Formel 1:Immer für ein verstörendes Zitat gut

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Formel 1: Springt an schlechten Tagen sogar einem kriegsführenden Diktator bei: Bernie Ecclestone, früherer Formel-1-Chef (Archivbild).

Springt an schlechten Tagen sogar einem kriegsführenden Diktator bei: Bernie Ecclestone, früherer Formel-1-Chef (Archivbild).

(Foto: Mark Thompson/Getty Images)

Vor dem Großen Preis von Silverstone herrscht kollektives Aufbäumen in der Formel 1: Die aktuelle Generation mündiger Rennfahrer will unbelehrbare Traditionalisten wie Bernie Ecclestone nicht länger tolerieren.

Von Elmar Brümmer, Silverstone

Der alte Luftwaffenstützpunkt, auf dem arbeitslose Flugzeugmechaniker aus Langeweile nach dem Zweiten Weltkrieg die Formel 1 erfunden haben, ist kaum noch zu erkennen. Überall rund um das Home of British Motor Racing wird gebaut, modernisiert. Der Große Preis von Großbritannien, erklärte Rennstreckenchef Stuart Pringle unlängst, habe nur dann eine Zukunft, wenn er sich an Miami oder Las Vegas orientiere: "Der Sport verändert sich. Die Herausforderung für uns ist, wie wir mit dieser Entwicklung Schritt halten und das in unserem eigenen, unverwechselbaren Stil tun können."

Ein erster, einfacher Ansatz könnte sein, das übergroße Portrait des dreimaligen Weltmeisters Nelson Piquet im Boxengebäude abzuhängen. Der Brasilianer ist gerade schon vom British Racing Drivers Club, dem Besitzer der Strecke, nach rassistischen Äußerungen über Rekordchampion Lewis Hamilton die Ehrenmitgliedschaft aberkannt worden. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass die Königsklasse des Motorsports in der Moderne angekommen ist, obwohl ihr Geschäftsmodell jahrzehntelang auf kalkulierter Unkorrektheit basierte.

Formel 1: Lewis Hamilton fällt auf, wie hier in seiner sehr bunten Jacke, erhält aber auch viel Zuspruch im Fahrerlager.

Lewis Hamilton fällt auf, wie hier in seiner sehr bunten Jacke, erhält aber auch viel Zuspruch im Fahrerlager.

(Foto: Peter Cziborra /Reuters)

Zumindest wollen Besitzer Liberty Media und vor allem die aktuelle Generation mündiger Rennfahrer die unbelehrbaren Traditionalisten nicht länger tolerieren. Die Reaktionen auf Piquets Äußerungen und auch die jüngsten Ausfälligkeiten des längst entmachteten Zampanos Bernie Ecclestone mündeten in einem Aufruf des immer wieder angefeindeten Mercedes-Piloten: "Es gab viel Zeit, um zu lernen. Jetzt ist Zeit zu handeln."

Piquet, Ecclestone und Stewart stammen aus einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Normen noch ganz andere waren

Die Piloten solidarisierten sich sofort mit Hamilton, allen voran Sebastian Vettel: "Es geht doch um mehr als das, was in den letzten Tagen passiert ist. Es ist wahrscheinlich das, was Lewis und seine Familie schon sein ganzes Leben lang durchgemacht haben. Wir müssen deshalb unsere Standpunkte klarmachen. Entscheidend ist, welches Vorbild wir alle, die in der Öffentlichkeit stehen, abgeben. Nur so kann sich etwas ändern." Max Verstappen gelang das Kunststück, Nelson Piquet, den Vater seiner Lebensgefährtin Kelly, gleichzeitig zu tadeln und zu entschuldigen: "Seine Wortwahl war nicht eindeutig und nicht korrekt, das sollte uns allen eine Lehre für die Zukunft sein. Aber er ist definitiv kein Rassist."

Piquet, Weltmeister von 1981, 1983 und 1987, hatte sich nach der großen Empörung aus Reihen der Formel 1 über den Kommentar zu Hamiltons Hautfarbe in einem schon länger zurückliegenden Interview nicht wirklich ("schlecht durchdacht") von seinen Aussagen distanziert. Die Formel-1-Organisation, die nach Ausbruch des Ukrainekriegs sofort den russischen Grand Prix abgesetzt hatte, reagierte ebenfalls: Die Aussagen Piquets stünden in "starkem Kontrast" zu den eigenen "modernen Werten".

Piquet ist 69 Jahre alt, Ecclestone 91. Sie stammen aus Zeiten, in denen der Kampf gegen Rassismus und für Diversität und Inklusion weder im noch außerhalb des Fahrerlagers eine große Rolle spielte. Die sich rapide verändernden gesellschaftlichen Normen haben sie entweder nicht mitbekommen, oder sie versuchen sie zu ignorieren. Der dreimalige Weltmeister Jackie Stewart, 83, der sich als Freund der Königshäuser in aller Welt inszeniert, kritisiert den siebenmaligen Champion Hamilton zuletzt immer wieder: "Schlauer wäre gewesen, auf dem Höhepunkt seines Könnens zurückzutreten, statt jetzt schmerzhaft zu erfahren, nicht mehr dazu in der Lage zu sein", sagte Stewart. Dabei müsste er wissen, dass es eher eine Krise des Mercedes-Rennwagens ist, nicht eine des Fahrers.

Auch das noch: Ein kleiner Autokrat springt einem kriegführenden großen Diktator bei

So prallen die Geister der Vergangenheit auf einen Sport, der gerade wieder seine Zukunft entdeckt hat und sich entsprechend zeitgemäß darstellen will. Bernie Ecclestone, vor fünf Jahren entmachtet, ist jedenfalls immer für ein verstörendes Zitat gut. Dass er Piquet in der ITV-Sendung "Good morning Britain" in Schutz nahm, musste nicht verwundern. Als Ecclestone noch Brabham-Teamchef war, war der Brasilianer sein Angestellter. Der sei doch nur explodiert, und Hamilton habe sich auch nicht gleich gewehrt, fand Ecclestone: "Manchmal sagen die Leute eben solche Dinge."

Als Ecclestone dann anfügte, er würde für Wladimir Putin "immer noch durchs Feuer gehen", verstummten die Moderatoren. Ein kleiner Autokrat springt einem kriegführenden großen Diktator bei, das war überhaupt nicht so amüsant wie gedacht. Auf den TV-Bildern wirkt Ecclestone plötzlich hilflos. Pikant ist, dass Fabiana Ecclestone, die dritte Gattin des Briten, seit Dezember Vizepräsidentin des Automobilweltverbandes Fia ist. Im inneren Zirkel der Formel 1 kursieren Gerüchte, dass auch Ecclestone den neuen Fia-Präsidenten Mohammed ben Sulayem berate, was von einem Sprecher umgehend dementiert wurde.

Lewis Hamilton zeigte sich dankbar gegenüber der großen Welle der Solidarität, nachdem in jüngster Zeit die Formel-1-Moderatorin Naomi Schiff in sozialen Medien angegriffen wurde, Morddrohungen gegen den sich mit Minderheiten solidarisierenden Rennfahrer Lando Norris auftauchten und Red-Bull-Nachwuchspilot Jüri Vips nach einer rassistischen Äußerung aus dem Förderprogramm geworfen wurde. Offiziell wirbt die Formel 1 mit dem Slogan "We race as one", auch auf Hamiltons Initiative. Der sagte: "Es ist jetzt zwei Jahre her, nachdem wir erstmals vor einem Rennen auf die Knie gegangen sind. Und immer wieder werden wir mit Rassismus konfrontiert."

Deshalb wurde er vor dem zehnten WM-Lauf noch einmal programmatisch: "Es geht nicht um eine Person, es geht um das große Ganze. Wir sollten solchen Leuten keine Plattform mehr geben, die Menschen zu spalten - egal ob sie es bewusst oder unbewusst tun. Sie sind aus der Zeit gefallen und offensichtlich nicht bereit, sich zu ändern. So werden wir um Jahrzehnte zurückgeworfen. In den vergangenen Wochen ist kein Tag vergangen, an dem nicht irgendeiner der Älteren aus dem Motorsport versucht hat, negative Dinge zu sagen und mich zu Fall zu bringen. Aber ich bin immer noch hier, ich bin immer noch stark."

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