Formel 1 in Silverstone:Eine Qualifikation, die eigentlich ein Rennen ist

Formel 1 in Silverstone: Max Verstappen geht in Silverstone als Erster ins Rennen.

Max Verstappen geht in Silverstone als Erster ins Rennen.

(Foto: Lars Baron/AP)

Verstappen auf Pole, Hamilton und Bottas dahinter - so geht es am Sonntag ins Rennen des Grand Prix von England. Doch eine Neuerung im Modus führt dazu, dass plötzlich vieles anders ist.

Von Elmar Brümmer

Es ist der große Augenblick des Alex Molina, vielleicht der größte überhaupt in seiner Karriere. Der Mann ist director of event spectacle in der Formel 1. Und damit das, was ein Stückchen Zukunft in der Königsklasse des Motorsports werden könnte, seinen würdigen Rahmen bekommt, hat er am Samstag auf dem Silverstone Circuit eine Requisite hervorgezaubert. Ein Teil aus den Siebzigerjahren.

Max Verstappen, der WM-Führende und auch der Erste in der Startaufstellung zum Großen Preis von Großbritannien, bekam nach seinem Triumph am Nachmittag im neuen Sprint einen Lorbeerkranz umgehängt. Das Ding sah allerdings eher aus wie ein dürrer, grün gefärbter Sesamkringel, an dem ein etwas zu groß geratenes Preisschild mit einer großen Eins baumelt.

Ein Stück Renngeschichte in der F1? Naja.

Eine reichlich bescheidene Requisite angesichts der vollmundigen Ankündigung, dass vor der imposant-gefährlichen sechsstelligen Zuschauerkulisse ein Stück Renngeschichte geschrieben würde. Dazu passte auch, dass Verstappen und die Nächstplatzierten Lewis Hamilton und Valtteri Bottas (die sich beide schnell wieder vom Kranz befreit hatten) für die Zeremonie auf der Ladefläche eines merkwürdig umgebauten Sattelschleppers über den 50 Grad heißen Asphalt gekarrt wurden.

Größeres Aufsehen war nach dem 100-Kilometer-Sprint nicht gewollt. Schließlich war es ja doch nur eine Qualifikation, obwohl es doch eigentlich ein Rennen war. Die Umstände nach dem ohne Not und aus Gründen der Vermarktung eingeführten Experiment beschreiben ganz gut, was von dem neuen Format zu halten ist: nichts Halbes und nichts Ganzes.

Erstmals in der Geschichte der Formel 1 ist das übliche Zeitfahren am Samstag durch einen Mini-Grand-Prix ersetzt worden. Prinzipiell eine ganz nette Idee, um die Sache spannender zu machen. Abgleich mit der Realität: Red-Bull-Pilot Max Verstappen siegte mit bequemem Abstand vor den Mercedes-Fahrern Hamilton und Bottas.

Eine größere Überraschung ist das Ergebnis wohl nur für die, die über die gesamte Zeit der Pandemie keinen Motorsport geguckt haben. Um ganz ehrlich zu sein: Wo sich sonst die Spannung durch das K.-o.-System über eine ganze Stunde zieht, war sie diesmal nach drei Minuten dahin. Mercedes-Teamchef Toto Wolff, ohnehin kein großer Freund der rasenden Versuchsanordnung, bestätigte mit süß-saurem Lächeln: "Wir hätten es auch nach fünf Runden abbrechen können, weil danach eh keiner mehr überholt hat."

Ross Brawn, der Formel-1-Sportchef, sah es von Berufswegen etwas anders. Er klang anschließend geradezu euphorisch. "Ich glaube, wir haben heute zwei Dinge gelernt - die Fans mögen das Format, und ein Racer ist und bleibt ein Racer", sagte Brawn. "Mir war immer klar: Wenn die Startampel erlischt, dann werden wir kein Taktieren erleben, sondern Attacke. Wir haben überall Action gesehen, vorne, im Mittelfeld, hinten. Die erste Runde alleine war eine Schau, schlichtweg begeisternd." Dass die anderen Runden weniger Schau und schlichtweg mau waren, das blendete Brawn an dieser Stelle aus. Er gab aber zu erkennen, dass er die Möglichkeit nicht ausschließt, dass zukünftig auch wieder der Gewinner der Qualifikation die Pole Position beanspruchen könnte, nicht der Gewinner des Sprints. Vor allem Sebastian Vettel hatte diese Änderung scharf kritisiert.

Der Wegfall von Strategie und Boxenstopps hatte im Sprint jedenfalls kaum etwas verändert, weiterhin spielten Reifenwahl und Aerodynamik eine große Rolle - und steht gegen noch freieres Rennfahren. Immerhin, alle gaben Vollgas. Aber der entscheidende Fehler im Sprint-System ist der, dass sich keiner durch übertriebenes Zweikampf-Risiko das Rennen kompromittieren möchte. Das gelang unfreiwillig nur Verstappens Nebenmann Sergio Perez. Der Mexikaner musste sein Auto nach einem Ausritt reparieren lassen und startete aus der Boxengasse.

Hätte sich nicht noch Mick Schumachers Kollege Nikita Mazepin gedreht (wie eigentlich fast immer), es wären sonst nur überschaubare Überraschungen zu vermelden: Fernando Alonso, der mit einem Raketenstart auf Rang sieben kam. Sebastian Vettel, der sich auf Rang acht kämpfte. Das britische Talent George Russell, der seinen Williams als Neunter ins Ziel brachte. Aber das sind Verschiebungen, die es sonst auch immer mal wieder gibt.

Entscheidender ist, dass die ersten Drei nach dem Schlüssel 3-2-1 Zusatzpunkte bekommen, so hat Verstappen seinen Vorsprung auf Hamilton um einen weiteren Zähler ausbauen können, ehe der zehnte WM-Lauf überhaupt startete. So etwas kann am Ende über den Titel entscheiden. Der Niederländer machte mit einem starken Start, bei dem Flammen aus seinen Bremsen schlugen, früh alles klar: "Es ist komisch, die Pole-Position so zu holen. Aber ich nehme sie natürlich gern."

Hamilton, der die Anfangsphase einmal mehr verschlafen hatte, kam zwar noch kurz heran, war einmal sogar Rad an Rad, aber danach blieb seine Drohung, den Löwen loszulassen, bloß Gebrüll. Es begann die befürchtete Prozession, die auch als eine der Demonstrationen für mehr Verkehrssicherheit durch den Automobilweltverband FIA hätte durchgehen können.

Fernsehsender und Veranstalter haben die zusätzliche Aufregung natürlich begrüßt, aber die bezahlen ja auch kräftig dafür. Und bekommen schon freitags einen zusätzlichen Programmhöhepunkt geliefert, wenn die Startaufstellung fürs Sprintrennen zur Primetime nach dem herkömmlichen Prinzip ermittelt wird. Dabei war in Silverstone übrigens Hamilton noch vor Verstappen gelandet, wofür er den klangvollen Trost-Titel als "Speed-King" verliehen bekam. Damit hat der Spektakel-Direktor wirklich einen prima Job gemacht. Für mehr Risiko ist er ansonsten auch nicht zuständig.

© SZ/bek
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