Formel 1 Nicht zu sättigen

Flieg nur, du schöner Pokal: Valtteri Bottas (links) und Charles Leclerc (rechts) sind nur Statisten bei Lewis Hamiltons Show in Le Castellet.

(Foto: Claude Paris/dpa)

Nach sechs Siegen kündigt Lewis Hamilton an, bald noch besser zu fahren - und kritisiert "schlechte Entscheidungen" in der Formel 1.

Von Philipp Schneider, Le Castellet/München

Erinnert sich noch jemand an die Geschichten mit dem Bart? An jene Legenden über den neuen Valtteri Bottas, der nach dem Winter gewandelt und gestärkt den Wäldern Finnlands entstieg? Der sich plötzlich so anders fühlte als in den Jahren vorher? Selbstbewusster, selbstgewisser, egoistischer. Der glaubwürdig berichtete, er habe vieles hinterfragt, manches geändert in seinem Leben? Dieser neue Valtteri Bottas trug wie zum Beweis seiner Neuartigkeit und wohl auch als Warnung an die Konkurrenten einen anarchisch sprießenden Vollbart. Als die Geschichten über seinen Bart am heftigsten kursierten, da waren vier Rennen gefahren in dieser Saison der Formel 1 und zwei von ihnen hatte Bottas gewonnen. Er führte sogar die WM-Wertung an, mit einem Punkt Vorsprung vor seinem Teamkollegen Lewis Hamilton, den Bottas auch im Qualifying zweimal besiegt hatte - einer Disziplin, die bekanntlich eine Spezialität des fünfmaligen Weltmeisters ist.

Der bärtige Bottas, der plötzlich Rennen gewann, wurde angesichts der in diesem Jahr zu Fehlkonstruktionen zusammengeschraubten Ferraris allgemein gehandelt als jemand, der für Spannung sorgen könnte. Nur Hamilton machte einen Scherz, als er angesprochen wurde auf die neuen Qualitäten seines Teamkollegen. "Für mich gibt es keinen Unterschied, außer dass Valtteri jetzt einen Bart hat."

Acht Wochen ist dieser Moment her, vier Rennen wurden seither gefahren, alle vier hat Hamilton gewonnen. Aus dem Scherz wurde Realität: Es gibt innerhalb des Teams von Mercedes jenseits des Barts keinen Unterschied zu den Vorjahren, die Hierarchie hat sich doch nicht verschoben. Seit dem vergangenen Sonntag, seit Hamiltons Triumphfahrt in Le Castellet auf wackligem Fahrersitz, muss Bottas wieder steil aufblicken zu seinem Teamkollegen. Nachdenklich, ein wenig ratlos klang er, nachdem er 18 Sekunden nach Hamilton über die Ziellinie gefahren war. "Ich konnte nicht wirklich mit seinem Tempo mithalten. Es ist etwas, das ich mir offensichtlich vor dem nächsten Rennen ansehen muss." Ja, offensichtlich. Vielleicht ist es auch so: Valtteri Bottas ist erstarkt aus dem Winter zurückgekehrt, er fährt reifer und besser als im Vorjahr. Hamilton allerdings auch.

"Ich weiß, dass die Leute es nicht hören wollen", sagte Hamilton: "Aber von hier an wird es nur noch stärker." Er meinte sich selbst. Für die Formel 1, für den Unterhaltungswert der weiteren Saison, wären das schlimme Nachrichten. 76 Punkte liegt Hamilton vor Sebastian Vettel, 36 vor Bottas. Und jetzt wird er auch noch stärker?

Den irrwitzigsten Programmpunkt während seines völlig ungefährdeten Start-und-Ziel-Siegs in Le Castellet, den er auf einer gebrochenen Sitzschale verbrachte, streute Hamilton kurz vor Rennende ein in seine Darbietung: Seit dieser Saison gibt es einen Extrapunkt für den Fahrer, der die schnellste Rennrunde vorlegt. Zwei Runden vor Schluss wurde Hamilton gewarnt, dass der auf Position fünf kreisende Vettel in der letzten Runde mit neuen Reifen einen Anlauf nehmen würde auf die Bestzeit. Noch einmal in die Box fahren konnte Hamilton seinerseits nicht, dafür folgten ihm Bottas und Charles Leclerc zu dicht . Außerdem klagte er in diesem Moment über massive Blasenbildung seiner Vorderreifen, seit 29 Runden hatte er sie immerhin schon in Nutzung. Wegen der Blasen sei er sogar "ein bisschen nervös" gewesen, bekannte Hamilton. Er habe sich an einen Reifenplatzer erinnert, der Lance Stroll ein Jahr zuvor widerfahren war. All diese Gedanken und auch die Unwahrscheinlichkeit des Vorhabens hielten ihn nicht davon ab, sich trotzdem auf die Jagd nach der schnellsten Runde zu begeben. Wie ging die aus? Er schaffte es nicht. Gerade so nicht. Auf alten Reifen fuhr Hamilton: 1.32,764 Minuten. Auf frischen Reifen fuhr Vettel: 1.32,740 Minuten. Er war nur 24 Tausendstel schneller. "Der macht mit 29 Runden alten Reifen aus dem Stand eine Sekunde auf seine eigene Bestzeit gut. Das zeigt, wie er vorher gespielt hat", sagte Sebastian Vettel.

Es zeigte aber noch mehr.

Sein bloßer Versuch, es mit dem frisch bereiften Ferrari aufnehmen zu können, zeigte, wie der Sportler Hamilton denkt. Er habe über die schnellste Runde gar nicht nachgedacht, erzählte er - bis zu dem Moment, in dem er unterrichtet wurde, dass Vettel einen Anlauf unternehmen würde. "So ist meine Mentalität", sagte Hamilton. "Es interessiert mich nicht, ob die anderen einmal mehr halten können an der Box" - so wie in diesem Fall Vettel. "Ich probiere es trotzdem!" sagte Hamilton. "Auch wenn mein Team sagt: Vergiss es!"

Frage an Hamilton: Ob er mal erwogen habe, "showboating" zu betreiben? Also langsamer zu fahren, um die Konkurrenten aufschließen zu lassen, sie dann trotzdem zu besiegen? Wie ein Boxer, der die Arme hängen lässt, auf Deckung verzichtet und so seinen Gegner verhöhnt.

Er verstehe, dass sich der Fragesteller langweile, antwortete Hamilton. Die Langeweile sei aber nicht die Schuld der Fahrer. Die Formel 1 leide seit vielen Jahren in einem "konstanten Kreislauf" aus "schlechten Entscheidungen". Dieser Kreislauf sei immer noch so, wie er vor Hamiltons Ankunft in der Formel 1 von Bernie Ecclestone geschaffen wurde: Die ungleiche Geldverteilung, die Schwäche des Weltverbands Fia und der zu große Einfluss der Teams auf das Regelwerk - all dies sei Schuld an seiner Dominanz.

"Ich habe das letzte Rennen wirklich genossen. Daraus mache ich gar kein Geheimnis." Aber es sei auch so: "Ich hoffe wirklich, dass Ferrari ein bisschen mehr Abtrieb in den Kurven zulegt, damit wir Rennen gegeneinander fahren können." Ja, das wäre mal was.