Lewis Hamilton in der Formel 1Mach mal wie Lauda

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Blau gekleidet für das Ferrari-Heimspiel in Monza: Lewis Hamilton gibt am Freitag Autogramme.
Blau gekleidet für das Ferrari-Heimspiel in Monza: Lewis Hamilton gibt am Freitag Autogramme. Jennifer Lorenzini/Reuters
  • Lewis Hamilton wartet in seiner Debütsaison bei Ferrari nach 15 Rennen immer noch auf seine erste Podiumsplatzierung.
  • Teamchef Frédéric Vasseur gibt offen zu, den Hamilton-Wechsel unterschätzt zu haben, was für beide Seiten gleichermaßen gelte.
  • Hamilton nimmt beim Heimrennen in Monza seinen 16. Anlauf auf den ersten Ferrari-Sieg, während Schumacher nur sieben Rennen brauchte.
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In Italien macht sich vor dem Heimrennen in Monza die Sorge breit, dass Lewis Hamilton im Ferrari wohl kaum an die Erfolge von Niki Lauda oder Michael Schumacher anknüpfen wird.

Von Elmar Brümmer, Monza

Einen auf Blau machen, mitten auf der Piazza del Duomo in Mailand, in einem Meer aus roten Fahnen und Zigtausenden in Rot gekleideten Menschen. Diesen Kontrast kann sich nur Ferrari trauen. Das Kontrastprogramm, ausgerechnet beim Heimspiel in der Formel 1 die Piloten Charles Leclerc und Lewis Hamilton in Azzurro zu stecken, ist eine Reminiszenz an jenen Gran Premio für die Ewigkeit vor 50 Jahren, als Niki Lauda die Ferraristi mit einem dritten Platz im Großen Preis von Italien erlöste und zum ersten Mal Weltmeister wurde, und die Scuderia zugleich den Konstrukteurstitel erringen konnte. Elf Jahre nervenzehrendes Warten waren vorüber.

Von diesem Traumergebnis scheinen Hamilton und sein Team in der laufenden Saison weiter entfernt als ein halbes Jahrhundert, der Brite wartet in seiner Debütsaison mit den Italienern immer noch auf die erste Podiumsplatzierung. Nach einem halben Leben ganz in Silber nahtlos in Rosso einfach so weitermachen zu können, das war ein Trugschluss. Der Kulturschock zieht sich nun schon über 15 Rennen hin. In einem perfekten Drehbuch wäre Monza der ideale Wendepunkt. Ein überzeugender Auftritt im Autodromo würde zumindest Aufschub geben, um zu beantworten, wann wem zuerst der Geduldsfaden reißt – die Vertrauensfrage.

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Der Brite ist einer, der ein gutes Gespür für Momente hat, und er hat vom Balkon des Palazzo Reale aus alle Kraft der brodelnden Menschenmenge aufgesaugt, die so treffend mit tifosi in delirio beschrieben wurde. Beim Europafinale der Königsklasse will Hamilton den vollen Speicher abrufen: „Ich habe das Herz von Ferrari gespürt, die Bedeutung für die Menschen. Da ist so viel Liebe und Leidenschaft. Das ergibt eine ungeheuer positive Energie. Und die versuche ich zu nutzen.“ Die Huldigungen vorher entgegenzunehmen, das ist in der derzeitigen Situation vielleicht keine ganz schlechte Idee. Trotz aller positiven Emotionen wirkt Hamilton ziemlich verunsichert. „Alles ist anders, immer wieder“, sagt der Fahrer über die fehlerhafte Akklimatisierung, und er sagt einen wahren Satz, der zugleich aber verzweifelt klingt, weil ihn immer alle sagen, die den Erwartungen hinterherfahren: „Wir lernen von Wochenende zu Wochenende.“

Scuderia-Teamchef Frédéric Vasseur gibt inzwischen offen zu, den Hamilton-Wechsel unterschätzt zu haben, was für beide Seiten gleichermaßen gelte. Dass sich der strauchelnde Pilot zwischenzeitlich selbst als „nutzlos“ bezeichnet hat, dass ihm beim letzten Rennen in Zandvoort ein Anfängerfehler passiert ist, versucht der Franzose mit dem Charakter Hamiltons zu erklären: „Lewis ist sehr selbstkritisch und in seinen Ausschlägen immer extrem. Manchmal geht er mit dem Auto zu hart ins Gericht, manchmal mit sich selbst. Er fordert viel. Von anderen, aber auch von sich selbst. Damit kann ich leben.“ Vasseur versucht bewusst zu dämpfen, das Umfeld in Maranello ist schon hektisch genug.

Schumacher brauchte sieben Rennen zum ersten Sieg, Alonso nur einen, Hamilton steht nun vor seinem 16. Versuch

Lewis Hamilton blättert einstweilen in seinem Zitatenschatz und versucht es mit erhöhter Achtsamkeit, nachdem er sich beim neuerlichen Debakel in den Niederlanden auch noch eine Rückversetzung um fünf Startplätze für Monza einfing. Seine Losung: „Es macht keinen Sinn, sich über morgen Gedanken zu machen, denn das wirft oft einen Schatten auf die Gegenwart. Ich will keinen Moment hier verpassen.“ Mehr werde er daran denken, wie er als Kind Michael Schumacher beim Siegen mit Ferrari in Monza zugesehen habe: „Und jetzt kann ich selbst diese Erfahrung machen.“

Einen Mann mit einem Gehalt im hohen zweistelligen Millionenbereich auf Dauer als Fahrschüler zu akzeptieren, das fällt schwer. Zumal die Historie Hamilton auch nicht gut aussehen lässt. Michael Schumacher gewann 1996, nachdem er als Heilsbringer verpflichtet worden war, erstmals im siebten Rennen. Fernando Alonso im Jahr 2010 gleich bei seiner Premiere im Ferrari, Sebastian Vettel 2015 im zweiten Grand Prix. Hamilton nimmt nun seinen 16. Anlauf. Und unabhängig davon, ob die Scuderia zu der jeweiligen Zeit technisch besser aufgestellt oder innerlich gefestigter war – Hamilton ist nicht nur statistisch zum Sorgenkind geworden. Der Brite hat sich den Gedanken daran verbeten, wie es wohl sein würde, wenn er am Sonntag auf dem über der Boxengasse von Monza schwebenden Podium stehen würde. Er weiß natürlich, wie das ist, hat hier wie Schumacher schon fünf Mal gewonnen, allerdings in Silber. Im Vorjahr hatte Charles Leclerc einen Überraschungssieg für die Scuderia landen können, damit ist klar, wie hoch die Latte liegt.

Die Erinnerung an Niki Lauda, seinen Mentor, wird mitfahren. Hamilton, der den Österreicher erst als Teammitbesitzer bei Mercedes kennengelernt hat, hatte gar nicht auf dem Schirm, dass dieser in Italien als Niki Nazionale verehrt wird, auf der nächsthöchsten Stufe nach Michael Schumacher. Lauda war trotz eines Altersunterschieds von dreieinhalb Jahrzehnten ein Bruder im Geiste von Hamilton, ein akzeptierter Ratgeber gerade in schwierigen Zeiten. „Ich weiß, was er mir heute sagen würde, und dieser Gedanke ist immer in meinem Hinterkopf. Wenn ich nicht gut war, hat er mir immer gesagt, ich solle den anderen die Hölle heiß machen. Niki war eben immer ein Kämpfer.“ Den Lauda-Stil gilt es zu kopieren.

Deshalb verweigert sich Lewis Hamilton auch der Annahme, dass es sich um das härteste seiner bislang 18 Rennjahre in der Formel 1 handeln soll. Öfter schon musste er sich als Verdrängungskünstler bewähren, diese Fähigkeit ist jetzt wieder gefragt: „Natürlich hatte ich das ganze letzte Jahr Zeit, darüber nachzudenken und mich auf Ferrari vorzubereiten, aber es gibt immer noch Dinge, die man nicht vorhersehen kann. Das Team setzt wirklich Himmel und Hölle in Bewegung, um mich zu integrieren.“ Er wirkt nachdenklich, scheint abzuwägen, wo zwischen diesen Extremen er sich gerade befindet. Dann kommt schließlich wieder der Lauda in ihm durch: „Ehrlich gesagt, je schwieriger es ist, desto besser kann es einen machen.“

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