Formel 1 in Singapur:"Mad Max" ist zurück

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Formel 1 in Singapur: Muss sich am Wochenende gefühlt haben wie ein Sisyphos-Champion: Max Verstappen.

Muss sich am Wochenende gefühlt haben wie ein Sisyphos-Champion: Max Verstappen.

(Foto: Clive Mason/Getty Images)

Beim Grand Prix in Singapur läuft für Fast-Titelverteidiger Verstappen nichts nach Plan, und auch sein Rennstall begeht unter Druck Fehler. Werden die Bullen auf den letzten Metern der Saison noch nervös?

Von Elmar Brümmer, Singapur

Vermutlich meint er es ehrlich, trotzdem klingt es etwas vergiftet, wenn Max Verstappen seinen Gegner lobt, auch wenn der im selben Team fährt. "Er hat das sehr gut gemacht", sagt der Niederländer über den zweiten Saisonsieg von Sergio Perez.

Die gemischten Verhältnisse auf dem Marina Bay Street Circuit erzeugen gemischte Gefühle, auch wenn es dabei bleibt, dass der Niederländer immer noch den Status eines Fast-Titelverteidigers hat. Die Verzögerung stört den Gesamtführenden und Siegertypen Verstappen dennoch, aber für das Publikum, das lange im Regen ausgeharrt hatte, war es eine vergnügliche Aufführung. Zudem freut sich Red Bulls Motorenausrüster Honda, dass die bevorstehende Kür am Wochenende auf der Werksrennstrecke in Suzuka vorgenommen werden könnte.

Formel 1 in Singapur: Heißsporn kurz vor dem fast sicheren Titel: Max Verstappen zeigt in Singapur Nerven.

Heißsporn kurz vor dem fast sicheren Titel: Max Verstappen zeigt in Singapur Nerven.

(Foto: Mark Thompson/Getty Images)

Vielleicht würde so ein Monsun-Schauer vor dem Start auch vielen anderen Formel-1-Aufführungen mal guttun. Der Große Preis von Singapur war zwar kein berauschender Grand Prix, aber ein unterhaltsamer - Pfützen und Bodenwellen sei Dank. Als nach zwei Dritteln der Distanz der Marina Bay Street Circuit getrocknet war, entwickelte sich auch ein echtes Rennen. Für die Favoriten aber war es zu spät, die Titelentscheidung wurde vertagt, weil WM-Spitzenreiter Max Verstappen am Ende nur Siebter wurde. Nicht richtig in Form waren die Mitfavoriten Charles Leclerc, der Zweiter wurde, und Lewis Hamilton, dem nur Platz neun blieb.

Es war ein Rennen mit zwei Halbzeiten und noch mehr Gesichtern. Das Ungewöhnlichste aber war die Erkenntnis, dass Red Bull Fehler unterliefen, wie sie in diesem Rennjahr bislang eher Herausforderer Ferrari unterlaufen waren. Auf einmal also die Umkehr der Verhältnisse und die Frage, ob der Sauna-Grand-Prix nur eine Ausnahme war - oder die Bullen auf den letzten Metern einer bislang triumphalen Saison tatsächlich nervös zu werden drohen.

Eigentlich könnte Verstappen gelassen bleiben - stattdessen verbremst er sich und schlittert quer über die Piste

"Siebter ist besser als Achter", so Verstappen, "aber für einen siebten Platz bin ich nicht hierhergekommen." Als er das spätabends zu Protokoll gibt, hat er schon wieder zurück zur lakonischen Kein-Problem-Einstellung gefunden. Er weiß ja, dass ihm bei den verbleibenden fünf Rennen der Titel unter normalen Umständen kaum zu nehmen ist. Er führt mit 341 Zählern vor Charles Leclerc (237) und Perez (235). Sollte er nach Suzuka 122 Zähler Vorsprung haben, wäre er durch. In der Hitze der Nacht war zuvor aber mehrfach wieder jener unberechenbare "Mad Max" aufgetreten, der nach den elf Siegen in 16 Rennen eigentlich schon verblasst war. Aber das Chaos von Singapur lockte wieder jene explosive Mischung aus Emotion und Provokation aus ihm heraus, die in besonders aggressiven Manövern mündet.

Zunächst, beim Start, lief alles ins Leere, im Wortsinn kam der Red-Bull-Honda nicht in die Gänge. Und in der 39. Runde, als er zum x-ten Mal in einem Stop-and-Go-Rennen wieder auf dem Weg nach ganz vorn war, bekam sein Auto beim Überholmanöver gegen den McLaren von Lando Norris plötzlich Unterluft. Es folgte eine noch spektakulärere Rettungsaktion, Verstappen schlitterte mit aller Kraft auf den Bremsen stehend quer zur Piste und fand den Notausgang. Wende, zurück an die Box, und mit den ganz weichen Reifen dann wieder los zur neuerlichen Aufholjagd. Ein Sisyphos-Champion.

Formel 1 in Singapur: Bummelnder Perez: Der Red-Bull-Pilot schließt in der Safety-Car-Phase zweimal zu spät auf. Folgen für seinen Sieg hatte das aber nicht.

Bummelnder Perez: Der Red-Bull-Pilot schließt in der Safety-Car-Phase zweimal zu spät auf. Folgen für seinen Sieg hatte das aber nicht.

(Foto: Lionel Ng/Motorsport Images/Imago)

Die Kapriolen um Red Bull Racing beschränkten sich nicht allein auf die Tankpanne im entscheidenden Qualifikationsabschnitt, als Verstappen auf seinem Weg zur sicheren Pole Position an die Box geholt werden musste, weil ihm der Sprit auszugehen drohte und über Funk wieder das böse Four-Letter-Word ausgetauscht wurde. Das Treffen mit den Ingenieuren schwänzte der erboste Champion in spe daraufhin, und das Team nahm alles auf seine Kappe. "Wir wollen nicht einfach nur gut sein, sondern perfekt", erklärte der Paradefahrer seinen - verständlichen - Gefühlsausbruch, "gerade weil wir so offen miteinander umgehen, sind wir so erfolgreich."

Zweimal gegen die Abstandsregel verstoßen - Perez kommt dennoch als Sieger davon

Ersatz-Sieger Sergio Perez, der bis zum Zeit-Limit des Rennens den Ferrari von Leclerc hinter sich halten konnte, beschäftigte noch zweieinhalb Stunden nach dem Siegesfeuerwerk für seinen zweiten Saisonerfolg Teammanager Ron Meadows und die Rennkommissare. Gleich zweimal in den Safety-Car-Phasen während des Chaos-Rennens hatte der Mexikaner nicht den richtigen Abstand eingehalten. Ferrari war davon ausgegangen, dass es dafür zweimal fünf Strafsekunden gibt, dann hätte der Sieger plötzlich Leclerc geheißen. Aber das wollten die Aufseher dem Publikum nicht zumuten, stattdessen gab es einmal fünf Sekunden drauf und eine Ermahnung - so reichten die 7,5 Sekunden Vorsprung, die Perez am Ende herausgefahren hatte, um den Sieg und die Red-Bull-Ehre zu retten.

Doch schon bald droht neues Ungemach, wenn der Automobilverband FIA bekanntgeben will, ob sich im letzten Jahr auch alle Rennställe konform zur eingeführten budget cap von 148,6 Millionen Dollar verhalten haben. Im Fahrerlagerfunk in Singapur meinte man zu wissen, dass dies bei Red Bull Racing nicht der Fall sei. Die großen Gegner Ferrari und Mercedes fordern verklausuliert ein hartes Strafmaß, bis hin zu rückwirkenden Punkteabzügen. Schon frohlocken britische Medien, dass der in Abu Dhabi um den achten Titel gebrachte Lewis Hamilton noch eine nachträgliche WM-Chance bekommen könnte. Aber die Auswirkungen könnten indirekt alle betreffen. Denn sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre das eine Art Doping-Fall im Motorsport und es würden die gerade erst gefassten Vernunftregeln untergraben. Red-Bull-Statthalter Christian Horner spricht von Diffamierung und versichert, dass sich sein Konzernteam "hundertprozentig" an die Vorschriften gehalten habe. Würde das Finanzgericht aber tatsächlich tagen, bliebe die Angelegenheit sicher länger in der Schwebe als Perez' Sieg oder der bevorstehende Titelgewinn von Verstappen.

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