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Formel 1 in Österreich:Rausgeschossen vom Teamkollegen

Motorsports: FIA Formula One World Championship, WM, Weltmeisterschaft 2020, Grand Prix of Styria Motorsports: FIA Form; Sebastian Vettel

Sebastian Vettel: Kurzes Rennen in Spielberg

(Foto: HOCH ZWEI/Pool/COLOMBO IMAGES)

Ferrari erleidet in Spielberg einen Totalschaden: Charles Leclerc rammt Sebastian Vettel schon in der ersten Runde von der Strecke, keiner von beiden kommt ins Ziel. Mercedes feiert derweil einen lässigen Doppelsieg.

Von Philipp Schneider

Sechs Minuten? Tatsächlich! Sechs Minuten waren gefahren am Sonntag, da fiel ein Schatten auf das Visier von Sebastian Vettel. Wer nun dachte, so ein bisschen Abkühlung in der Hitze des Rennens würde Vettel begrüßen, der sah sich getäuscht: Den Schatten warf das Dach seiner Garage von Ferrari, in den seine Mechaniker nun den am Heck übel ramponierten SF1000 rückwärts in die Halle schoben und einparkten.

Vettel war raus. Nach der ersten Runde. Und die Pointe saß diesmal tiefer: Charles Leclerc hatte ihn rausgeworfen, sein Teamkollege, der im kommenden Jahr ohne ihn bei Ferrari beschäftigt sein wird. Ausgerechnet mit einer Reminiszenz an das gute, alte Vettel-Manöver.

Auf der Innenseite von Kurve drei, in der nicht einmal Platz für ein Ferrero Küsschen gewesen wäre, versuchte sich Leclerc an Vettel vorbei zu quetschen. Leclercs Ferrari touchierte die Randsteine, sein Heck stieg hoch, so hoch, dass sein linker Hinterreifen Vettels Heckflügel aus der Verankerung riss - dessen rechte Seite nun für eine Weile traurig über den Asphalt rumpelte.

"Ich war sehr überrascht, weil es ja gar keinen Platz gab", sagte Vettel mit der Ruhe eines Mannes, der wohl längst begriffen hat, dass er mit diesem Auto auf seiner Farewell-Tour bei der Scuderia keine relevanten Pokale mehr stemmen wird. "Ich war auf der Innenseite und habe nicht erwartet, dass es Charles probieren würde." Und es sei so: "Wir sollten solche Situationen vermeiden." Das war eine herrliche Untertreibung angesichts des Totalschadens, den Ferrari angerichtet hatte.

Leclercs Sorge in diesem Moment? "Ist mein Heck beschädigt?", erkundigte er sich im Funk. Aber ja! Das war es. Also war nach fünf Runden auch für ihn Schluss: 18 Rennwagen kreisten weiter beim großen Preis der Steiermark, am Ende gewann Lewis Hamilton mit einem Start-Ziel-Sieg. Vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas, der nach der erste Sause in der Steiermark ganz oben gestanden hatte. Und der sich nun fünf Runden vor Schluss Verstappen schnappte - der sich noch tapfer gegen die Degradierung auf den unbeliebtesten Platz auf dem Podium stemmte; letztlich aber chancenlos war und über zu wenig Abtrieb an der Vorderachse klagte.

Großer Preis von Österreich

Keine Zeit für den schönen Ausblick: Lewis Hamilton (links) beim Großen Preis der Steiermark.

(Foto: Leonhard Foeger/dpa)

Die Rennleitung untersuchte Leclercs Manöver, hatte aber nichts zu beanstanden. Leclerc - heutzutage läuft ja alles in Echtzeit - postete noch während des Rennens eine Entschuldigung auf Twitter: "Es tut mir leid. Aber Leidtun ist heute nicht genug. Seb hat heute keine Fehler gemacht."

Schlecht im Trockenen, schlecht im Regen

Das Wort Blamage hat in der Formel 1 nichts zu suchen, dafür haben ihre Rundfahrten zu wenig Relevanz. Aber das Gesamtpaket der Italiener an diese Wochenende kam einer gehörigen Peinlichkeit recht nahe: Schon am Samstag, nach dem zweiten Qualifying der Saison, war Teamchef Mattia Binotto so gut wie bereit, eine handsignierte Kapitulationserklärung zu Toto Wolff bei Mercedes zu mailen: In einer Zeitenjagd, während der es heftig geregnet hatte, war Vettel Zehnter geworden - mit fast 2,4 Sekunden Rückstand auf Hamilton. Leclerc wurde Elfter und wegen einer Behinderung Daniil Kwjats noch um drei Plätze nach hinten verschoben.

Letzte Woche war Ferrari schlecht im Trockenen, diesmal schlecht im Regen: Zugegeben, am Samstag regnete es Hunde, Katzen und vielleicht Kühe auf die Strecke, die ja in Spielberg nie weit entfernt sind. Aber es war nun offensichtlich, dass Ferrari in der Qualifikation nicht "wettbewerbsfähig" war, das hat Teamchef Mattia Binotto erkannt. Die Upgrades, die nun auf Anweisung von Ferrari-Chef Louis Camilleri ein Rennen früher als geplant angebracht wurden, hätten nicht funktioniert. Das sei "nicht gut genug für ein Team, das auf den Namen Ferrari hört", klagte Binotto.

Blöd nur aus seiner Sicht, dass das zu schlechte Team seit Januar 2019 auf einen hört: Mattia Binotto. Nach dem Crash sagte er allen Ernstes: "Es ist jetzt an der Zeit, die Kräfte zu vereinen. Und sehr bald Fortschritte zu machen."

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