Zukunft der Formel 1:Totgesagte fahren länger

Lesezeit: 2 min

Formula 1 2021: Austrian GP RED BULL RING, AUSTRIA - JULY 04: Max Verstappen, Red Bull Racing RB16B, leads Lando Norris,

In der Formel 1 können es die Kleineren aktuell auch immer mal wieder mit den Größeren aufnehmen.

(Foto: Andy Hone/imago)

Die Dominanz von Mercedes bröckelt, dazu die Aussicht auf einen CO2-neutralen Motor: Dafür, dass die Formel 1 schon abgeschrieben wurde, ist sie erstaunlich pumperlgesund.

Kommentar von Philipp Schneider

Auf den flüchtigen Blick ist die Faktenlage angenehm simpel. Immer wieder sonntags knattern die Piloten von 20 Verbrennungsmotoren zu ihrer eigenen Erbauung im Kreis, emittieren reichlich CO2 und erwärmen das Klima. Für ihre Wettfahrten fliegen sie nicht nur monatelang um die Erde, sie werden dabei auch noch von mehr Ingenieuren und Mechanikern begleitet, als für einen Radwechsel nötig wären. Bei wem auch nur die Hälfte aller Synapsen im Gehirn noch gut miteinander vertraut sind, kann eigentlich nur zu diesem Ergebnis kommen: Die Formel 1 hatte ihre Zeit. Wie Kreuzfahrtschiff, Dampflokomotive, Walkman und Telefonzelle. Oder etwa nicht?

Außerdem: Wenn nicht einmal mehr der werbefinanzierte Sender RTL zuverlässig die Rennen kostenfrei überträgt, obwohl doch der Sohn des Rekordweltmeisters inzwischen mitbrettert, ist das nicht ein untrügliches Zeichen, dass hier etwas wegkann?

Am vergangenen Wochenende trafen sich am Rande des Rennens in Spielberg einige Abgesandte, die die Formel 1 ziemlich bald stilllegen könnten. Wenn sie denn wollten. Die Vorstandschefs von Mercedes, Ferrari, Renault und Red Bull besprachen mit den Verantwortlichen der Formel 1 allerdings keine Stilllegung, sondern die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft: die technischen Eckdaten jenes Motors, der ab 2025 gefahren werden soll. Mit am Tisch saßen interessanterweise auch Oliver Blume und Markus Duesmann, die Vorstandsvorsitzenden von Porsche und Audi. Unternehmen, die mit einer Rückkehr (Porsche) beziehungsweise einem Einstieg (Audi) in die Formel 1 flirten. Ausgerechnet Audi, obwohl die Ingolstädter gerade erst erklärt haben, ab 2026 keine Autos mit Verbrennungsmotoren für den Straßenverkauf mehr entwickeln zu wollen.

Krasser Widerspruch? Nicht, wenn die Verbrenner der nächsten Generation mit synthetischem Benzin betrieben werden, was forciert werden soll. Mit einem Treibstoff also, bei dessen Produktion genau so viel CO2 aus der Atmosphäre entnommen, wie bei seiner Verbrennung freigesetzt wird. Sollte der zur Produktion des Benzins nötige Strom tatsächlich zu 100 Prozent mit regenerativen Methoden gewonnen werden, ließe sich Audis Einstieg in die Königsklasse des Rennsports sogar am Tresen des verpackungsfreien Bioladens in München-Schwabing gewaltfrei diskutieren. Und sogar als Technologie anpreisen, die dort weiterhilft, wo die E-Mobilität an Grenzen stößt (Langstrecke, Flugverkehr).

Wichtige Reformen, über die seit Jahrzehnten nur geredet wurde, sind geplant oder umgesetzt

Dafür, dass die Formel 1 schon totgesagt wurde und es mancherorts mit Belustigung kommentiert wurde, dass der amerikanische Unterhaltungskonzern Liberty Media vor vier Jahren rund acht Milliarden Dollar zahlte für Vermarktungsrechte, die der ehemalige Gebrauchtwagenhändler Bernie Ecclestone 2001 noch für 360 Millionen Dollar erworben hatte, ist die Rennserie erstaunlich pumperlgesund.

Wichtige Reformen, über die seit Jahrzehnten nur geredet wurde, sind geplant oder umgesetzt. Wie der Kostendeckel für die Teams, der, angeschoben von den finanziellen Folgen der Pandemie, seit diesem Jahr greift - und sogleich zu spüren ist. 20 Runden lang hielt der 21-jährige Lando Norris im unterlegenen McLaren gerade in Spielberg den Silberpfeil von Lewis Hamilton hinter sich, ehe er munter Champagner versprühte auf dem Podium.

Dass der Seriensieger Mercedes nach sieben fetten Jahren endlich mal ins Straucheln gerät und hinterherhechelt, hat nicht nur, aber auch etwas damit zu tun, dass die Finanz- und Entwicklungs-Ressourcen nicht länger unendlich sind. Ab der kommenden Saison steigen Vettel und Hamilton in Rennwagen, die sich von denen der Gegenwart fundamental unterscheiden. Mercedes schiebt lieber das Auto der Zukunft in den Windkanal als das Auslaufmodell 2021. Red Bull will den Titel in der Gegenwart erzwingen, zu welchem Preis, das wird sich weisen. Wer nach drei Siegen von Max Verstappen in 14 Tagen unbedingt etwas zu Meckern sucht: Die Wagen des Getränkekonzerns könnten auf dem Weg zum Titel gerne etwas langsamer fahren.

Zur SZ-Startseite

Sieben Kurven der Formel 1
:Vom Kumpel in den Kies gerempelt

Sebastian Vettel fährt in Grün, sieht aber Rot. Max Verstappen avanciert zum Rekordsieger - und Mick Schumacher fühlt sich immer wohler. Die Höhepunkte des F1- Wochenendes.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB