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Formel 1:Rivale im Rennstall

Die neue Saison startet mit dem alten Duell: Vettel gegen Hamilton. Aber ein weiteres kommt hinzu: Vettel gegen Teamkollege Leclerc.

Melbourne ist anders. Sebastian Vettel merkt das jeden Morgen, sobald er an der Rennstrecke im Albert Park angekommen ist. Oft steigt er dann vom Fahrrad.

Ist aber noch längst nicht am Ziel. "Melbourne Walk" haben die Veranstalter den öffentlichen Laufsteg sinnigerweise getauft, der vom Parkplatz in die abgeschottete Welt des Fahrerlagers führt, durch diese Gasse muss Vettel kommen. Links eine niedrige Bande, rechts eine niedrige Bande, mehr trennt auch Vettel nicht von den Fans, die den Fahrern dort so nahe kommen dürfen wie fast nirgendwo auf der Welt. Ein Problem ist das nicht. Weil die Fans Melburnians sind, und wenn der Eindruck nicht täuscht, dann sind die Einwohner von Australiens Küstenstadt die entspanntesten Menschen, die jemals einen Grand Prix besucht haben.

Wenn Formel 1 ist im Albert Park, dann bringen die Melburnians ihre Kinder mit. Sie setzen sich auf Wolldecken und packen Kuchen aus. Die Sonne scheint, Palmen spiegeln sich im See, im Hintergrund vor blauem Himmel steht die Skyline, die in Melbourne nicht bedrohlich, sondern lieblich in die Höhe schießt. Was man nicht sieht? Gettoblaster, Bierbongs und Wet-T-Shirt-Contests wie an den Strecken in Europa, die von Deutschland aus per Wohnwagen zu erreichen sind. Vettel mag den Melbourne Walk. Er nimmt sich viel Zeit, er lächelt, scherzt, die Melburnians reichen Gegenstände. Vettel schreibt Vettel.

Die Autogramme sind nicht das Problem. Die Fragen sind das Problem. Es sind die gleichen Fragen wie im Vorjahr, in denen sich erkundigt wird, ob es in diesem Jahr endlich reichen wird zum Gewinn der Weltmeisterschaft. Und jetzt ist noch eine dazugekommen, die verdammte, neue Frage.

"Sebastian, dein Teamchef hat gesagt, dass du in bestimmten Situationen teamintern bevorzugt werden wirst. Welche Situationen sind das?" Die Pressekonferenz. Keine schlechte Frage. Ach, sagt Vettel. "Ich glaube, das ergibt nicht viel Sinn, jetzt bestimmte Situationen durchzusprechen." Es sei ganz einfach: Er und sein neuer Kollege Charles Leclerc seien "free to race each other". Sie dürfen gegeneinander fahren, heißt das. Möge der Schnellere gewinnen? Möge der Schnellere Weltmeister werden? Auch wenn er nicht Vettel heißt? "Am Ende fahren wir beide für Ferrari. Das bedeutet, dass wir versuchen, Ferrari dahin zu bekommen, wo wir es in den vergangenen Jahren hinbringen wollten."

„Wir können frei gegeneinander fahren“ – sagt der neue Ferrari-Pilot Charles Leclerc, 21, über den zehn Jahre älteren Teamkollegen Sebastian Vettel (links).

(Foto: AFP)

2007 war Ferrari zuletzt da, wo es wieder hin soll. Vor zwölf Jahren wurde Kimi Räikkönen Weltmeister im roten Auto. Ironischerweise jener Räikkönen, den die Scuderia vor der laufenden Saison zu Sauber geschickt hat, damit ein Cockpit frei wird für den 21 Jahre alten Charles Leclerc. Räikkönen, inzwischen 39, wäre nicht noch einmal Weltmeister geworden bei Ferrari, seine Berufsauffassung hatte vorgesehen, sich Vettel unterzuordnen. Leclerc definiert seine Rolle anders. Er sagt: "Wir können frei gegeneinander fahren. Das heißt, dass ich versuchen kann, im Qualifying schneller als er zu sein." Und was Mattia Binotto, der neue Chef von Ferrari, mit seiner kryptischen Andeutung gemeint hatte, Vettel sei in bestimmten Situation zu bevorzugen, das erklärt Leclerc freundlicherweise gleich auch noch. In einer Situation, "in der es 50:50 steht", müsse es "eine Nummer eins und eine Nummer zwei geben". Fährt Leclerc am Samstag in der Qualifikation schneller als Vettel, ist es schon vorbei mit 50:50, streng genommen. Einen Thronsturz zu planen, erfordert bekanntlich aber weniger Mut, als einen durchzuführen.

Die Scuderia ist eine andere als noch im vergangenen Herbst

Keinesfalls wird es einfacher für Vettel in seinem fünften Jahr bei Ferrari. Endlich will er das wahrmachen, für das er Red Bull, wo er viermal nacheinander die Weltmeisterschaft gewonnen hatte, 2015 verließ: den Titel holen in einem Ferrari. Michael Schumacher brauchte auch vier Jahre Anlauf, ehe er die erste Weltmeisterschaft mit den Italienern gewann, dann ließ er vier weitere Titel folgen. Schumacher hatte allerdings ein Team um sich versammelt, in dem der Teamchef, der Fahrerkollege, jeder Ingenieur und jeder Schrauber nur ein Ziel kannten: Schumacher glücklich zu machen. Vettel dagegen hat nun nicht länger nur Gegner bei Mercedes, sondern erstmals auch einen im eigenen Team. Vor zwei Jahren war Leclerc bei Ferrari noch der Simulatorpilot, der Vettel mit Daten versorgte. Er machte seine Sache so gut, dass sich Vettel bei ihm nach einem Rennen öffentlich bedankte. Und nun lobt Binotto: "Er ist smart, er ist schnell. Für uns ist Charles eine großartige Investition." Leclerc verbringe viel Zeit mit den Ingenieuren, "um zu lernen und sich ständig zu verbessern. Wir werden viel Freude an ihm haben".

Die Scuderia ist in diesem Frühjahr eine andere als noch im vergangenen Herbst. Das liegt nicht nur an Leclerc, dem Formel-2-Weltmeister von vor zwei Jahren, der im vergangenen Jahr im unterlegenen Sauber 39 Punkte holte und beim Rennen in Baku Sechster wurde. Das Arbeitsklima hat sich geändert, seit Binotto, der ehemalige Technikchef, aus dem internen Machtkampf mit dem stolzen Maurizio Arrivabene als Gewinner hervorging und dessen Nachfolge antrat. Binotto, 49, geboren in Lausanne, der seinen schlauen Blick mit einer scharf umrandeten Brille noch zu betonen weiß, legt Wert auf klare Zuständigkeiten und eine flache Hierarchie. Diese Vorlieben hat auch Toto Wolff, Teamchef von Mercedes. Dort lief es in den vergangenen fünf Jahren perfekt, das Team gewann alle Pokale, die zu vergeben waren. Wolff hat allerdings sämtliche Zuständigkeiten bis auf die eines Teamchefs delegiert.

Binotto dagegen stellte am Freitag klar, er werde sich weiter auf die Entwicklung der Technik konzentrieren. Die Technik habe "höchste Priorität", sagt er: "Wenn das Auto schnell ist, dann folgt der Rest automatisch." Das klang eher so, als würde er das Chefsein ein bisschen zurückstellen.

Wie schnell das Auto, der SF90, den Vettel "Lina" getauft hat, in dieser Saison sein wird, das war auch zwei Tage vor dem ersten Rennen nicht klar. Waren Vettel und Leclerc bei den Tests in Barcelona noch klar die Schnellsten, dominierten Lewis Hamilton, Valtteri Bottas und Mercedes das Freitagstraining in Melbourne. Fast neun Zehntelsekunden war Hamilton schneller als Vettel, der sogar nur Fünfter wurde. Wie schon in Barcelona war auch diesmal unbekannt, wie viel Benzin die Fahrer getankt hatten, wie schwer also ihre Autos waren. "Wir verlieren in jeder Kurve Zeit", erklärte Vettel, in der Nacht warte auf sein Team jede Menge Arbeit.

Alle Ferrari-Weltmeister

Alberto Ascari 1952 und 1953, Juan Manuel Fangio 1956, Mike Hawthorn 1958, Phil Hill 1961, John Surtees 1964, Niki Lauda 1975 und 1977, Jody Scheckter 1979, Michael Schumacher 2000 bis 2004, Kimi Räikkönen 2007.

Vor dem Rennen gab es vorerst ein paar Antworten auf eine sehr kleine Frage. Wie die Fahrer ihre Winterpause verbracht haben? Nun, Lewis Hamilton war Fallschirmspringen. Und er war Surfen. Eigentlich wollte er ein zweites Mal surfen, und zwar rund um Melbourne an der australischen Küste. Dann allerdings, so hat er es erzählt, habe er keinen Strand finden können, vor dem im Wasser keine Haie lauern. Und jeder Australier, bei dem er sich nach einer haifreien Küste erkundigt habe, hätte gemeint, sagt Hamilton: "Na, na, mach dir keine Sorgen! Wenn ein Hai kommt, dann schlag ihm einfach ins Gesicht! Australier sind ein bisschen crazy, was?"

Und Vettel, wie hat Vettel den Winter verbracht? "Ich war zu Hause und habe mir selber Frühstück gemacht. Das klingt vielleicht ein bisschen langweilig, aber ich mag das." Zumindest crazy klingt das nicht. Und wenn die Nacht vorbei ist, wenn am Samstag die Qualifikation im Albert Park gefahren wird, dann erhält Vettel endlich Antworten auf zwei große Fragen: Wie schnell ist Lina? Und wie gefährlich ist Leclerc?