Formel 1:Und dann kam der Regen

44 HAMILTON Lewis (gbr), Mercedes AMG F1 GP W12 E Performance, action during the Formula 1 VTB Russian Grand Prix 2021,

Sieger im Regen: Lewis Hamilton (Mitte).

(Foto: Joao Filipe/imago)

Kurioses Jubiläum: Lewis Hamilton kommt zu seinem 100. Sieg in einem Grand Prix, weil kurz vor Rennende der bis dahin Führende Lando Norris einen schmerzlichen taktischen Fehler begeht.

Von Elmar Brümmer

Grellgelb sind die Ziffern auf der Boxentafel, so dass Lewis Hamilton sie auch durch die Gischt auf der Rennstrecke von Sotschi gut erkennen kann. Neben der Eins, die seinen Sieg beim Großen Preis von Russland anzeigt, leuchten da auch noch drei andere Zahlen: Der Brite im Mercedes hat mit Formel-1-Sieg Nummer 100 die WM-Führung zurückerobert. Im verregneten und daher dramatischen Schlussspurt jagt er dem scheinbar sicheren Sieger Lando Norris dank der größeren Routine den Erfolg noch ab und führt jetzt wieder mit zwei Zählern vor Max Verstappen in der Gesamtwertung. Der Niederländer schafft es vom letzten auf den zweiten Platz, Dritter wird Carlos Sainz jr. im Ferrari. "Es hat lange gedauert, bis ich den Hundertsten geschafft habe. Ich wusste nicht, ob das überhaupt je klappen würde", sagt der Brite erleichtert. Mitte Juli hatte er zum letzten Mal gewonnen, aber an diesem Sonntagmorgen habe er gemerkt: "Heute bin ich absolut entschlossen."

Die Formel 1 und der Generationswechsel, das funktioniert selbst dann prima, wenn derjenige, der Lewis Hamilton als Abo-Weltmeister ablösen soll, von ganz hinten starten muss. Der Start zum Großen Preis von Russland wurde nach den Wetterkapriolen in der Qualifikation am Samstag zu einer Art Sundays for future: Norris, 21, parkte seinen McLaren zum ersten Mal auf der Pole-Position, vor seinem Ferrari-Kumpel Carlos Sainz jr, 27 und Hamiltons künftigem Adjutanten George Russell, 23, mit dem Williams. Erst dann kam der 36 Jahre alte Champion Hamilton.

Ungewöhnlichen Hamilton-Patzern am Samstag folgt ein clever gestaltetes Rennen

Dessen Vorhaben auf einer ausgesprochenen Mercedes-Strecke - sieben Grand Prix in Putins Autodrom, sieben Siege - war klar: Punkte auf WM-Spitzenreiter Verstappen gut machen, der wegen einer Startplatzstrafe und einem einhergehenden Motorenwechsel auf Position 20 verbannt worden war. Doch im entscheidenden Qualifying-Abschnitt patzte erst die Mercedes-Strategiegruppe, dann Hamilton selbst: der Brite fuhr sich in der Boxengasse den Frontflügel ab, auf der entscheidenden Runde drehte er sich auch noch. Das, was Verstappen unterstellt worden war, unter enormen Druck Fehler zu begehen, entpuppte sich eher als Selbsterkenntnis. Auch wenn Hamilton seine Seele sofort wieder gekittet hat: "Das war peinlich. Aber mit Druck hat das nichts zu tun, ehrlich. Das ist das Problem, wenn man so viel Erfolg hat wie ich: Alles andere als Perfektion wird als Misserfolg bewertet."

Hamilton ist in dieser Saison auch nicht der beste Starter, aber er nutzte den Windschatten auf den ersten 900 Metern, saugte sich innen schon wieder an die Spitze. Doch das Zick-Zack-Duell zwischen Norris und Sainz, komplettiert durch den heranrauschenden Daniel Ricciardo im zweiten McLaren, ließ Hamilton keinen Platz. Im Interesse seiner Titelchancen hielt er nicht auf gut Glück drauf, sondern steckte zurück. Die erste kluge rennentscheidende Szene: Nach der ersten Schikane ist Sainz in Führung, Hamilton bloß Siebter. Während Gegenspieler Verstappen in gewohnter Manier schnell nach vorn schießen kann, nach dem Viertel der Distanz schon wieder in den Punkterängen ist.

Vorn meldete Lando Norris, der sich mit Sainz sieben Sekunden abgesetzt hat, ziemlich abgezockt die Führungsrolle an: "Ich hab' ihn!" Eine Schwäche des Spaniers, schon hatte Papayaorange die Farbe Rot von der Spitze verdrängt. McLarens Aufwärtstrend war nach dem Triumph von Monza scheinbar unaufhaltsam, Ricciardo bestätigte das zwischenzeitlich mit der Übernahme des zweiten Platzes. Durch die Wechselspielchen war Verstappen zwischenzeitlich schon Sechster, er witterte seine Chance. Die Strategen von Mercedes und Red Bull belauerten sich. Wer macht den ersten Zug?

F1 Grand Prix of Russia

Glücklicher Sieger, trauriger Verlierer: Lewis Hamilton (links) und Lando Norris.

(Foto: Pool/Getty Images)

Noch war die Situation unübersichtlich, dazu drohte der ständig drehende Wind neuen Regen vom Schwarzen Meer herüberzutreiben. Der russische Grand Prix, sonst eher ein Langweiler, wurde unterhaltsamer. Mit der zweiten Rennhälfte wechselte erstmal der Gummi-Vorteil: Hamilton mit den harten Pneus, Verstappen auf den weichen. Die beiden fuhren erstmal Slalom um die Kontrahenten im laufenden Verkehr. Es ist wie immer in solchen Situationen: Hamiltons Instinkte sind urplötzlich wieder intakt, er fuhr schnellste Runden gegen sich selbst und Spitzenreiter Norris.

Für Mick Schumacher war das Rennen in der 34. Runde beendet, er musste den Haas-Ferrari mit Motorenproblemen abstellen - kurz nachdem er sich wieder vor seinen internen Widersacher Nikita Mazepin gesetzt hatte. Damit war Sebastian Vettel der einzige im Rennen verbliebene Deutsche, aber der Aston Martin verlor sich einmal mehr im Niemandsland hinter den Punkterängen. Mit einsetzendem Regen wurde er stärker, war Neunter, obwohl sein Teamkollege Stroll ihn rüde in die Mauer drängte. Am Ende blieb dem Heppenheimer aber nur Rang zwölf.

Norris hält nicht nur mit, er fährt sogar schneller als Hamilton. Aber dann setzt der Regen ein

Hamilton machte das Ganze hingegen richtig Spaß. Ketzerisch fragt er seinen Renningenieur: "Ziemlich gutes Tempo, was?" Zehn Runden vor Schluss bahnte sich das Duell der Generation in voller Fahrt an, ein britisch-britisches dazu. Die beiden fuhren fast zwei Sekunden schneller als der Rest des Feldes, das schon eine halbe Minute zurücklag. Norris kämpfte tapfer, doch Hamilton fuhr ran. Es wurde eng, dazu begann es zu tröpfeln. Fünfzehn Jahre Altersunterschied waren nicht zu spüren - bis Norris auf der schmierig werdenden Piste zum ersten Mal rausrutschte.

Hamilton wollte nicht zu viel riskieren, er ließ abreißen. Intermediates-Wetter, aber an der Spitze wollte keiner an die Box. Norris sagte mehrfach "No, No" auf die Anordnung zum Sicherheits-Wechsel. Doch die Millionen-Rennwagen werden auf nassem Untergrund zu Seifenkisten, Hamilton ließ sich zur Vernunft zwingen, während sein Widersacher wie auf rohen Eiern fuhr. Zwei Runden vor Schluss ging Hamilton locker vorbei, als der hilflose Norris in die Auslaufzone schoss - er wurde am Ende nur Siebter. Für den Generationswechsel war es vielleicht ein bisschen zu nass.

© SZ/schm
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