Formel 1 in Ungarn:Ende einer columbohaften Ermittlung

Formel 1 in Ungarn: Lewis Hamilton rammte Konkurrent Verstappen kürzlich von der Strecke.

Lewis Hamilton rammte Konkurrent Verstappen kürzlich von der Strecke.

(Foto: Lars Baron/AP)

Der Versuch von Red Bull, nach dem Crash in Silverstone mit neuen Beweisen eine höhere Strafe für Hamilton zu erwirken, scheitert krachend. Stattdessen haben nun die Rennkommissare "einige Sorge".

Von Philipp Schneider, Budapest

Unten an der Auffahrt, kurz bevor die kleine Straße zwischen den Orten Kerepes und Mogyorod hochführt zum Hungaroring, der vor 35 Jahren in das Ödland der Puszta zementiert wurde, haben sie die alten Helden ausgestellt. Stelen aus Granit sind aufgereiht wie an einer Perlenschnur. Sie tragen die Büsten der Weltmeister der Formel 1. Michael Schumacher ist da, er lächelt sein schiefes Lächeln.

Nicht weit entfernt ist der Lebemann James Hunt ausgestellt, Klassenbester des Jahres 1976, ausgerechnet über seinem Antlitz hat ein Vogel seinen Ballast abgeworfen, der dem Schönling nun die Stirn hinunterläuft. Einmal um die Ecke gebogen stößt man auf die Bildnisse zweier Fahrer, die Seite an Seite in die Steppe starren und die wohl nie zuvor so friedvoll nebeneinander zu sehen waren: Ayrton Senna und Alain Prost. Die alten Antipoden, auf die immer verwiesen wird, wenn sich zwei Fahrer bekriegen in der Formel 1, auch wenn es so unterhaltsam wie damals sowieso nicht mehr wird. Weil Senna nicht nur fahren konnte, sondern Reden hielt.

Wenn er über das Überholen philosophierte, dann hielten alle den Atem an. Einmal hat er gesagt: "Wenn du nicht versuchst, in eine existierende Lücke zu fahren, dann bist du kein Rennfahrer mehr. Weil wir gegeneinander kämpfen, wir kämpfen um den Sieg."

Es ist eines der berühmtesten Zitate des dreimaligen Champions aus Brasilien, ein Satz, den Senna 1990 sagte, als er gerade zum zweiten Mal Weltmeister geworden war - mit dem berühmtesten Foul der Rennfahrgeschichte. In Suzuka hatte er seinen Gegner, den Franzosen Prost, nach dem Start bei der Zufahrt auf die erste Kurve von der Strecke geschossen. Die Lücke, über die Senna anschließend philosophierte, existierte nicht. Sie war vorgeschoben, sie diente allein der Verteidigung des Crashs, der Senna zum neuen Weltmeister gemacht hatte.

1990 Japanese Grand Prix. Suzuka, Japan. 19-21 October 1990. The wrecked cars of Alain Prost (Ferrari 641) and Ayrton S; Prost Senna Suzuka

Der Crash 1990 in Suzuka: Links der McLaren von Ayrton Senna, rechts der Ferrari von Alain Prost.

(Foto: imago)

Suzuka 1990, das ist auch heute die Referenz. Es herrscht ja wieder Krieg. 31 Jahre nach Senna gegen Prost werden die Gladiatoren Max Verstappen und Lewis Hamilton in Budapest klugerweise nacheinander und nicht gemeinsam in den Raum geführt, in dem die Formel 1 eine ihrer pandemischen Pressekonferenzen abhält. Spannung liegt heutzutage nicht mehr in der Luft, es knistert nur noch das Gebläse der Laptops.

"Das zeigt, wie sie wirklich sind!", klagt Verstappen über Mercedes

Neulich in Silverstone hatte Hamilton seinen WM-Konkurrenten in der ersten Runde von der Strecke befördert. Bei Tempo 290 hatte er in der rasanten Copse-Kurve versucht, sich auf der Innenseite an Verstappen vorbeizuschieben. Sein linkes Vorderrad touchierte das rechte Hinterrad des Niederländers - der flog heftig ab in einen Reifenstapel und wurde zur Vorsorge in ein Krankenhaus transferiert.

Dort, in der Klinik, sah Verstappen im Fernsehen, wie Hamilton mit dem Union Jack in der Hand als Sieger auf einer Ehrenrunde rollte. "Das zeigt, wie sie wirklich sind!", klagt nun Verstappen auch in Budapest, zwei Wochen nach der Feier Hamiltons bei dessen Heim-Grand-Prix. Er wolle so nicht wahrgenommen werden, kontert der Brite kurz darauf. "Es ist eine Sache, es zu wissen und zu feiern; und eine andere, es nicht zu wissen und zu feiern." Er habe zu dem Zeitpunkt nicht gewusst, dass Verstappen im Krankenhaus sei. Und noch etwas: Er würde dieses Überholmanöver jederzeit wieder durchführen, auf exakt diese Weise.

War es eine Lücke, war es keine Lücke? Oder war es eine halbe Lücke, ein Lückchen sozusagen? Darum geht es auch heute. Weil Verstappens Rennstall Red Bull keine Ruhe gibt. Obwohl die Rennkommissare den Fall mit einer Bestrafung Hamiltons noch während des Rennens eigentlich abschließend beurteilt hatten. Hamilton sei "überwiegend", aber eben nicht allein schuldig gewesen bei diesem Manöver.

Ein Urteil, dem sich nicht nur die Mehrheit der Experten anschloss, unter den Piloten stieß sogar jene These auf die größte Zustimmung, die die Berührung als normalen Rennunfall klassifizierte. Doch Red Bull hat Einspruch eingelegt. Es will den Rennkommissaren am Nachmittag neue Beweise präsentieren und belegen, dass Hamiltons Fahrverhalten so hart an der Grenze des Legitimen gewesen sei, dass er weit stärker hätte gebremst werden müssen als mit jener Zehn-Sekunden-Strafe, mit der er nichtsdestotrotz noch zum Rennsieg brauste.

Neue Beweise? Schon die Ankündigung sorgt für Verwunderung. Schließlich haben die Kommissare Zugriff auf sämtliche TV-Bilder und auch GPS-Daten der Autos, anhand derer sich die Geschwindigkeit an jedem Streckenpunkt rekonstruieren lässt. Am Abend trudelte die erwartete Entscheidung des Automobilweltverbands Fia ein, wonach es keine Revision des Urteils geben wird. Red Bull habe es nicht vermocht, neue Beweise vorzulegen, heißt es in dem Schreiben. Stattdessen habe das Team versucht, Beweise "zum Zwecke der Einreichung" zu "erstellen".

Erinnerungen an den Inspektor Columbo wurden da geweckt. Sein Gesicht mochte stets so zerknautscht sein wie sein Trenchcoat, aber er überführte die Täter, indem er die Taten nachstellte. Einmal legte er einem das Handwerk, indem er ein Käsestückchen mitbrachte, in das dieser gebissen hatte. Columbo, der Fuchs, kriegte sie alle.

Und Red Bull? Setzte den Testfahrer Alexander Albon in einen RB15 der Saison 2019, um ihn auf der Strecke in Silverstone die erste Runde Hamiltons nachfahren zu lassen. Um nachzuweisen, dass der beim Überholmanöver den Bremspunkt verpasst hatte. "Lewis hätte die Kurve nicht gekriegt!", erklärte Teamchef Christian Horner in Budapest; aus Sicht von Red Bull hätte Hamilton 23 Meter früher bremsen müssen.

Und zu diesem Ergebnis kam er, obwohl der Testpilot Albon bei seiner Columbo-Fahrt in einem zwei Jahre alten Auto nicht einmal die Geschwindigkeit des siebenmaligen Weltmeisters erreichte, wie Horner zugeben musste. Aber selbst wenn? Hamilton wurde ja bereits bestraft, weil er "überwiegend schuldig" war.

Horner befürchtet, Wolff könnte die Kommissare beeinflusst haben

Und so hätte dieser Vorfall endgültig in die Ödnis der Puszta geschoben werden können, hätten die Kommissare in ihrem Urteil nicht noch eine verklausulierte, aber wuchtige Anmerkung hinterlassen. "Bestimmte Anschuldigungen" von Red Bull, die mit den Unterlagen für den Revisionsantrag eingereicht wurden, hätten sie "mit einiger Sorge" zur Kenntnis genommen, hieß es.

Welche das waren, verrieten die Kommissare nicht. Aber Horner brachte etwas Licht ins Dunkel: Sein Team habe den Prozess kritisiert, dass Mercedes-Teamchef Toto Wolff in Silverstone während der laufenden Untersuchung zu den Kommissaren gegangen war - um diesen ein Exemplar ihrer eigenen Überholrichtlinien vorzulegen. Das sei eine "ungewöhnliche Praxis", sagte Horner, die Fia sei schließlich wie eine "Jury, die nicht beeinflusst werden sollte vor einer Entscheidung". Womit Horner also den Kommissaren recht unverblümt den Vorwurf machte, sie könnten sich theoretisch von einem Teamchef wie Wolff in ihrer Entscheidung beeinflussen lassen. Kam nicht so gut an.

So eine columbohafte Ermittlung wäre für einen echten Racer wie Senna eher nicht in Frage gekommen. Aber von ihm ist ein Ratschlag an seine Nachfahren überliefert, der noch Gültigkeit haben dürfte. "Ich glaube an die Fähigkeit der Fokussierung. Wenn du dich ganz stark auf etwas fokussierst, kannst du noch mehr herausholen." Vielleicht ist ja jetzt ein guter Zeitpunkt für Red Bull und Verstappen, sich wieder auf das Rennfahren zu fokussieren.

© SZ/mp/jkn
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