McLaren in der Formel 1Wie lange geht das gut?

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Einer gewinnt, einer applaudiert – in dieser Saison war die Rollenverteilung zwischen Lando Norris (li.) und Oscar Piastri oft anders, in Monaco aber reüssiert Norris.
Einer gewinnt, einer applaudiert – in dieser Saison war die Rollenverteilung zwischen Lando Norris (li.) und Oscar Piastri oft anders, in Monaco aber reüssiert Norris. (Foto: Rudy Carezzevoli/Getty Images)

In Monaco gelingt Lando Norris ein Prestige-Erfolg, der ihn im WM-Kampf nah an seinen McLaren-Kollegen Oscar Piastri bringt. Die Konkurrenz hofft schon, dass es im derzeit stärksten Formel-1-Team bald Konflikte gibt.

Von Anna Dreher, Monte-Carlo

Lando Norris hätte sich wortkarg geben können. Die beste Antwort auf all das Geraune um seine Chancen in der Weltmeisterschaft hatte er schließlich schon in den Stunden zuvor geliefert, am Steuer seines McLaren auf dem Circuit de Monaco. Erst hatte er in der Qualifikation auf einer der anspruchsvollsten Strecken mit einem Rekord die schnellste Runde gedreht. Und setzte sich dann am Sonntag auch im Rennen durch, was ihn im Titelkampf der Formel 1 bis auf drei Punkte an seinen Teamkollegen Oscar Piastri rücken lässt. Aber wohl gerade deshalb hatte er Lust auf die Nachbesprechung im Hafen von Monte-Carlo.

Viel von dem, was so geredet werde, sei Mist, stellte Norris am Sonntagabend in einer langen Antwort klar. Aber ihm sei das egal, solange er und sein Team über die Wahrheit Bescheid wüssten. Er habe jedenfalls hart gearbeitet, um das Momentum wieder auf seine Seite zu ziehen und damit auch sein Selbstvertrauen zu beleben. Die eigentliche Befreiung brachte ihm dabei aber weniger der Prestige-Erfolg, den jeder Rennfahrer in seiner Sammlung haben möchte. Sondern die Qualifikation. „Ich bin sehr stolz auf gestern“, sagte der 25-Jährige: „Ich meine, heute ist unglaublich, aber gestern war ich viel emotionaler. So viel hat es mir bedeutet, wieder in meinen Rhythmus im Qualifying zu finden. Das ist etwas, das ich mein Leben lang einfach hatte, das lief immer gut – bis zu diesem Jahr.“

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In Australien beim Saisonauftakt war Norris mit einem Sieg gestartet, danach folgte eine 70 Tage währende Flaute. Die Trophäen teilten sich Oscar Piastri (4) und Red-Bull-Konkurrent Max Verstappen (2), am Sonntag Vierter und zuvor in Imola der Sieger, untereinander auf. Norris beschäftigte derweil die Frage, wohin sich nur seine Samstagsstärke verkrochen hatte. Die Qualifikation gelang ihm nicht mehr wie gewohnt, ihm unterliefen teils grobe Fehler. Das interne Duell gewann Piastri, das nagte an Norris. Der MCL39 ist das schnellste Auto im Feld, aber es kommt für die Fahrer immer auf die Abstimmung im Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten und Vorlieben an. Da können Kleinigkeiten entscheiden. McLaren scheint nun bei den Anpassungen Wege gefunden zu haben, das bei Piastri bestens funktionierende Auto auch stimmiger auf Norris auszurichten.

„Es ist definitiv die Frage, wann es passiert, nicht ob es passiert“, sagt McLaren-CEO Zak Brown zu einem möglichen Crash seiner Piloten

„Mit Oscar, Charles und Max trete ich gegen die Besten der Welt an“, sagte Norris mit Blick auf die ersten vier Plätze beim Grand Prix von Monaco. Charles Leclerc war im Ferrari als Zweiter zwischen den beiden McLaren ins Ziel gekommen: „Und wenn du nicht auf höchstem Niveau lieferst, kannst du gegen sie nicht bestehen.“ 161 Punkte hat Piastri nach acht Saisonrennen gesammelt, Norris kommt auf 158, Verstappen auf 136. Doch abgesehen vom deutlich verringerten Abstand ist primär die Botschaft von Norris entscheidend. Er mag mehr mit sich hadern als Piastri und Verstappen und diese Gedanken auch mehr in der Öffentlichkeit teilen. Und er mag in der Vergangenheit in entscheidenden Momenten Nerven gezeigt haben. Unterschätzen oder abschreiben sollte man ihn deshalb aber nicht.

Entscheidend war in Monte-Carlo trotz zweiten Pflichtboxenstopps wieder mal die Qualifikation. Von Startplatz eins konnte sich Lando Norris vor Charles Leclerc und Oscar Piastri halten.
Entscheidend war in Monte-Carlo trotz zweiten Pflichtboxenstopps wieder mal die Qualifikation. Von Startplatz eins konnte sich Lando Norris vor Charles Leclerc und Oscar Piastri halten. (Foto: Steven Tee/Getty Images)

Für McLaren wird dadurch das Luxusproblem dieser Saison wieder sichtbar: Zwei starke Fahrer im besten Auto. Auf eine klare Nummer eins möchte sich der Rennstall noch nicht festlegen, Norris und Piastri dürfen sich frei duellieren. Bislang hat das nicht zu jenen Hochspannungen geführt, die aus der Vergangenheit bei solchen Konstellationen bekannt sind. Beispiele gibt es genug, bei McLaren zuletzt 2007 mit Lewis Hamilton und Fernando Alonso, die zu erbitterten Rivalen wurden, lachender Dritter war Kimi Räikkönen, der damals als bislang letzter Fahrer den WM-Titel für Ferrari holte. Das aktuelle Duo besteht aus anderen Charakteren, aber einstellen können sie sich bei McLaren schon mal auf ein solches Szenario, sollten sich Norris und der MCL39 weiter anfreunden. „Es ist definitiv die Frage, wann es passiert, nicht, ob es passiert“, hat CEO Zak Brown zu einem möglichen Crash seiner Piloten gesagt.

Gerade läuft es gut, noch liegen beide Piloten vorn, und McLaren führt die Konstrukteurswertung mit 319 Zählern deutlich vor Mercedes (147) an. Der Nachteil an der Sache ist nur, dass sich Norris und Piastri in der Fahrerwertung gegenseitig Punkte wegnehmen, wenn beide um Siege kämpfen. Vergangene Saison waren die Auswirkungen davon schmerzlich zu spüren, als Norris im Titelkampf gegen Verstappen Zähler fehlten. Die McLaren-Haltung könnte Verstappen erneut helfen. Trotz des unterlegenen RB21 wahrt der Niederländer seine Chance. Und so spekulieren sie bei Red Bull schon darauf, dass sie noch profitieren. „Ab einem gewissen Punkt wird das Eigeninteresse immer das Teaminteresse überlagern. Das ist der Konflikt“, sagte Red Bulls Teamchef Christian Horner. „Für uns ist immer noch alles offen.“ Er hat mit Verstappen eine so klare Nummer eins im Cockpit sitzen, dass reihenweise Fahrer daran scheitern, an der Seite des viermaligen Weltmeisters zu bestehen.

Dass der Grand Prix von Monaco trotz zweier Pflicht-Boxenstopps, die der Weltverband Fia in der Hoffnung auf mehr Unterhaltung eingeführt hatte, mehr für die Strategen und weniger fürs Publikum spannend war, konnte Norris egal sein. „Es fühlt sich unglaublich an“, sagte er: „Das ist es, wovon ich geträumt habe als Kind. Ich habe einen meiner Kindheitsträume erfüllt.“ Ein Sieg in Monte-Carlo, daran hat sich in 75 Jahren Formel 1 nichts geändert, ist immer noch ein besonderer. Wer hier gewinnt und noch dazu bei den 24 Stunden von Le Mans sowie beim Indy 500 reüssiert, holt die „Triple Crown“. Diesem Projekt aber erteilte Lando Norris auf Nachfrage direkt eine Absage. Le Mans vielleicht, ja, aber Indy 500? Das sei nicht so seins. Gerade will er sowieso keine Ablenkung von der Formel 1 zulassen. Lando Norris will die WM gewinnen.

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