Abstandsvorschrift aufgehoben.

© SZ vom 05.07.2020/schm

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