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Sebastian Vettel in der Formel 1:Grün ist die Enttäuschung

March 28, 2021, Sakhir, Bahrain: SEBASTIAN VETTEL of Germany and Aston Martin F1 Team on the starting grid before the 2

Der Farb- und Teamwechsel hat noch keine Gemütsveränderung bewirkt: Sebastian Vettel ist nach der Saisoneröffnung in Bahrain unzufrieden.

(Foto: ZUMA Wire/imago)

Sebastian Vettel fühlt sich in seinem neuen Auto noch nicht wohl. Kaum setzt er sich in den Aston Martin, zieht all das ins Cockpit ein, was ihn schon bei Ferrari so unglücklich machte.

Von Philipp Schneider, Manama

Ein wenig haben sich die Abläufe in der Formel 1 durchaus geändert nach dem Übergang von der ersten Pandemiesaison zur nächsten. Es gibt jetzt tatsächlich wieder eine sogenannte Mixed-Zone. Wem das nichts sagt: Das ist ein Bereich, in dem sich für gewöhnlich Sportler mit Journalisten mischen, um sich nach der Veranstaltung auszutauschen über Tore, Fouls und schnellste Runden.

Beim Auftakt der Formel 1 in Manama haben sie aus Hygienegründen eine distanzwahrende Barrikade hochgezogen, es sollen ja nur Worte ausgetauscht werden, keine Viren fliegen. Und weil bei so einem Grand Prix immer irgendwo ein Motor wummert oder ein Helikopter für die Fernsehbilder kreist, muss einer oft über die Barrikade brüllen, um Gehör zu finden.

Als Sebastian Vettel am späten Sonntagabend die Allee mit den Palmen entlangläuft, die sie in Manama mit Leuchtbändern umwickelt haben, weswegen diese nun aussehen wie Weihnachtspalmen, wenn es die gäbe -, da ist es ausnahmsweise mal ruhig. Alle Autos sind geparkt, die Helikopter gelandet. Vettel hält mit strammem Schritt auf die Journalisten zu, er sieht aus wie ein Mann, der gleich eine wichtige Botschaft anzubringen hat. Ohren strecken sich über die Barrikade. Vettel sagt: "Ich fühle mich im Auto noch nicht zu Hause." Stille. "Viele Dinge arbeiten gegen mich, und ich kann mich nicht wirklich auf das Fahren konzentrieren."

Dieser verregnete Julitag am Hockenheimring verfolgt Vettel im Grunde noch bis heute

Vettel ist ein Wohlfühlrennfahrer, immer schon gewesen. Noch heute wird ihm nachgesagt, er sei ein Racer, der regelrecht zaubern kann, wenn er erst zur Einheit wird mit seinem Auto. Wie in den ersten vier Jahren bei Red Bull, wie im SF71H, dem Ferrari der Saison 2018, in dem er lange Zeit auf Titelkurs fuhr. Ehe er mit ihm an einem fürchterlich verregneten Julitag am Hockenheimring in Führung liegend und ohne Not aus der Sachs-Kurve rutschte. Bis heute ist das jener Moment, der Vettels Karriere vielleicht am stärksten beeinflusst hat. An diesem Tag bog Vettel ab in einen dunklen Tunnel - und Lewis Hamilton, damals noch ein viermaliger Weltmeister wie Vettel, lernte das Fliegen.

All dieser Ballast sollte nun abgeworfen werden. All der Ärger bei der Scuderia Ferrari, wo ihn der Teamchef Mattia Binotto im Vorjahr mit einem Schlussmach-Telefonat abservierte, das man so nur vom Schulhof kennt. In Gedanken habe er immer wieder durchgespielt, wie er es Vettel sagen wolle, hat Binotto Monate später zugegeben. Und dann erst, als er all seinen Mut zusammengekratzt hatte, da hat er Vettels Nummer gewählt. Hallo, Seb. Hallo, Chef! Ach so.

Und deshalb sieht man da jetzt Vettel ganz in Grün vor der Weihnachtspalme. Grüner Anzug, grüne Schuhe, grüner Mundschutz. Aber er klingt schon wieder wie der Vettel in Rot. Der grübelnde Ferrarimann, dem sie 2020 ein lahmes Auto unter den Sitz schraubten, mit dem sich keine Rennen gewinnen ließen. In dem er aber doch langsamer war als sein Teamkollege. Weil Vettel zwar ein Wohlfühlrennfahrer ist, aber nicht einer, der einem schlecht abgestimmten Rennwagen seinen Willen aufzwingen kann. Vettel ist kein Rodeoreiter wie Charles Leclerc, er liebt es eher eingeritten.

Und jetzt? Sagt Vettel wieder, er fühle sich nicht zu Hause im Auto. Etwas arbeite gegen ihn. Dabei klang der Plan doch sehr gut! Da wechselt ein glückloser Rennfahrer zur kommenden Saison in ein wundersames Auto, das unter dem Namen Racing Point die halbe Formel 1 wuschig macht. Weil es eigentlich ein frech nachgebauter Mercedes ist. Das Auto wird grün umlackiert, in Aston Martin umgetauft. Und dann setzt sich Vettel hinein - und mit ihm zieht all das ein ins Cockpit, was ihn schon bei Ferrari so unglücklich machte: Ungeschick, Verbremser, Rammstöße. Das volle Programm.

Sogar Vettels alte Liebe scheint die Zylinder wieder einigermaßen zum Klopfen zu bringen

Am Samstag, beim Saisonauftakt in Bahrain, übersieht oder missachtet er in der Qualifikation erst zwei gelbe Flaggen, wird deshalb strafversetzt ans Ende des Feldes. Im Rennen rumst er ins Heck von Esteban Ocon, die Rennkommissare ahnden Vettel mit einer Zehn-Sekunden-Strafe. Der Franzose hatte ihn vor dem Crash sauber überholt, zunächst aber monierte Vettel im Funk, Ocon sei ihm in die Fahrlinie gezogen. Nach Betrachtung der Szene revidierte er dies, "letztendlich war es vielleicht mein Fehler", sagt Vettel. "Ich dachte, er bleibt rechts. Dann ist er wieder nach links gekommen, und als er nach links kam, hatte ich keinen Abtrieb mehr und habe ihn dann gerade getroffen." Tja. 15. Platz also, Vorletzter. Grün ist die Enttäuschung.

Nun ist die Saison erst ein Rennen alt, wenn der bemerkenswerte Optimismus der Formel 1 aufgeht, wird in diesem Jahr 23 Mal durch die Pandemie gebrettert. Dass im kompletten April nur der Große Preis in Imola ansteht, gibt Aston Martin Zeit, das Auto zu verbessern. Theoretisch. Andererseits ist der Abstand zu denjenigen, mit denen sich der Mitteklasse-Rennstall messen möchte, enorm: Vorneweg rasen 2021 Red Bull und Mercedes, dem ersten Eindruck nach sind sie ähnlich stark. Dahinter kämpfen um den Anschluss McLaren, aber auch Alpha Tauri, der Ausbildungsklub von Red Bull mit dem neuen schnellen Mann aus Japan: Yuki Tsunoda. Und ein Drehbuch voller Hinterhalt sieht vor, dass sogar Vettels alte Liebe Ferrari wieder einigermaßen die Zylinder zum Klopfen gebracht hat. Jetzt, da Vettel weg ist. Leclerc wurde in Bahrain Sechster, Vettels Nachfolger Carlos Sainz Jr. Achter.

Vor der Saison wurden in der Formel 1 die Vorschriften für die Aerodynamik, vor allem am Unterboden, verändert. Es gab Sicherheitsbedenken, dass die Autos ansonsten zu schnell führen. Die Teams verfolgen nun unterschiedliche Ansätze, nur zwei entschieden sich für einen flachen Anstellwinkel und haben deshalb in diesem Jahr mehr Probleme als im vergangenen: Aston Martin und Mercedes. Aber Mercedes ist halt Mercedes.

Im Kunstlicht der Palmen treibt sich nach dem Rennen auch der Tagesschlechteste herum. Mick Schumachers weißer Overall strahlt und kreist um die Kameras; und der 22-Jährige, der gerade sein erstes Formel-1-Rennen hinter sich gebracht hat, er plaudert so vergnügt über seinen 16. Platz, dass man meint: Gleich setzt er sich wieder ins Auto und fährt noch mal 56 Runden durch die Wüste. Er war ins Ziel gerollt, sein Teamkollege Nikita Masepin gleich nach Rennbeginn zu Fuß zurück zur Box gelaufen. Was will man mehr als Pilot eines Haas im Jahr 2021? Sollte Schumacher die ganze Saison nur ein einsames Rennen gegen sich selbst fahren, dürfte das auf Dauer zermürbend sein. Aber so weit ist er noch nicht.

Zufriedenheit richtet sich immer auch danach, wo einer herkommt. Bei Mick Schumacher ist das die Formel 2. Bei Sebastian Vettel ein Trophäenschrank mit vier Weltmeisterpokalen.

© SZ/jkn/klef/tbr
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