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Sieben Kurven in der Formel 1:Verpasster Anruf von: Emmanuel Macron

Monza-Sieger Gasly will nicht mehr runter vom Podium, die einzige Frau verabschiedet sich aus der Chefetage der F1 und Vettel freut sich auf den Simulator, weil dort das Auto hält. Höhepunkte des Wochenendes.

Von Elmar Brümmer

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Pierre Gasly

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Quelle: AFP

Es schien so, als wollte er dieses Podest hoch oben über der Boxengasse des Autodromo Nazionale nie mehr verlassen. "Mir ging so viel durch den Kopf", sagte Pierre Gasly, der 109. Gewinner eines Formel-1-Rennens, "und man weiß nie, ob man solche Momente jemals wieder erlebt." Er ist der erste Franzose seit Olivier Panis 1996 in Monte Carlo, der oben auf einem Formel-1-Podest steht. Auch damals war ein Chaos-Rennen notwendig, damit die Marseillaise gespielt werden konnte. Pierre Gasly stoppte im achten WM-Lauf zur richtigen Zeit - und ließ sich danach nicht mehr von der Spitze verdrängen. Wobei auch Panis eine Rolle spielte: "Ich habe mir immer gesagt: du wirst ändern, dass kein Franzose mehr gewinnen kann." Ganz so geradlinig verlief die Karriereplanung des heute 24-Jährigen dann nicht. Erst von Red Bull gefördert, dann ins Top-Team befördert - und im letzten Jahr ziemlich schnell wieder degradiert. Mit einer Notlüge hielten die Ingenieure von Alpha Tauri den Novizen an der Spitze ruhig: "Sie haben mir gesagt: zieh einfach dein Rennen durch. Hamilton wird durchs Feld pflügen und trotzdem mit 20 Sekunden Vorsprung gewinnen..." Echt war hinterher dann die Meldung auf seinem Mobiltelefon: verpasster Anruf von Emmanuel Macron. Gaslys zweitwichtigste Tat an diesem Wochenende: "Ich ruf dann mal den Präsidenten zurück."

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Franz Tost

F1 Grand Prix of Italy

Quelle: Getty Images

Mercedes, Ferrari und Red Bull - seit dem Saisonstart 2013 haben in 146 Rennen nur Fahrer dieser drei Rennställe Formel-1-Rennen gewinnen können. Bis jetzt, bis Alpha Tauri mit Pierre Gasly und einem perfekt platzierten Boxenstopp die Serie gesprengt und nebenbei die italienische Renn-Ehre doch noch gerettet hat. Der Talentschuppen von Red Bull wurde einst als Scuderia Minardi in Faenza gegründet, 2006 dann in Toro Rosso umgetauft. Das Sagen hat seither der Tiroler Franz Tost, einst Betreuer beim Formel-1-Einstieg von Ralf Schumacher. Der 64-jährige ist eine Art Rennfahrer-Flüsterer, aber auch ein Hardliner, wenn es um den Motorsport geht. Ihn einen "Realo" zu nennen, wäre stark untertrieben. Von einer großen Feier wollte Tost nach dem Triumph von Monza nichts wissen. Die Mechaniker wies der Teamchef an, schon wieder an Mugello zu denken und mit Gasly wollte er auch nochmal ein Wörtchen über den Zeitverlust auf den letzten Runden reden. In Sachen Monza-Sensationen ist Tost erfahren - er stand auch 2008 am Kommandostand, als Sebastian Vettel seinen ersten Sieg einfuhr. Den von Gasly bewertet er sogar höher: "Damals war es eine Regenrennen, diesmal nicht."

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Carlos Sainz Junior

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Quelle: AFP

Was hat er sich in den letzten Wochen alles anhören müssen an Spott über seinen Wechsel 2021 zu Ferrari. Ausgerechnet jetzt, wo sich das McLaren-Team unter dem deutschen Teamchef Andreas Seidl berappelt. Sainz antwortet immer nur, dass man dem Ruf von Ferrari folgen müsse - und sei nicht auch Michael Schumacher zu einer Scuderia in der Krise gewechselt? Wie prima wäre es gewesen, wenn er einen Sieg in Italien als zusätzliches Empfehlungsschreiben hätte mitbringen können. Der Spanier hat ihn nur knapp verfehlt, um 0,4 Sekunden. Eine Runde noch, dann hätte er Sieger Pierre Gasly wohl tatsächlich geschnappt. "Es ist unmöglich, von einem zweiten Platz enttäuscht zu sein, aber ich wollte diesen Sieg unbedingt", gesteht er, "ohne den Rennabbruch zwischendurch hätten wir auch gewonnen. Ich war überrascht, wie stark unser Auto war." Beim letzten Rennen in Spa hatte Sainz wegen eines defekten Auspuffs nicht starten können, aber schon sein dritter Startplatz zeigte, dass mit ihm zu rechnen sein würde. Das Dino-Team McLaren ist wieder da, wie auch der vierte Platz für Lando Norris zeigt.

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Mick Schumacher

Formula 2 Championship - Round 7:Spa-Francorchamps - Sprint Race

Quelle: Getty Images

Schon nach dem desaströsen Qualifikations-Samstag versuchte Ferraris Sportdirektor Techniker Laurent Mekies es mit einer motivierenden Ablenkung: "Der einzige Sonnenschein heute waren unsere Junioren." Gerade hatte Mick Schumacher seinen ersten Sieg in der Formel 2 gefeiert, dem er am Sonntag im Sprintrennen noch einen dritten Platz folgen ließ. In der Gesamtwertung belegt der Sohn des Rekordweltmeisters jetzt den zweiten Rang, hinter dem Briten Callum Ilott und vor dem Russen Robert Schwartzmann. Allesamt Kollegen aus der Ferrari-Akademie und damit Rivalen um den Aufstieg in die Königsklasse. Ein Schumacher, der in Monza triumphiert, das weckt Fantasien. Wie schon öfter in seiner Karriere wird der 21-Jährige in der zweiten Hälfte der Saison immer stärker, und gerade in diesem Rennjahr kommt es darauf an. Denn bei den Ferrari-Kundenrennställen Alfa Romeo und Haas sind noch alle Plätze für 2021 zu vergeben, die Scuderia dürfte auf die Vergabe darauf Einfluss nehmen. Schumacher junior könnte im Zürcher Oberland landen, wo Vater Michael einst bei Sauber-Mercedes seine Rennfahrer-Lehre begann. Die Schweizer starten inzwischen unter dem Alfa-Kleeblatt.

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Claire Williams

F1 Grand Prix of Italy - Practice

Quelle: 2020 Pool

An ihrem letzten Arbeitstag leistete die stellvertretende Teamchefin einfache Mechaniker-Arbeit - sie hat in Monza den Kanadier Nicholas Latifi aus der Box auf die Strecke gewunken. Es war auch der Anfang ihrer eigenen Abschiedsfahrt. Nach 43 Jahren und 739 Rennen hat die Familie Williams ihr Lebenswerk an einen von Briten verwalteten US-Investmentfonds verkauft. "Wir als Familie hatten eine großartige Zeit in der Formel 1 und mein Vater hat ein großes Erbe hinterlassen", sagt die 44-Jährige über das Ende einer Ära. Claire Williams hat sich von den neuen Besitzern aber nicht überreden lassen, auf ihrem Posten zu bleiben. Mit der gelernten Politikwissenschaftlerin verschwindet auch die letzte Frau aus einer Formel-1-Chefetage, sie fordert in der Branche daher noch mehr Bemühung um Gleichberechtigung. In ihren sieben Jahren an der Spitze des Einsatzteams hatte sie selbst der Schottin Susie Wolff einst eine Chance als Testfahrerin gegeben - die Gattin von Mercedes-Boss Toto Wolff ist inzwischen Teamchefin in der Formel E. In der aktuellen Formel 1 werden bei Red Bull, Racing Point und Alfa Romeo die Strategieentscheidungen von Frauen getroffen.

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Sebastian Vettel

F1 Grand Prix of Italy - Qualifying

Quelle: Getty Images

Sein letzter Auftritt als Ferrari-Fahrer im Autodromo Nazionale war schon am Samstag versaut worden, als ihn die Scuderia zur falschen Zeit ins Qualifying schickte. Startplatz 17, danach musste der Hesse erstmal auf dem Rennrad im Königlichen Park Frust abbauen. Gemessen daran müsste er nach dem Desaster im Rennen wohl noch ein paar mehr Spinning-Sessions einlegen. Früh im Gran Premio kommt ein Warnspruch von der Box, da fliegen dann auch schon Teilchen am SF 1000 weg. Erst verabschiedet sich die Bremskraft hinten rechts, dann lodert links ein Feuerchen im Heck. Nicht besonders angenehm auf einem Höchstgeschwindigkeitskurs. Vettel vermeldet eine explodierte Bremsleitung. Er selbst müsste bald auch platzen: "Ich weiß im Moment auch nicht wirklich weiter. Man denkt immer, schlimmer geht nicht mehr - aber für uns gilt offenbar: es geht immer noch schlimmer. Das nervt!" Kollege Charles Leclerc ergeht es nicht viel besser. Das Heck seines Autos ist so nervös, dass er mit Tempo 260 im Reifenstapel landet. Erstmals seit 1995 kein Ferrari in Monza im Ziel, das trifft auch Teamchef Mattia Binotto wieder hart: "Das ist der schlimmste Ausgang eines schwierigen Wochenendes." Vettel freut sich sarkastisch auf den Simulator-Einsatz morgen: "Da hält das Auto wenigstens..."

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Lewis Hamilton

F1 Grand Prix of Italy

Quelle: Getty Images

Dem 90. Grand-Prix-Sieg des WM-Spitzenreiters standen nur zwei Dinge im Weg: die beiden Anzeigen mit dem großen X, die er nach der ersten Neutralisierung des Rennens übersehen hatte. Sie - und nicht wie üblich eine rote Ampel - zeigten an, dass die Boxeneinfahrt geschlossen war. Auf der linken Kurvenseite, was höchst ungewöhnlich ist: "Ich habe mich auf die Rennlinie konzentriert und diese Schilder echt nicht gesehen, deshalb übernehme ich die Verantwortung." Die Warnung hatten auch die sonst so perfekten Mercedes-Strategen offenbar nicht mitbekommen. Damit wurde der scheinbar clevere schnelle Stopp des Mercedes-Fahrers zum Schuss in den Ofen, er kassierte dafür eine zehnsekündige Stopp-and-Go-Strafe. Insgesamt kostete ihn das nach dem Neustart 28 Sekunden. Von ganz hinten musste er durchs Feld pflügen, schaffte es immerhin noch auf Rang sieben - woran er zwischenzeitlich selbst nicht mehr geglaubt hatte. Auch dank der schnellsten Rennrunde, im Übrigen der 50. seiner Karriere. "Als ich das Feld wieder eingeholt hatte, hat es Spaß gemacht und ich konnte ein paar Punkte einfahren. Die nehme ich gerne mit."

© SZ.de/schm

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