Ein Stück des Bordsteins in der ersten Kurvenkombination der Formel-1-Stadtrennstrecke von Singapur war in Orange gehalten, der Hausfarbe von McLaren. Ausgerechnet über dieses Stück rumpelte Lando Norris nach seinem Blitzstart in den 18. WM-Lauf, und von dort ging es für ihn schnurstracks und sehr optimistisch auf der Innenseite der Piste weiter nach vorn. Leider aber auch, nachdem er mit Tempoüberschuss das Hinterrad von Max Verstappens Red Bull touchiert hatte, direkt in den Rennwagen des Teamkollegen Oscar Piastri hinein. Ein Verdrängungswettbewerb um Platz drei.
Die leichte Kollision hatte für keinen der beiden Fahrer physikalische Folgen am Auto, sehr wohl aber für die Psyche des britischen Rennstalls. Der konnte bereits sechs Rennen vor Saisonende die Titelverteidigung in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft feiern. Ganz so souverän wird das in der Einzelwirkung aber wohl nicht vonstattengehen. Lando Norris, der bislang eher als der weichere der beiden Titelaspiranten galt, liegt 22 Punkte hinter dem WM-Spitzenreiter Piastri. Die Gangart wird härter, der Ton wird schärfer, und das, was seit der Dauerfehde zwischen Ayrton Senna und Alain Prost während ihrer gemeinsamen McLaren-Zeit als Stallkrieg bezeichnet wird, wahrscheinlicher. Hach, denken sich die Veranstalter und vermutlich auch der hinter dem zerstrittenen Duo rangierende Titelverteidiger Verstappen, etwas Besseres kann der Formel 1 im Schlussspurt doch kaum passieren.

Formel 1 in Aserbaidschan:Max Verstappen hat die Gegner genau da, wo er sie haben will
Und plötzlich ist die WM wieder ein Dreikampf: Verstappens überlegener Sieg in Baku führt bei den Konkurrenten zu Verunsicherung – die Form des Niederländers erinnert gar an das Jahr 2023.
McLaren ist gefangen im eigenen Ehrenkodex. Einsatzleiter Andrea Stella ordnet alles der Teamräson unter, für jedes Rennen wird der als „papaya rules“ bekannte Wertekodex aktualisiert. Rücksichtnahme, Gleichberechtigung, Vorfahrtsregelung – so etwas steht in dem Papier. Die Fahrer haben sich bisher mehr oder weniger daran gehalten, es ging schließlich ums Große und Ganze und einen zweistelligen Millionenbetrag an Preisgeldern für den Rennstall. Jetzt aber herrscht das freie Spiel der Kräfte, fährt jeder der beiden auf eigene Rechnung. Denn für die Piloten gilt Ähnliches wie für das Team: Wer weiß schon, wie die Befindlichkeiten nach dem radikalen Einschnitt im technischen Reglement 2026 sein werden. Vielleicht bietet sich jetzt die beste Chance, Champion zu werden. So etwas treibt an, bis hin an die Grenze zur Übertreibung. Die Dinge könnten sich zuspitzen.
„Ist es in Ordnung, dass Lando mich so aus dem Weg räumt?“, fragt Piastri seinen Renningenieur über Funk
Der rüpelhafte Norris versucht, seinen unschicklichen Annäherungsversuch an den Kollegen als gewöhnlichen Rennunfall zu erklären, Piastri lenkte später öffentlich zunächst ein, damit der Heiligenschein von McLaren nicht zu sehr ramponiert wird. In voller Fahrt hatte das noch ganz anders geklungen. „Ist es in Ordnung, dass Lando mich so aus dem Weg räumt?“, fragte er seinen Renningenieur Tom Stallard und forderte einen Rücktausch der Plätze. Am Kommandostand erbaten sie sich daraufhin Bedenkzeit, nach zwei Runden kam dann der Bescheid: „Wir werden nichts unternehmen.“ Das erzürnte den Australier: „Leute, das ist echt nicht fair!“
Andrea Stella hat später eilig versichert, die Sache bis zum nächsten Rennen in Austin zu klären. Es ist nicht das erste Mal, dass er die beiden an einen Tisch bitten muss. Norris gibt das Unschuldslamm: „Wer die Chance, die sich mir am Start geboten hat, nicht nutzt, hat in der Formel 1 nichts verloren. Ich habe mich nur ein wenig verschätzt mit dem Abstand zum Vordermann, aber so ist das eben im Rennsport. Ich war aggressiv zu Max Verstappen, aber nicht meinem Teamkollegen gegenüber. Das könnte ich mir gar nicht leisten.“
Piastri und insbesondere sein Manager Mark Webber, in puncto gebrochener Absprachen geschult durch seine eigene Erfahrung mit Sebastian Vettel während seiner aktiven Zeit bei Red Bull, müssen bei der Teamleitung auf echte Gleichstellung pochen. In der jüngeren Vergangenheit war eher zum Wohl von Norris entschieden worden: In Budapest war der Brite gegenüber der ursprünglichen Absprache durch eine bessere Strategie im Vorteil, in Monza verpatzte das Team einen Boxenstopp, aber Piastri musste den Rivalen auf Geheiß vom Kommandostand wieder passieren lassen. Diplomatisch sagt Piastri, dass es sich bei der Anpassung der internen Regeln an die Rennrealitäten um einen „Lernprozess“ handele.
Beim Grand Prix im Juni in Montreal war Norris seinem Teamkollegen hinten draufgefahren und ausgeschieden, schon damals wurden beide zur Nachbesprechung gebeten. Andrea Stella erinnert jetzt wieder daran: „Wir werden den Fall ordentlich analysieren, gute Gespräche führen und zu einer einheitlichen Ansicht gelangen. Anschließend werden wir gestärkt und noch geeinter zurückkommen.“ Die harsche Kritik Piastris über Boxenfunk will der Italiener nicht überbewerten: „Das spricht für seinen Charakter. Solche Rennfahrer, die ihre Position klarmachen, wollen wir. Am Ende muss jeder der beiden auch sein eigenes Interesse verfolgen.“ Genau das sieht McLarens Boss Zak Brown als den großen Vorteil seines Teams an: „Wir haben zwei Ausnahmefahrer, und wir wollen, dass sie hart gegeneinander fahren. Hoffentlich fahren und siegen sie weiter, auch wenn das manchmal schlecht für meine Fingernägel ist.“
Oscar Piastri möchte zunächst eindeutige Antworten von seinen Vorgesetzten, so viel ist klar. „Wir werden sehr akkurat dabei vorgehen“, verspricht Andrea Stella, „denn es steht viel auf dem Spiel. Es geht nicht nur um die Meisterschaft, sondern vor allem um das Vertrauen der Fahrer in die Arbeitsweise unseres Teams. Das ist fundamental und zählt mehr als alle WM-Punkte.“

