Mercedes in der Formel 1:Die Geschwindigkeit ist zurück

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Mercedes in der Formel 1: Zu breit und schwer für die engen Gassen am Hafen? Am Sonntag im Rennen wird man sehen, wie sich die seit diesem Jahr neuen Rennwagen (im Bild Lewis Hamilton im Mercedes) beim Klassiker im Fürstentum schlagen.

Zu breit und schwer für die engen Gassen am Hafen? Am Sonntag im Rennen wird man sehen, wie sich die seit diesem Jahr neuen Rennwagen (im Bild Lewis Hamilton im Mercedes) beim Klassiker im Fürstentum schlagen.

(Foto: Daniel Cole/AP)

Nach einem schwierigen Saisonstart deuten Lewis Hamilton und George Russell an, dass die Mercedes um die vorderen Plätze mitfahren können. Die Formel 1 hofft auf einen Dreikampf um den Titel.

Von Anna Dreher, Monte Carlo

Der Trubel ist zurück an der Rennstrecke von Monte Carlo. In den Zügen, auf den Straßen und Gehwegen, überall wuselten am Freitag Menschen durch das Fürstentum. 2020 war der Grand Prix wegen Corona abgesagt worden, 2021 kehrte die Formel 1 in abgespecktem Rahmen zurück. Nun also wieder das volle Programm mit vollen Tribünen. Ferrari-Rot, Red-Bull-Blau, Mercedes-Silber, McLaren-Orange, Aston-Martin-Grün, überall liefen Farbtupfer zwischen den ikonischen Häuserschluchten an der Côte d'Azur umher. Der Kurs schlängelt sich durch den Ort am Hafen entlang, wo protzige Yachten zum Party-Hot-Spot werden. Monaco steht für Glamour und Tradition im Rennsport. Schon 1950 fuhr die Formel 1 hier, wo die Kurven klangvolle Namen tragen wie Sainte-Devote, Mirabeau, Rascasse. Wird hier der Titelkampf um einen Hauptakteur erweitert?

Vor einer Woche in Barcelona hat Mercedes aufhorchen lassen. Ein Team, das die vergangenen Jahre nicht dafür bekannt gewesen ist, sich überhaupt zurückmelden zu müssen. Achtmal in Serie hat Mercedes sich in der Konstrukteurswertung durchgesetzt, von 2014 bis 2020 gewann zudem stets ein Stern-Fahrer die WM, bis der siebenmalige Champion Lewis Hamilton vergangene Saison höchst knapp und höchst umstritten im letzten Rennen von Max Verstappen entthront wurde.

Anders als erhofft ist die Revanche erschwert worden durch die 2022 greifenden Reglementänderungen. Mercedes ist bisher vor allem mit sich selbst beschäftigt gewesen und trat teils demütig auf angesichts der Ergebnisse. Der W13, das neue Modell, wurde bisweilen als "unfahrbar" bezeichnet, das Bouncing des Autos bereitete den Piloten Probleme, in Imola wurde Hamilton gar von Verstappen überrundet. Von Motorsportchef Toto Wolff gab es Statements wie nach dem Grand Prix in Saudi-Arabien, als er sagte, dass es darum gehe, nicht den Anschluss zu verlieren.

Mercedes hat aus Barcelona zweifelsohne einen zusätzlichen Schub mitgenommen

Nun aber hat Mercedes sichtbar einen weiteren Schritt nach vorne gemacht, die Upgrades haben die gewünschte Wirkung gezeigt. Das Hoppeln der Autos ist unter Kontrolle - und die Geschwindigkeit zurück. Vorne lieferte sich George Russell rundenlang ein packendes Duell mit Verstappen, zwischendurch führte der 24-Jährige gar und wurde letztlich Dritter, sein zweites Podium 2022. Nach einem frühen Boxenstopp kämpfte sich auch Hamilton bis auf Platz fünf vor. Wäre nicht ein Wasserleck gewesen, wäre er gar Vierter geworden.

Die Aufholjagd, sagte der Engländer später, sei für ihn wie ein Sieg. Bezogen auf Red Bull meinte er: "Das gibt mir große Hoffnung, dass wir auch in Zukunft wieder mit ihnen kämpfen können." Dieses Ergebnis sei ein Zeichen, dass sich das Team in die richtige Richtung entwickle. In der Konstrukteurswertung liegt Mercedes mit 120 Punkten nach sechs Rennen auf Rang drei hinter Ferrari (169) und Red Bull (195). Hamilton ist Sechster (46), Russell Dritter (74), Verstappen führt trotz zweier Ausfälle mit 110 Zählern knapp vor dem Monegassen Charles Leclerc (104). Es ist also noch ein gutes Stück bis zum Kampf auf Augenhöhe, die Silberpfeile aber nähern sich an.

Mercedes in der Formel 1: "Wir wissen, dass Potenzial in dem Auto steckt" - Lewis Hamilton glaubt daran, dass für Mercedes in dieser Saison mehr drin ist, als bisher möglich war.

"Wir wissen, dass Potenzial in dem Auto steckt" - Lewis Hamilton glaubt daran, dass für Mercedes in dieser Saison mehr drin ist, als bisher möglich war.

(Foto: Antonin Vincent/PanoramiC/Imago)

In Monte Carlo sollte sich Hamilton weiter zu den verbesserten Erfolgsaussichten von Mercedes äußern. Ob ihn die neue Geschwindigkeit überrascht habe? "Äh jep, wir haben das nicht erwartet." Ob er das Gefühl habe, jetzt in einem Auto zu sitzen, mit dem er um die Weltmeisterschaft kämpfen könne? "Ich weiß nicht, es ist zu früh, um das zu sagen. Wir wissen, dass Potenzial in dem Auto steckt." Ob Mercedes zur Überraschung des Wochenendes werden könne? "Ich meine, das hoffe ich!" Hamilton hat bisher sieben Mal das Podium bestiegen in Monaco, dreimal als Sieger. Zuletzt konnte der 37-Jährige sich 2019 auf der kürzesten Strecke mit den niedrigsten Durchschnittsgeschwindigkeiten im Kalender durchsetzen. Damit zählt er zu den erfolgreichsten Fahrern auf dem Stadtkurs, wo Ayrton Senna mit sechs Rennsiegen die Bestenliste anführt.

"Ich hoffe, dass sie sich dem Kampf um Siege anschließen können", sagt Ferrari-Pilot Leclerc

Aber: Langsame Kurven waren bisher nicht die größte Stärke des W13. Und ganz generell stellt sich die Frage, wie sich die schwerer und größer gewordenen Autos mit ihren breiteren Reifen auf dem engen und anspruchsvollen Circuit lenken lassen. Das veränderte Design macht das Navigieren zu einer größeren Herausforderung. "Mein Herz hat im Simulator noch höhergeschlagen, als es das auf manchen Strecken im echten Auto tut, um mal in Perspektive zu setzen, wie brutal es ist", sagte Russell, und ergänzte. "Die Monaco-Rennstrecke bringt aus den Autos nicht das Beste hervor." Noch dazu könnte es am Sonntag regnen. Wolff warnte zur Sicherheit schon vorab: "Die Erwartungen sind niedriger als auf allen anderen Kursen", er meinte jedoch auch: "Wir haben in diesem Jahr schon erlebt, dass alles passieren kann, und wir werden versuchen, jede Gelegenheit zu nutzen."

Sein Team hat aus Barcelona zweifelsohne einen zusätzlichen Schub mitgenommen. Das hat auch die Konkurrenz registriert. "Sie hatten einen schwierigen Saisonstart, aber für mich steht außer Frage, dass sie sehr, sehr bald zurück sein werden", sagte Leclerc vor seinem Heim-Grand-Prix. "Wie sie in Barcelona gezeigt haben, haben sie einen großen Schritt nach vorne gemacht und ich hoffe, dass sie sich dem Kampf um Siege anschließen können. Ein Dreikampf dürfte aufregend sein für die Formel 1."

Wird aus der Zweisamkeit von Red Bull und Ferrari tatsächlich bald eine Dreisamkeit? Die Regeländerungen zielten ja genau darauf ab: einen spannenderen Wettkampf. Noch steht der Beweis in Form von Siegen aus. Aber Helmut Marko, Motorsportchef von Red Bull, prognostizierte in Spanien schon mal: "Die WM wird weiter so eng bleiben, der Kampf geht weiter. Und wie wir gesehen haben, rückt Mercedes näher, irgendwann werden sie aus eigener Kraft auch vorne mitfahren können." Für George Russell steht jedenfalls fest: "Unsere Saison beginnt ab Barcelona."

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