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Formel 1:Eine Krise wie gemacht für Red Bull

F1 Grand Prix of Australia - Previews

Wollen angreifen: Die Red-Bull-Piloten Max Verstappen (links) und Alexander Albon.

(Foto: Getty Images)

Zwei Rennen hintereinander in Österreich auf derselben Piste sind ein Novum in der Formel 1. Der Red-Bull-Konzern präsentiert sich als Gastgeber - und als WM-Mitfavorit.

Seine Hörner sind vergoldet, im mächtigen Gerippe aber sollen auch recycelte Dosen verarbeitet sein. Nachhaltigkeit, Authentizität, Identität - das alles ist wichtig beim Projekt Spielberg. Gut 17 Meter hoch ist der Bulle, der inmitten der Rennstrecke seine Koppel hat, mit Sockel wiegt er 1300 Tonnen. Der Stier ist für den Getränkehersteller Red Bull das, was der Stern für Mercedes bedeutet. Ein Archetyp, so wie der Unternehmensgründer Dietrich Mateschitz, 76. Die Formel 1 ist nicht unbedingt eine der gefährlichsten Sportarten im Marketing-Portfolio seines Konzerns, dafür aber immer noch die populärste. Eine der wenigen Veranstaltungen auch, bei denen sich Mateschitz zeigt. Es geht ums Geld, aber es geht auch um Stolz.

Zwei Rennställe und eine Rennstrecke zu besitzen, hat den Multimilliardär schon bisher zu einem der wichtigsten Player in der Königsklasse gemacht. Jetzt, wenn die Formel 1 als erste globale Sportart inmitten von Corona wieder grenzüberschreitend an den Start geht, bekommt das Gewicht von Red Bull und somit das Ego von Mateschitz noch mehr Bedeutung: Spielberg soll den Weg bereiten für eine möglichst sichere Rennsaison in unsicheren Zeiten. Erstmals überhaupt werden zwei Grand-Prix-Rennen hintereinander auf einer Piste ausgetragen: An diesem Wochenende der Große Preis von Österreich und am Wochenende drauf der Große Preis der Steiermark. Ein doppeltes Heimspiel. Auch ein Novum, dass ein WM-Lauf nach einer einzelnen Region benannt wird.

Für Mateschitz schließt sich der Kreis. Er hatte nicht nur den Rennstreckenneubau finanziert und gegen alle Widerstände durchgesetzt, sondern bei der Rückkehr der Formel 1 im Jahr 2014 auch den Hausbesitzern in seiner wirtschaftlich eher schwachen Heimatregion Zuschüsse für die Fassadenrenovierung gegeben. Diesmal aber strahlt alles wie von selbst. Die Formel 1, die sonst zweistellige Millionenbeträge als Startgeld von den Veranstaltern kassiert, muss die Kosten für ihre Geisterrennen selbst berappen - oder dankbar für Mäzene sein.

Verstappen will eine Show in Oranje für alle Daheimgeblieben liefern

In Österreich dürfte es sich um eine Frage der Ehre handeln. Ohne das Engagement von Red Bull wäre es vielleicht gar nicht oder noch viel später losgegangen mit dieser Saison. Und wer weiß, welcher Rennstall das überlebt hätte? Mateschitz hat sich zum Thema auf der von ihm finanzierten Plattform speedweek.com zu Wort gemeldet: "Wir haben diese, in der Geschichte der Formel 1 einmalige Herausforderung gerne angenommen und freuen uns auf die beiden Wochenenden. Spielberg wird spannende Rennen sehen - und damit ein Zeichen der Machbarkeit in die ganze Welt schicken." Tusch!

Das Red-Bull-Team selbst aber könnte auch über den Saisonauftakt hinaus zu einem Profiteur der Verschiebungen im Motorsport werden. Anfangs als rasender Getränkehandel verspottet, hatte Red Bull binnen fünf Jahren den WM-Titel geholt, dem Sebastian Vettel (Weltmeister von 2010 bis 2013) noch drei weitere im Red Bull-Renault folgen ließ. Mit dem brillanten Konstrukteur Adrian Newey und dem cleveren Teamchef Christian Horner hat Helmut Marko, der Motorsport-Konsulent von Mateschitz, über ein Jahrzehnt ein unverändert motiviertes Duo am Start. Dass es seither mit dem WM-Sieg nichts mehr wurde, lag mehr an den Motoren - und an der Dominanz von Mercedes natürlich.

Nun wird neu gestartet: Bei Testfahrten im Februar, dem einzigen Anhaltspunkt für die Leistungsfähigkeit, war der RB 16 nicht ganz auf Höhe der Silberpfeile, aber mindestens auf der des neuen Ferrari. Künftig könnte es ein Vorteil für den aus Österreich finanzierten, aber in Milton Keynes/England ansässigen RB-Rennstall sein, nicht am Tropf der Automobilindustrie zu hängen. Sollte bei Teams wie Mercedes oder Ferrari gespart werden, sollten Ausstiegsszenarien greifen, kann Red Bull Racing im Rennen bleiben. Ganz oder gar nicht - das ist in diesem Team die Devise.

Was perfekt passt zu Max Verstappen, 22, dem Vorzeigelehrling aus der RB-Motorsportförderung. Der Niederländer hat in dieser Saison letztmals die Chance, doch noch jüngster Weltmeister der Formel-1-Historie zu werden und damit Sebastian Vettel abzulösen. Von rüpelhaft zu kompromisslos - Verstappen hat seinen Fahrstil umgestellt. Der WM-Dritte von 2019 hatte zudem die letzten beiden Rennen auf der Spielberg-Piste gewonnen. Im vorigen Jahr sogar nach einem epischen Zweikampf mit Ferrari-Pilot Charles Leclerc. Womit die beiden favorisieren Herausforderer für Titelverteidiger Lewis Hamilton bereits benannt wären.

August 10 2019 Spielberg Austria Dietrich Mateschitz owner of Red Bull and his girlfriend Mari

Richtige Piste, falsches Fahrzeug: Dietrich Mateschitz, Eigentümer des Red-Bull-Unterhaltungskonzerns, bei einer Testfahrt in Spielberg.

(Foto: Jure Makovec/Zuma/imago)

Auch wenn seine Landsleute, die die Tribünen in Oranje kleideten, jetzt coronabedingt fehlen werden, verspricht Verstappen brav, eine gute Show zu liefern für alle Daheimgebliebenen. Nach anderthalb Monaten intensivem Fitnesstraining fühle er sich besser in Form als vor dem ursprünglichen, aber in letzter Minute abgesagten Saisonstart in Melbourne. Auf die Frage, was ihm ein Hattrick in Österreich bedeuten würde, antwortet er schon weniger brav: "Ich würde lieber den Weltmeistertitel gewinnen. Und ich hoffe, dass ich in diesem Jahr erstmals eine reelle Chance habe." Mercedes hält er für sehr stark. Und wer wisse schon, wo Ferrari wirklich stehe?

Deshalb hat die technische Abteilung die Fahrzeuge von Verstappen und seines Kollegen Alexander Albon nach dem Lockdown der Rennfabriken gleich zweimal überarbeitet. Teamchef Christian Horner gibt sich trotz nur weniger Kilometer Probefahrt zuversichtlich: "Wir sind in der Position, unsere beste Saison seit 2013 zu bestreiten. Am Anfang werden die Fahrer noch etwas rostig sein, aber das geht schnell vorbei, sie sind ja Profis."

© SZ vom 01.07.2020/ska
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