Nico Hülkenberg in der Formel 1Der Affe hüpft von der Schulter

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„Ich habe bis zum letzten Boxenstopp nicht daran geglaubt“: Nico Hülkenberg nach seinem ersten Podiumsplatz in der Formel 1.
„Ich habe bis zum letzten Boxenstopp nicht daran geglaubt“: Nico Hülkenberg nach seinem ersten Podiumsplatz in der Formel 1. Andrew Boyers/Reuters
  • Nico Hülkenberg erreicht beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone seinen ersten Podiumsplatz in der Formel 1 nach 239 Rennen und 5593 Tagen seit seinem Debüt.
  • Der dritte Platz ist für Hülkenberg und sein Sauber-Team eine große Erleichterung und Befreiung, die als Signal an den künftigen Werksteam-Partner Audi und die Investoren aus Katar gilt.
  • Mit seiner Leistung springt Hülkenberg in die Top Ten der Fahrerwertung, während Sauber vom vorletzten auf den sechsten Platz der Konstrukteurs-WM klettert und nun viermal in Serie punkten konnte.
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Im 239. Formel-1-Rennen seiner Karriere schafft es Nico Hülkenberg endlich aufs Podium. Sein dritter Platz in Silverstone ist Erleichterung und Befreiung zugleich.

Von Elmar Brümmer, Silverstone

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Der Weg zurück zum Pavillon des Sauber-Rennstalls musste sich für Nico Hülkenberg länger angefühlt haben als zuvor seine Fahrt vom vorletzten Startrang auf den dritten Platz beim Großen Preis von Großbritannien. Er hatte eine unauffällige Route gewählt, hinter den Garagen entlang. Dennoch stellten sich ihm immer wieder Ingenieure, Mechaniker, Bekannte in den Weg, um zu gratulieren. Das war schließlich nicht irgendeine Podiumsplatzierung, die Hülkenberg erreicht hatte, sondern seine allererste in der Formel 1. Exakt 5593 Tage nach seinem Debüt im Jahr 2010.

Die Ehrenrunde durch das Fahrerlager von Silverstone zeigte dem Rennfahrer aus Emmerich, wie sehr ihm alle diesen späten Durchbruch gönnten. 239 Rennen, einen so langen Anlauf hat noch kein Pilot in der Königsklasse für den Sprung aufs Treppchen gebraucht. Bereit war er längst, aber immer hatte etwas nicht gepasst, war er zur falschen Zeit am falschen Ort. Genau deshalb fühlte sich jetzt alles so richtig an. „Es war die überfälligste Podiumsplatzierung der Königsklasse“, sagte Teamchef Jonathan Wheatley: „Das war eine Meisterleistung. Den Affen hat er jetzt von seiner Schulter.“

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Hülkenberg, 37, musste sich zunächst jedoch orientieren. Woher sollte er auch wissen, dass man zur Champagner-Arie seinen Helm mitbringen muss, für den es eine eigene Vitrine gibt? Lando Norris, der britische Sieger des Tages, trug Hülkenberg den Kopfschutz hinterher und wollte wissen: „Wie hast du denn das gemacht?“ WM-Spitzenreiter Oscar Piastri, der Zweite von Silverstone, fragte wenig später: „Wie fühlt sich das an, 15 Jahre auf seinen ersten Pokal zu warten – und dann ist er aus Lego?“ Hülkenberg, auch bekannt für seine Schlagfertigkeit, ließ die Frotzelei des Australiers abperlen, er gewann der tatsächlich aus Bausteinen konstruierten Trophäe etwas anderes ab: „Prima, dann kann meine Tochter auch damit spielen. Du musst immer das Positive sehen!“

Pragmatismus ist genau sein Ding. So fährt er, so spricht er, so ist er drauf. Genau deshalb hat ihn Audi für das künftige Werksteam verpflichtet. Als harten Arbeiter mit großer Erfahrung, einen Mann, bei dem das Ego zwar ausgeprägt ist, aber der Teamgeist deutlich größer. Das hat er bei seinem Weg von Williams über Force India, von Renault zu Haas gelernt, weshalb er jetzt als idealer Mannschaftskapitän erscheint.

Die Fans in Silverstone wählen Hülkenberg zum Fahrer des Tages

Bei Sauber-Audi begann die Stressphase des Rennens nach dem entscheidenden Überholmanöver in der 35. Runde, als Hülkenberg im launischen britischen Sommerregen am Kanadier Lance Stroll vorbei auf den dritten Platz fuhr. Hülkenberg wusste selbst nicht, was gefährlicher war – die Pfützen und die Gischt vor ihm oder Lewis Hamilton im Rückspiegel. Der Rekordweltmeister und Silverstone-Spezialist benötigte die Podiumsplatzierung ebenfalls dringend, es wäre seine erste mit Ferrari gewesen.

Der letzte Reifenwechsel musste entscheiden. Hamilton wurde reingeholt, ein taktischer Trick, um den Gegner direkt danach und damit im Nachteil an die Box zu zwingen. Doch der undercut ging schief, denn der Deutsche blieb draußen – und hatte trotz eines eigenen, bescheidenden Stopps plötzlich zehn Sekunden Vorsprung. „Es war ein Ritt auf der Rasierklinge“, sagte Hülkenberg über Aufholjagd und Verteidigung: „Ich habe bis zum letzten Boxenstopp nicht daran geglaubt.“ Es wurde das erste Podium für einen Deutschen seit 2021, Hülkenberg selbst stand 2015 nach seinem Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit Porsche zuletzt auf einem Treppchen.

Die Fans in Silverstone wählten ihn zum Fahrer des Tages, Audis Formel-1-Projektleiter Mattia Binotto malte das größere Bild: „So etwas zu schaffen, das hat nicht nur mit Glück zu tun, sondern vor allem mit einer sehr starken rennfahrerischen Leistung.“ Der Italiener bilanzierte eine fehlerfreie Fahrt, eine gute Kommunikation und die richtige Strategie. Der Hülkenberg-Effekt sei auch in der täglichen Arbeit zu spüren: „Die Menschen kommen morgens mit einem Lächeln ins Werk.“ Auch für Jonathan Wheatley ist das neue Momentum entscheidend: „Wir können lange über das nötige Selbstbewusstsein reden. Aber jetzt ist es real, die Menschen können an sich glauben, das ist entscheidend. Wir sind in dieser Zusammensetzung noch ein junges Team, aber es hat eine erwachsene Leistung gezeigt.“

Mit seinen 15 Punkten sprang Nico Hülkenberg unter die besten Zehn der Fahrerwertung, Sauber schaffte es vom vorletzten Platz der lukrativen Konstrukteurs-WM auf den sechsten Rang und hat jetzt viermal in Serie punkten können. Wie groß der Stolz ist, drückte sich auch dadurch aus, wie gefeiert wurde: Eine riesige Schweizer Flagge wehte durch die Boxengasse, später brachte Mercedes Champagner-Nachschub, der vor drei Monaten von Red Bull Racing gekommene Teamchef Wheatley zündete sich genüsslich eine Zigarre an – eine Geste, die Rennstallgründer Peter Sauber eigen war. Der dritte Platz fühlte sich an wie ein Sieg, er war mehr als eine Erleichterung, eher eine große Befreiung. Ein Signal an den Konzern in Ingolstadt und die Investoren aus Katar: Wir können es noch.

Den Spitzenplatz in der Rangliste jener Formel-1-Fahrer mit den meisten Rennen ohne Podium hat nun ein anderer Deutscher mit Wohnsitz Monte-Carlo übernommen: Adrian Sutil, der ebenfalls mal für Sauber gefahren ist, unternahm 128 vergebliche Anläufe. Nico Hülkenberg bleibt künftig die unangenehme Frage nach dem Negativrekord erspart. Dafür wurde er in Silverstone gefragt, was noch drin sei für ihn. Er reagierte mit gespielter Empörung: „Ihr wollt noch mehr? Ich denke, das ist für den Anfang schon ganz gut.“ Was man eben so sagt, wenn die Karriere mit fast 38 neu gestartet wird.

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Von Elmar Brümmer

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