Am Ende ergab sich die Spannung beim Großen Preis von Monaco daraus, zu warten. Erstmals hatte der Motorsport-Weltverband Fia für alle Fahrer zwei verpflichtende Boxenstopps angesetzt. Damit sollte zumindest die Wahrscheinlichkeit für mehr Drama während der 78 Runden erhöht werden. Als etwa zwei Drittel des Rennens vorbei waren, hatten die ersten fünf Fahrer ihre Reifen alle erst einmal gewechselt. Wer würde zuerst abbiegen? Und würde sich dadurch etwas an der Reihenfolge ändern?
Oscar Piastri holte sich schließlich in der 49. Runde einen neuen Satz Reifen für seinen McLaren, dadurch rutschte er von Platz drei auf vier zurück. Charles Leclerc folgte im Ferrari umgehend auf Position zwei, danach war er Dritter. In der 50. Runde kam auch Lando Norris mit seinem McLaren, der daraufhin nicht mehr Erster, sondern Zweiter war. Die Führung übernahm Max Verstappen. In jedem anderen Jahr hätte der Weltmeister seinen Red Bull nun getrost ins Ziel lenken können. Aber auch er musste ja noch die Pflicht erfüllen. Doch er kam und kam nicht und fuhr noch dazu langsamer. Wollte er damit seine Konkurrenten näher aneinanderbringen und durch ein mögliches Duell die Chance auf einen Crash erhöhen? Wäre dann das Safety Car ausgerückt, hätte Verstappen durch die reduzierte Geschwindigkeit an die Box fahren können, ohne groß Zeit zu verlieren.

Nico Hülkenberg in der Formel 1:„Ich nehme schon wahr, dass da etwas Großes kommt“
Wie wird aus einem chancenlosen ein erfolgreicher Rennstall? Daran arbeitet das künftige Audi-Werksteam intensiv. Maßgeblich dazu beitragen soll Nico Hülkenberg – der einzig verbliebene deutsche Fahrer in der Formel 1.
Die vorderen Autos rückten tatsächlich zusammen. Verstappen reizte den Spielraum voll aus. In der letzten Runde kam er rein – und als Vierter wieder raus. Das Rennen sollte also enden, wie es begonnen hatte: Norris holte seinen ersten Sieg im Fürstentum, er kam vor Vorjahressieger Leclerc und Piastri ins Ziel. Verstappen wurde Vierter. Nico Hülkenberg, der einzige deutsche Fahrer, verpasste als 16. die Punkteränge deutlich. „Monaco, Baby, yeeeah!“, rief Norris nach seinem zweiten Saisonsieg in den Funk. Ein Prestige-Erfolg – und ein wichtiger im WM-Kampf noch dazu. Damit hat Norris 158 Punkte gesammelt und nur noch drei weniger als sein Teamkollege Piastri. Verstappen kommt auf 136 Zähler.
Die Neuerung brachte zwar die Köpfe der Strategen zum Rauchen, den gewünschten Spannungseffekt allerdings nicht
Die Faustregel von Monte-Carlo traf also wieder zu: Wer sich am Samstag in der Qualifikation die Pole Position schnappt, gewinnt sehr wahrscheinlich am Sonntag auch das Rennen. Norris hatte sich die beste Ausgangslage gerade noch so vor dem Trainingsbesten Leclerc gesichert. Für Norris war es die erste Pole in Monaco, nach zuletzt schwierigen Qualifikationen tat sie dem Briten umso besser. Der WM-Führende Piastri begann das Rennen als Dritter, dahinter Verstappen. Beim Start sah es auf den ersten Metern danach aus, als könne sich an dieser Reihenfolge etwas ändern. Leclerc klebte an Norris, Verstappen kam Piastri nahe. Aber es blieb dabei. Für Aufregung sorgte kurz danach Gabriel Bortoleto, der mit seinem Kick Sauber in der Bande landete. Weil er weiterfahren konnte, kam es zu keiner größeren Unterbrechung, aber die Ersten bogen ab zum Reifenwechsel, Bortoleto zur Reparatur.
In der neunten Runde erwischte es den nächsten. Pierre Gasly hatte Probleme mit den Bremsen und krachte mit seinem Alpine nach der Tunnelausfahrt in den Red Bull von Yuki Tsunoda, danach war die linke Radaufhängung demoliert. Der Franzose konnte sich in die Boxengasse retten. Weil sein Auto bei dem Crash Teile verloren hatte, wurde wieder die gelbe Flagge geschwenkt. Verstappen konnte sich derweil näher an Piastri heranarbeiten. Das sah nach Spannung aus, aber Grund, in die Popcorn-Tüte zu greifen, lieferte dieses Duell am Ende doch nicht. Piastri konnte sich wieder absetzen. Als der Alpine von Gasly und die umherliegenden Teile an allen Stellen geräumt waren, wurde die Boxengasse wieder freigegeben. Das nutzten die Nächsten für den ersten Stopp. Auch Norris entschied sich in der 20. Runde dafür, eine Runde später folgte Piastri.

Das kostete Norris die Führung, er kam als Vierter wieder auf die Strecke, nach dem Stopp seines Teamkollegen rückte er eins vor. Freie Sicht hatte nun Leclerc vor Verstappen. Aber auch der Monegasse musste irgendwann abbiegen. Nach 22 Runden war es so weit. Und schon kam wieder etwas Bewegung rein: Verstappen, als Einziger aus der Spitzengruppe noch auf den gleichen Pneus wie beim Start, war der neue Leader, ganze zehn Sekunden Puffer hatte er, bevor Norris, Leclerc und Piastri kamen. Verstappen war so weit gekommen, dass er nun schon das Ende des Feldes vor sich hatte. Aber auch nach einem Drittel der Gesamtstrecke ließ ihn Red Bull draußen – und spekulierte schon da auf einen Crash, der dann mit der nächsten Safety-Car-Phase den Stopp ohne großen Zeitverlust erleichtert hätte.
Aber keiner der Konkurrenten krachte gegen die Bande, nach 29 Runden kam auch der Weltmeister an die Box und fiel auf Platz vier. Nun war alles zurück auf Anfang: Norris vor Leclerc vor Piastri vor Verstappen. Hatte sich die Fia das so vorgestellt? Die vorne liegenden Fahrer rauschten in den Pulk der Hinterherfahrenden, Norris beschwerte sich schon, dass die Überrundeten nicht schnell genug Platz machen würden. Aber die Aufregung verflog schnell, Verstappen hatte gar Zeit zur Technikanalyse angesichts von 15 Sekunden Rückstand auf Piastri: „Meine Schaltung fühlt sich an wie 1972.“ Die Hälfte des Glamour-Grand-Prix war da vorbei, zwischen Norris und Leclerc lagen fünf Sekunden, bis dann Piastri um die Ecke bog, vergingen weitere 13 Sekunden. Welten in der Formel 1.
Fernando Alonso musste seinen Aston Martin stoppen, aber er fand in der Rascasse eine Parkbucht, wieder blieb eine längere Unterbrechung aus. Und so brachte die Neuerung zwar die Köpfe der Strategen zum Rauchen. Der gewünschte Unterhaltungseffekt allerdings blieb aus. Immerhin: Am Sonntag auf dem Kurs von Barcelona dürfte es auch ohne Pflichtstopp-Regel ziemlich sicher abwechslungsreicher werden.

