Formel 1 in Monza:Der nächste große Knall

Formel 1 in Monza: Unfreiwillig früher Feierabend: Lewis Hamilton verlässt die Strecke, als er seinen Mercedes nach dem Unfall mit Max Verstappen nicht mehr aus dem Kiesbett bekommt.

Unfreiwillig früher Feierabend: Lewis Hamilton verlässt die Strecke, als er seinen Mercedes nach dem Unfall mit Max Verstappen nicht mehr aus dem Kiesbett bekommt.

(Foto: Andrej Isakovic/AFP)

Die erbitterten Titelkonkurrenten Lewis Hamilton und Max Verstappen kollidieren beim Großen Preis von Italien spektakulär - so gewinnt Daniel Ricciardo erstmals seit 2018 wieder ein Rennen.

Von Anna Dreher, Monza

Würde es wieder passieren? Würden sich Weltmeister Lewis Hamilton und Max Verstappen beim Großen Preis von Italien derart nahe kommen, dass es zum wiederholten Male in dieser Saison krachen würde zwischen den beiden erbitterten Titelkonkurrenten? In der ersten Runde waren sie kurz aneinander geraten, dann lag ein Sicherheitsabstand zwischen den beiden auf dem Autodromo Nazionale von Monza. Bis zur 26. Runde. Da gab es ihn tatsächlich: den großen Knall.

Hamilton hatte sich gerade einen frischen Satz Reifen aufschrauben lassen und bog aus der Boxengasse. Seine Mechaniker hatten vier Sekunden gebraucht, etwa doppelt so lange wie sonst, was entscheidend zur Fortschreibung dieses Rennens beitragen sollte. Daniel Ricciardo rauschte im McLaren an ihm vorbei, dann schoss Verstappen auf der Geraden heran, Hamilton und er waren auf einer Höhe, keiner wollte nachgeben. In der nächsten Kurve war erst Hamilton innen, dann Verstappen. Der Niederländer versuchte, auf die Strecke zu ziehen, doch da war ja der Brite. Verstappens Red Bull kam auf die Curbs, das Auto hob ab, geriet in Schieflage und flog mit dem Heck in den Mercedes. "Er wollte keinen Platz machen und wusste, was passieren würde", sagte Hamilton.

Der Halo verhindert, dass sich Hamilton schwer verletzt

Die Dramatik des Zusammenpralls erschloss sich erst so richtig in der Betrachtung von Zeitlupen. Nachdem der Red Bull seitlich in den Mercedes geknallt war, rollte der rechte Hinterreifen von Verstappens Auto im Flug noch über Hamiltons Kopfteil hinweg und fiel über dem Cockpit herunter. Hamilton duckte sich so gut es ging, nach seiner eigenen Erzählung traf ihn der Reifen dennoch am Kopf. "Das ist ein großer Schock", sagte der 36-Jährige mit etwas Abstand. "Wir nehmen da draußen ständig Risiken auf uns. Nur, wenn wir so etwas erleben, realisieren wir, wie zerbrechlich wir sind."

Der Schutzbügel Halo - bei seiner Einführung zur Saison 2018 noch umstritten - verhinderte, dass Hamilton vom Reifen schwer verletzt, wenn nicht gar erschlagen wurde. Verstappen sagte vor TV-Kameras: "Lewis hat mir nicht genug Platz gelassen." Die Rennkommissare bewerteten das anders: Der 23-Jährige wird beim nächsten Grand Prix in Russland um drei Startplätze strafversetzt.

Formel 1 in Monza: Lebensrettender Cockpitschutz: Der Hinterreifen des Red Bulls von Max Verstappen trifft Lewis Hamilton am Kopf. Das hätte Böse ausgehen können.

Lebensrettender Cockpitschutz: Der Hinterreifen des Red Bulls von Max Verstappen trifft Lewis Hamilton am Kopf. Das hätte Böse ausgehen können.

(Foto: Andrej Isakovic/AFP)

Als beide Autos zum Stehen gekommen waren, hatte sich der Red Bull mit dem Hinterteil im Mercedes verhakt. Das Rennen für beide: Aus und vorbei! Verstappen kletterte aus seinem Wagen und blickte nur kurz auf die Szenerie, bevor er den direkten Weg in die Box wählte. "Das hat mich überrascht", sagte Hamilton. "Bei solchen Unfällen wollen wir doch sichergehen, dass es dem anderen gut geht." Er wiederum stieg erst aus, als sein Motor heiß lief beim Versuch auf die Piste zurückzukehren, und sein Team ihn bat, diesen auszuschalten.

Während Hamilton im Juli bei seinem Sieg in Silverstone von einem Crash der beiden profitiert hatte, lag der Vorteil nun bei Verstappen: Er behält in der WM-Wertung mit 226,5 Punkten seinen Vorsprung von fünf Zählern auf Hamilton. Ohne den Unfall hätte Letzterer wohl zum sechsten Mal in Monza gewonnen, was sein 100. Grand-Prix-Erfolg gewesen wäre.

McLaren jubelt gleich doppelt - für das Team ist es der erste Sieg seit neun Jahren

Nutznießer des spektakulären Crashs war McLaren. Der Rennstall konnte seinen ersten Sieg seit 2012 zelebrieren. Nach 53 Runden rauschte als Erster der Australier Ricciardo über die Ziellinie, vor seinem Teamkollegen Lando Norris. Fahrer, Ingenieure, Mechaniker - alle waren nach dem Doppelsieg außer sich. "Genau das brauchen wir, zwei bockstarke Fahrer", sagte Teamchef Andreas Seidl: "Wir wollen wieder nach vorne in der Formel 1, da ist so was wie heute natürlich ein super Boost für die Moral."

Für Ricciardo war es der erste Erfolg seit Monaco 2018, als er noch an der Seite von Verstappen fuhr. "Ich fühle mich euphorisch, ich schwebe", sagte der 32-Jährige mit einem breiten Grinsen. "Nach Freitag wusste ich, dieses Wochenende würde etwas passieren. Ich wollte diese Chance auf keinen Fall vergeben." Dritter wurde Valtteri Bottas, der sich im Mercedes vom Schluss des Feldes nach vorne gearbeitet hatte. Sebastian Vettel beendete das Rennen als Zwölfter, Mick Schumacher als Fünfzehnter.

Formel 1 in Monza: undefined
(Foto: ANDREJ ISAKOVIC/AFP)

Wer am Sonntag von welchem Platz aus starten würde, war nicht auf die klassische Weise über die Qualifikation ermittelt worden. Die Formel 1 will Neues ausprobieren, und so ergab sich die Reihenfolge aus einem Mini-Grand-Prix über 18 Runden am Samstag. Bottas gewann den Sprint vor Verstappen und den beiden McLaren. Die ersten Drei bekamen dafür Punkte aufs WM-Konto und Medaillen umgehängt so groß wie Donuts. Doch weil im Mercedes von Bottas ein Motorenwechsel vorgenommen wurde, verlor der Finne seine Pole wieder und wurde ans Ende des Feldes versetzt. Hamilton startete als Vierter, was den Briten schwer wurmte. Die vergangenen Rennen in Belgien und Zandvoort hatte ja Verstappen gewonnen.

Der kam am Start gut weg, Ricciardo noch besser. Der Australier setzte sich in der ersten Kurve an die Spitze des Feldes - es sollte das entscheidende Manöver sein. Hamilton rückte quasi im gleichen Moment eine Position vor und forderte Verstappen nun direkt zum ersten Duell an diesem Tag. Beide lagen gleichauf, als sie in die Roggia-Schikane hineinstachen - Verstappen ging nach einer Reifenberührung als Sieger hervor. Kurz danach gab es nach einem Unfall an derselben Stelle zwischen Antonio Giovinazzi (Alfa Romeo) und Carlos Sainz (Ferrari) die erste gelbe Flagge.

Danach warf Verstappen sein Lasso aus und klebte an Ricciardo. Doch so sehr er sich auch mühte, er kam nicht vorbei. "Es ist wirklich schwer, nah ranzukommen", gab der 23-Jährige an sein Team weiter - und versuchte es unermüdlich weiter. Es bildeten sich zwei kämpfende Paarungen an der Spitze, vorne Ricciardo und Verstappen, dahinter Norris und Hamilton, der durch das Safety Car wieder auf Platz vier gerutscht war. Norris profitierte davon, dass sein McLaren auf den Geraden schneller ist - und diese überwiegen auf dem Hochgeschwindigkeitskurs von Monza.

In der 24. Runde bog Ricciardo als Erster an die Box ab, dadurch führte Verstappen, der aber alles andere als begeistert war. "Meine Reifen sind durch!", funkte er und bog bei der nächsten Gelegenheit ebenfalls ab. Sein Stopp dauerte lange 11,1 Sekunden. Seine Crew zählt sonst zu den schnellsten. Hamilton hatte Norris derweil überholt, bevor er selbst einen neuen Satz Pneus holte - mit denen er dann jedoch nur äußerst kurz unterwegs sein sollte.

© SZ/ska/jkn
Zur SZ-Startseite
Formula One F1 - Italian Grand Prix

Formel 1
:Vettel regt Spekulationen an

Auf die Frage nach seiner Zukunft in der Formel 1 vermeidet der viermalige Weltmeister vor dem Großen Preis von Italien eine klare Antwort. Beruhigung bringt erst sein Teamchef.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB