Süddeutsche Zeitung

Sieben Kurven in der Formel 1:Ferrari touchiert Ferrari

Carlos Sainz und Charles Leclerc kämpfen hart um einen Podiumsplatz - nah dran am Totalausfall. Nico Hülkenberg ist tief frustriert. Die Höhepunkte des Rennwochenendes.

Von Elmar Brümmer, Monza

Max Verstappen

Zehn Siege in Serie, Eintrag ins Rekordbuch. Wie für die 15 Erfolge aus dem letzten Jahr, die der Niederländer in dieser Saison noch übertreffen kann. Acht Rennen stehen noch aus, zwölf Grand Prix hat er in dieser Saison schon gewonnen. Aber mit Bestmarken muss man Max Verstappen nicht groß kommen, auch darin ähnelt er stark einem Michael Schumacher. Erst auf hartnäckige Nachfrage beantwortete er, was ihm das bedeutet: "Das ist natürlich etwas, von dem man nie glaubt, dass es passieren wird. Zu Beginn der Saison hätte ich nicht gedacht, dass es möglich ist." Deshalb versucht er die Über-Überlegenheit von Red Bull Racing auch zu genießen, das Team ist saisonübergreifend seit 15 Rennen ungeschlagen: "Ich denke, das ist etwas, das einem nicht so oft gelingt." Na also, geht doch, das mit dem Stolz.

Carlos Sainz Junior

Angekommen, endlich angekommen bei Ferrari - nach zweidreiviertel Jahren in Rot. Immer ein bisschen im Schatten von Firmenliebling Charles Leclerc, aber unter dem enormen Druck in Monza war es der Spanier, der kühlen Kopf behielt. Mit einem speziell auf diese Piste abgestimmten Auto entriss er Max Verstappen die Pole-Position, dann hielt er knapp ein Drittel lang die Führung im Rennen, am Ende schaffte er es mit vier Zehntel Vorsprung auf seinen monegassischen Teamkollegen aufs Podium.

In den vielen Zweikämpfen des Wochenendes hat der Mann, der am Freitag 29 Jahre alt geworden war, sich emanzipiert. Ein Journalist aus seiner Heimat schlug vor, ihn nach den Rad-an-Rad-Duellen mit Verstappen und Leclerc doch zum Verteidigungsminister Spaniens zu berufen. "Kommt drauf an", antwortete er mit neuem Selbstbewusstsein, "an anderen Wochenenden werde ich wieder der Minister der Attacke sein."

Frederic Vasseur

Die ganze Woche vor dem Gran Premio de Italia hat der Ferrari-Teamchef sich eingeredet, dass es sich um ein ganz normales Rennwochenende handeln würde, sein erstes als Capo der Scuderia beim Heimspiel. Die Taktik funktionierte aber nur so lange, bis der Franzose den Königlichen Park von Monza betrat: "Da musste ich zugeben, dass es für uns eben doch anders ist als alle anderen Rennen. Es sind eine Menge Emotionen im Spiel, aber wir mussten versuchen, sie unter Kontrolle zu bekommen."

Die Pole Position von Carlos Sainz jr. brachte nur kurz Entlastung, danach steigerte sich der Druck. Und am Ende drohten sich die beiden Scuderia-Piloten gegenseitig von der Piste zu drängen, da jeder der beiden aufs Podium wollte. Vasseur ist kein Freund von Stallregie, deshalb ließ er sie gegeneinander kämpfen, bis sich Sainz und Leclerc touchierten: "Ich habe ihnen nur gesagt, dass sie nichts riskieren sollen." Gerade noch mal gut gegangen, ein Jahr Zeit, den Pulsschlag wieder zu normalisieren.

Nico Hülkenberg

Rückwärtsgang, das ist nicht unbedingt die vornehmste Fortbewegungsart in der Formel 1. Jeder Rennwagen hat einen, natürlich. Aber für Nico Hülkenberg und sein Haas-Team ist es nur eine Metapher: Anfänglich auf Rang zehn und damit in die Punkteränge katapultiert, war der Emmericher dann Vorletzter, vor seinem Teamkollegen Kevin Magnussen. Bei der Analyse vor den Sky-Kameras brach der Frust aus ihm heraus: "Wir sind unterirdisch schlecht im Vergleich mit der Konkurrenz. Wir waren das einzige Team, das kein spezielles Paket nach Monza gebracht hat. Wer so wenig macht, der kann auch nicht viel erwarten. Das ist frustrierend, bitter und irgendwo traurig."

Ob der 36-Jährige seine unlängst erfolgte Vertragsverlängerung schon bereut? Der Routinier will jetzt auf den Tisch hauen, damit er beim Low-Budget-Rennstall nicht ein ähnliches Schicksal erleidet wie Mick Schumacher. Haas-Sprachrohr Günther Steiner war eher kleinlaut: "So sieht es aus, wenn man nicht mithalten kann."

Charles Leclerc

Die Traurigkeit, die den Monegassen in Diensten von Ferrari schon das ganze Rennjahr umweht, setzt sich in Monza fort. Er, das Ziehkind von Teamchef Frederic Vasseur, muss sich ausgerechnet hier dem Kollegen geschlagen geben. Nirgendwo ist der vierte Rang undankbarer als im Autodromo Nazionale, wo die ersten Drei auf einem Catwalk hoch über der Boxengasse schweben, über Zehntausenden von Fans, die gerade die Piste gestürmt haben.

Leclerc, der Sensible, wusste um das Erlebnis, und deshalb hat er am Ende des Rennens mit allem, was noch in seinem Ferrari steckte, Carlos Sainz angegriffen. Die beiden Autos berührten sich sogar, es hätte nicht viel gefehlt, und aus den Startpositionen eins und drei wäre eine Nullnummer geworden. Unvorstellbar. Charles Leclerc, der um einen neuen Vertrag pokert, weiß um die besondere Bedeutung des Rennens in Italien: "Als Ferrari-Fahrer kannst du die Verantwortung für das ganze Land spüren. Aber ich empfinde es mehr als Motivation denn als Druck."

Alexander Albon

Das Omen für den Briten mit der thailändischen Lizenz war alles andere als vielversprechend, bekam Alexander Albon doch exakt das Hotelzimmer, in dem er im letzten Jahr Höllenqualen erlitten hatte, ehe die Ärzte die vermeintlichen Magenschmerzen als Blinddarmdurchbruch identifizierten. So kam der Niederländer Nyck de Vries zu seinem ersten Formel-1-Einsatz, zu zwei WM-Punkten und zu einer kurzen Karriere in der Königsklasse.

Albon war damals zwar froh, von den Schmerzen erlöst worden zu sein, aber frustriert, da er sich Chancen im Rennen ausgerechnet hatte. Diesmal war Albon topfit, sein Rennwagen auch, und so lieferte er sich ein britisches Duell mit Lando Norris und verteidigte seinen siebten Platz. Sechs wertvolle WM-Punkte für das Williams-Team, das vor Saisonbeginn als krasser Außenseiter galt. Die schlechten Träume, wenn er an Monza denkt, sind endgültig vorbei.

Monza

Tempo ist Leidenschaft, und auf der schnellsten aller Formel-1-Rennstrecken ist Speed eine ganz legale Droge. Bei keinem anderen Grand Prix ist die Passion der Menschen für das Limit so präsent wie im Königlichen Park. Mehr als 300 000 Zuschauer über das Wochenende folgten ihrer Passion, die allermeisten in rotes Tuch gekleidet. Wer es nicht auf die Tribünen schaffte, belagerte das Hotel, die Ein- und Ausfahrten zur Rennstrecke.

Auch Nicht-Ferrari-Piloten spürten das besondere Flair, eskortiert von Carabinieri durch den Verkehr rund um Mailand. Bejubelt wird jeder der Piloti, und bei der Einführungsrunde schaffen es die Fans tatsächlich, die Motorengeräusche zu übertrumpfen. Die Vokabel "Gänsehaut" war die meistbenutzte im Fahrerlager. Die Formel 1 gibt zurück, was sie zurückgeben kann. Zwei Sommerstürme hatten Tausende von Bäumen im Park entwurzelt, das Rennen war lange gefährdet. Zum Rennen waren die Wege wieder frei, und Formel-1-Chef Stefano Domenicali führte am Wochenende eine Pflanzaktion an. Er weiß, wo die Wurzeln seines Sports liegen.

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