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Strafe für Renault:Schurkenstück in der Formel 1?

Formel 1: Niko Hülkenberg steigt aus seinem Renault

Na, na, na, was blinkt denn da? Auf so einem Lenkrad (das Nico Hülkenberg ausbaut und auf die Haube legt, bevor er aus seinem Renault klettert) soll erkennbar gewesen sein, dass sich die Einstellungen der Bremsbalance geändert haben - ohne dass Hülkenberg diese zuvor verstellt hatte.

(Foto: Jerry Andre/imago)
  • Die Piloten Nico Hülkenberg und Daniel Ricciardo sind nachträglich vom Rennen in Suzuka ausgeschlossen worden.
  • Der Automobil-Weltverband FIA hat nach einem Protest des Rennstalls Racing Point gegen dessen Konkurrenten Renault so entschieden.
  • Den Renault-Fahrern soll eine "driver aid" zur Verfügung gestanden haben, eine Fahrhilfe.

Von Philipp Schneider

Die Formel 1 erzählt gerade eine spannende Geschichte, und diese handelt nicht davon, ob Lewis Hamilton schon an diesem Sonntag in Mexiko zum sechsten Mal Weltmeister wird. Oder halt erst eine Woche später beim Rennen in Texas. Die Geschichte ist geradezu sensationell, das steht fest. Die Frage ist allein noch, welchem Genre sie zugerechnet werden muss: Ist sie ein Krimi? Eher Schurkenstück? Nur ein Technik-Thriller? Oder gar eine Spionage-Schmonzette?

Mittwochnacht deutscher Zeit hat der Automobil-Weltverband FIA über einen Protest des Rennstalls Racing Point gegen dessen Konkurrenten Renault entschieden, der nach dem vergangenen Grand Prix in Japan vorgetragen worden war. Die FIA fällte ein Urteil, das nicht nur das französische Team ratlos macht, sondern weite Teile der Formel 1: Sie schloss die Piloten Nico Hülkenberg und Daniel Ricciardo nachträglich vom Rennen in Suzuka aus. Weil die Kommissare nach gründlicher Prüfung zu dem Ergebnis gekommen waren, den Renault-Fahrern habe eine "driver aid" zur Verfügung gestanden, eine Fahrerhilfe. Und diese verstoße gegen Artikel 27.1 des Sportgesetzes, wonach Fahrer ihren Wagen ohne fremde Hilfe steuern müssen. Und jetzt wird es kurios.

Automatik entlastet Fahrer

Die FIA bestätigte in ihrer Begründung, Renault habe keinerlei verbotene Technik im Einsatz gehabt - und bestrafte das Team trotzdem. Unter Verweis auf ein Beweisstück, das der Öffentlichkeit nicht vorliegt, Racing Point auch nicht, der FIA allerdings schon. Das ist durchaus sehr ungewöhnlich.

Was war geschehen? Unmittelbar nach dem Rennen in Suzuka hatte Racing Point argumentiert, Renault habe in den Autos ein System zur automatischen Verstellung der Bremsbalance zwischen Vorder- und Hinterachse im Einsatz gehabt. Um dem Vorwurf auf den Grund zu gehen, wurden die FIA-Techniker daraufhin angewiesen, elektronische Steuereinheiten sowie die Lenkräder von Ricciardo und Hülkenberg zu beschlagnahmen und zu versiegeln.

Die Veränderung der Bremsbalance nennt sich Bremsmigration. Die Fahrer können über einen Drehschalter am Lenkrad von Kurve zu Kurve festlegen, wie die Bremsleistung verteilt werden soll: etwa 55 Prozent vorne und 45 Prozent hinten. Wenn das Auto instabil ist am Kurveneingang, muss der Fahrer mehr Bremslast auf die Vorderachse verlagern. Wenn das Auto dagegen untersteuert, hilft ihm etwas mehr Last hinten.

Der Grund für den Verdacht von Racing Point wurde von der FIA kommuniziert: Und zwar sei den offenbar sehr aufmerksamen Leuten von Racing Point beim Studium der Videos der Bordkameras beider Renaults aufgefallen, wie sich auf den Lenkrädern die optische Darstellung der Bremskraftverteilung geändert habe - ohne dass die Piloten zuvor eine Feinjustierung mit ihren Händen vorgenommen hätten. Es sei anzunehmen, vermutete Racing Point demnach, dass die Renaults über ein System verfügten, in dem die optimale Bremskraftverteilung - je nach konkreter Streckenposition der Autos und der kurz darauf zu fahrenden Kurve - vorab einprogrammiert worden sei. Und dieses verändere dann die jeweilige Abstimmung Runde für Runde im jeweiligen Moment automatisch, um so den Fahrer zu entlasten.

Alles Unsinn, verteidigte sich Renault in den Tagen danach: In der Tat sei auf den Videos zwar zu sehen, wie sich die Einstellungen der Bremskraftverteilung ohne Eingriff der Fahrer änderten. Jedoch sei das kein Betrug. Das Geheimnis sei eine spezifische Erfindung von Renault, die legal und der FIA im Details bekannt sei. Und deren Funktionsweise in einem als "confidential" deklarierten Anhang dem Automobilverband zusammen mit der Verteidigungsschrift übermittelt worden sei. Dieser Argumentation schlossen sich die Kommissare sogar in weiten Teilen an.

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