Formel 1 in Silverstone:Wenn der Ferrari-Boxenfunk zum Hörspiel wird

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Formel 1 in Silverstone: Gutes Gefühl: Carlos Sainz genießt nach 149 vergeblichen Anläufen wieder einen Formel-1-Sieg.

Gutes Gefühl: Carlos Sainz genießt nach 149 vergeblichen Anläufen wieder einen Formel-1-Sieg.

(Foto: Matt Dunham/AP)

Die Stimmung bei der Scuderia ist trotz des Erfolgs von Carlos Sainz in Silverstone geladen. Weshalb Ferrari seine letzten frischen Reifen nicht Charles Leclerc aufziehen ließ, der im Kampf um den Gesamtsieg viel besser postiert ist, bleibt schwer zu verstehen.

Von Elmar Brümmer, Silverstone

Es muss natürlich viel über das Material geredet werden nach diesem Großen Preis von Großbritannien. Über Hightech-Zäune und Titanbügel, die Lebensretter waren. Aber auch über die Menschen, die in den Cockpits sitzen. Die Podiumsbesetzung spiegelt wider, wie chaotisch und unterhaltsam dieser zehnte WM-Lauf nach dem Start verlaufen ist. Je einer von Ferrari, Red Bull und Mercedes, das klingt eher nach Macht der Gewohnheit. Aber dann steht da die spanische Zweitbesetzung Carlos Sainz jr. zum allerersten Mal nach 149 vergeblichen Anläufen in der Formel 1 ganz oben, an seiner Seite Sergio Pérez, der schon aussichtslos zurücklag, und Lewis Hamilton, der wieder aus dem Nichts nach vorn kam. Formel verkehrt.

Es hätte allein der Tag des Sainz sein können, doch die Geschichte ist eine andere. Der 27-Jährige bekam den korrekten Beifall für seine Leistung, aber mehr fragten sich die Experten unter den 142 000 Zuschauern: Wieso hat Charles Leclerc nicht gewonnen an einem der selten gewordenen Tage, an dem sein WM-Gegenspieler Max Verstappen als Siebter nicht groß punkten konnte. Das Grübeln über die taktischen Windungen bei der Scuderia kann einen auf die Dauer müde machen. Da feierte die Masse lieber so etwas wie die Auferstehung von Lewis Hamilton. Zum zweiten Mal hintereinander Dritter, das ist an seinen Statistiken gemessen nur eine numerische Randnote.

Aber es zeigt, dass mit Mercedes im Laufe einer schon abgeschriebenen Saison doch wieder zu rechnen ist. Denn der Brite stand kurz davor, mit einem neunten Silverstone-Sieg eine weitere Rekordmarke aufzustellen. Kurz vor der Saisonhalbzeit mit dem Großen Preis von Österreich am kommenden Wochenende erzählt der britische Grand Prix die Geschichte von einem, der hätte gewinnen können, und einem, der hätte gewinnen müssen. Was sich noch einfacher ausdrücken lässt: Vermutlich hat der Falsche gewonnen.

Rennfahrer, die genervt und angeschlagen sind, tun gut daran, sich nicht über ihr Team zu beschweren. Der Deutsche Mick Schumacher ist ein gutes Beispiel. Zu oft hatte ihm der Haas-Rennstall immer wieder den ersten Punktgewinn versaut, aber jetzt ist mit dem achten Platz der Haussegen geradegerückt. Schumacher junior hat genug damit zu tun, für sich zu kämpfen und nicht auch noch gegen das Team. Er sucht seine Chance. Charles Leclerc, der bei den permanenten Positionswechseln in den letzten Runden auf dem Silverstone Circuit mit den schwächeren Reifen den Kürzeren zog, besitzt inzwischen Routine darin, die Fehler seiner Scuderia hinzunehmen. Sein vierter Rang und der zugleich siebte von WM-Gegenspieler Max Verstappen mit einem beschädigten Red-Bull-Honda bringt ihn insgesamt nur um sechs Punkte näher an den Gesamtführenden heran, statt der möglichen 19, da sind immer noch gewaltige 43 Zähler aufzuholen.

Warum bekam Carlos Sainz frische Pneus - und nicht der aussichtsreichere Charles Leclerc?

Unmittelbar nach dem Rennende stürmt Leclerc im Fahrerlager auf Teamchef Mattia Binotto zu. Es sind erhobene Finger zu sehen, die Körpersprache beider signalisiert höchste Anspannung. Es braucht wenig Phantasie, um das Gesprächsthema zu erahnen: Leclerc dürfte gefragt haben, warum in der entscheidenden Safety-Car-Phase Kollege Sainz und nicht er frische Pneus bekommen hat. Binotto beschwichtigt, darin besitzt der Italiener große Routine. Es habe nichts zu diskutieren gegeben. Leclerc sagt dann zwar später, dass die sich wiederholenden fraglichen Taktikentscheidungen "nicht gut" seien für seine Chancen, aber er wolle sich nicht rausbringen lassen. Und bitteschön, man möge lieber über den ersten Sieg des Teamkollegen schreiben.

Formel 1 in Silverstone: Versteht die taktischen Entscheidungen seines Rennstalls nicht immer: Ferrari-Pilot Charles Leclerc.

Versteht die taktischen Entscheidungen seines Rennstalls nicht immer: Ferrari-Pilot Charles Leclerc.

(Foto: Molly Darlington/Reuters)

Schon im ersten Teil des Rennens aber war der Ferrari-Boxenfunk ein Hörspiel, in dem darum gefeilscht wurde, Positionen zu halten oder zu tauschen. So etwas gibt es zwischen Verstappen und Pérez zwar auch gelegentlich, aber am Red-Bull-Kommandostand wird schnell und kalt Tabula rasa gemacht, zu Gunsten des Titelfavoriten. Sainz war anfänglich nicht schnell genug, zeigte Nerven, von hinten drängelte schon Lewis Hamilton. In dieser Situation den eigenen Piloten zu erklären, sie dürften frei fahren, ist ein gewaltiges Risiko, beinahe fahrlässig. Genauso, wie den tapferen Leclerc am Ende ob der schlechteren Gummis zu opfern. Binotto will im Debriefing davon nichts wissen: "Alle unsere Entscheidungen waren zu ihrem Zeitpunkt richtig!" Diese Entschiedenheit hat schon was von Enzo Ferrari, dem großen commendatore. Nur: Sie waren dem reinen Sicherheitsgedanken geschuldet. In dieser Position aber befinden sich weder Leclerc noch sein Rennstall, sie müssen bedingungslos angreifen. "Jedes Team denkt anderes", kommentiert Red-Bull-Teamchef Christian Horner die Taktik des Konkurrenten.

Ein ausbalancierter Silberpfeil: Lewis Hamilton hat wieder ein Auto, mit dem er Druck machen kann

Lewis Hamilton durfte vor dem Heimspiel in der Mercedes-Garage seinen Hollywood-Buddy Tom Cruise begrüßen, den Maverick aus "Top Gun". Das passt sinnbildlich ganz gut, denn der Rekordweltmeister vergleicht das Gefühl der Formel-1-Fahrer auf dem ehemaligen Flugplatzkurs Silverstone gern mit denen eines Jetpiloten. Hamilton fuhr am Sonntag die schnellste Runde von allen, der runderneuerte Silberpfeil war erstmals in der Praxis so ausbalanciert wie in den Simulationen der Aerodynamiker. Er hat plötzlich wieder ein Auto, mit dem er Druck machen kann.

Ohne die Neutralisierung im letzten Rennviertel hätte er dank der besseren Reifennutzung an seinem Auto gute Chancen gehabt, mit den Ferrari-Fahrern zu kämpfen und an ihnen vorbeizuziehen. Immerhin, zur Rennmitte hat er erstmals in dieser Saison wieder einen WM-Lauf anführen können. Bisher hat der 37-Jährige noch in jedem seiner 15 Formel-1-Jahre mindestens ein Rennen gewinnen können. Er hat längst verinnerlicht und gerade vorgelebt, was Mattia Binotto dem enttäuschten Leclerc mit auf den Weg gibt: "Es ist jetzt schwierig, glücklich zu sein, aber wichtig, ruhig und positiv zu bleiben."

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