Süddeutsche Zeitung

Sieben Kurven in der Formel 1:Nur ein Wrack bleibt übrig

Lesezeit: 5 min

Schlechtes Wochenende für Red Bull: Sergio Perez verunfallt spektakulär, Max Verstappen wird bloß Sechster – und wünscht sich vor lauter Langeweile ein Kopfkissen. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Anna Dreher, Monte-Carlo

Sergio Pérez

Gäbe es, abgesehen von den Auszeichnungen für die drei schnellsten Fahrer und die schnellste Runde, noch eine Trophäe für den größten Pechvogel des Wochenendes – Sergio Pérez hätte sie am Sonntag überreicht bekommen. Schon die Qualifikation lief äußerst bescheiden für den Mexikaner, er schaffte es lediglich auf Rang 18, obwohl er im Weltmeisterauto sitzt. Die schlechte Startposition war dann aber ohnehin egal, weil das Rennen für ihn bereits auf der ersten Runde vorbei war.

Als Kevin Magnussen mit seinem Haas an Pérez vorbei wollte, erwischte er den Red Bull und versetzte das Auto in eine heftige Drehung. Nach mehreren Einschlägen war nur noch ein Wrack übrig – und der Grand Prix für die glücklicherweise unverletzten Pérez, Magnussen und Nico Hülkenberg beendet. Der Deutsche wurde erwischt, als er im zweiten Haas links vorbei wollte. Rote Flagge, Rennabbruch, bis die drei Wagen geräumt und der Asphalt von den Trümmerteilen gesäubert war. „Das hat mich ziemlich durchgeschüttelt, ein heftiger Crash“, sagte Pérez und fügte an Magnussen gerichtet an: „Es war überhaupt nicht nötig, so viel Risiko in der ersten Runde einzugehen.“ Null Punkte für ihn, dabei braucht er gute Leistungen dringend. Der Vertrag des 34-Jährigen bei Red Bull endet nach dieser Saison.

Charles Leclerc

Im Fürstentum gelang ihm sein sechster Sieg in der Formel 1, sein erster seit fast zwei Jahren. Und es wird für immer ein besonderer sein. Denn für den Monegassen war die Zieleinfahrt die ersehnte Ankunft als Erster beim Heimrennen. In den Nachwuchsserien und seit seinem Einstieg in die Königsklasse 2018 war ihm das nie gelungen, selbst wenn er wie 2021 und 2022 mit der Pole Position beste Erfolgsaussichten hatte. Diesmal dominierte er im Ferrari das Wochenende bis zum Schluss. Und so wurde der Sonntag emotional für den 26-Jährigen, der im Auto die Tränen nicht zurückhalten konnte und sich ermahnen musste, klare Sicht zu bewahren, um nicht noch einen Fehler zu riskieren.

Leclerc dachte an seinen 2017 verstorbenen Vater. Mit dem Sieg in Monaco hatte der Sohn einen gemeinsamen Traum verwirklicht. Er habe sich an all die gemeinsamen Momente erinnert, erzählte Leclerc, „an all die Opfer, die er für mich gebracht hat, damit ich dorthin komme, wo ich bin“. 31 Punkte Rückstand hat er nun noch auf den WM-Führenden Max Verstappen, pro Sieg gibt es 25 Zähler. Was dieses Mal anders war? Er habe am Abend zuvor wie verrückt gegessen, erzählte Leclerc. Er habe seine Lieblingspizza bestellt, nicht die ideale Rennvorbereitung: „Aber ich fand, dass mir das vielleicht mental helfen wird, ein wenig den Druck zu nehmen.“ Pizza Margherita mit rohem Schinken dürfte ab sofort öfter auf seinem Speiseplan stehen.

Oscar Piastri

Die Farbe des Rennanzugs von McLaren konnte im Fall des Australiers leicht als Nationaltrikot interpretiert werden, war jedoch ein Teil der Hommage an Ayrton Senna. Der 1994 in Imola verunglückte Brasilianer war in der Formel 1 mit McLaren dreimal Weltmeister geworden und hatte 35 Grand Prix gewonnen, sechs davon in Monaco. Ihm zu Ehren lackierte das Team das Auto gelb, grün und blau – Oscar Piastri und Lando Norris fuhren zudem mit einem Helmdesign, das an jenes von Senna angelehnt war. Und auch in Sonderfarben präsentierte sich McLaren bestens.

Norris wurde Vierter, Piastri Zweiter. „Wenn es neben deinem Heimpodest noch eins gibt, auf dem du stehen möchtest, dann wahrscheinlich dieses hier“, sagte Piastri, der zwischendurch bis auf 0,2 Sekunden an Sieger Charles Leclerc herangekommen war. Die Leistungen zuletzt auf unterschiedlichen Strecken zeigen die Stärke der McLaren. „Ich denke, wir können zuversichtlich sein, egal, wo wir hingehen“, schätzte der 23-Jährige die aktuelle Verfassung ein. Sein Teamchef Andrea Stella ging beim Monaco-Fazit auf die persönliche Ebene: „Es zeigt, wie sehr Oscar gereift ist.“

Carlos Sainz

Für den Spanier war es der dritte Podiumsplatz in vier Jahren. Seine Freude galt aber weniger dem eigenen Erfolg, sondern dem seines Teamkollegen. Charles Leclerc vor heimischer Kulisse den lange ersehnten Sieg feiern sehen zu können, sei „eines der besten Bilder, die ich in der Formel 1 gesehen habe“, sagte Sainz: „Er hat es verdient, denn er ist an diesem Wochenende auf einem unglaublichen Niveau gefahren.“ Das sei wirklich ein guter Tag für Ferrari und Leclerc.

Mit sich dürfte Sainz aber schon auch zufrieden gewesen sein. Nach Platz drei beim Saisonauftakt in Bahrain, dem Sieg in Australien, Platz drei in Japan und nun in Monaco stand er bei der Hälfte der Rennen auf dem Podium und ist in der WM-Wertung mit 108 Punkten Vierter hinter Lando Norris (113), Leclerc (138) und Titelverteidiger Max Verstappen (169). Sainz ist Stand jetzt noch ohne Cockpit für die Saison 2025 – ab dann ist der siebenmalige Weltmeister Lewis Hamilton neuer Garagennachbar von Leclerc.

Max Verstappen

Der Weltmeister erlebte das achte Saisonrennen aus einer ungewohnten Perspektive. In der Qualifikation deutete sich schon an, dass dieses Wochenende nicht nach seinem Geschmack laufen dürfte. Nur Startplatz sechs war für ihn drin. Er hatte Schwierigkeiten mit dem Auto, in Monaco, sagte Max Verstappen, fahre sich der RB20 wie ein Gokart: „Es springt herum, absorbiert keine Kerbs, keine Bodenwellen.“ Das sei gar nichts Neues, aber bisher eben gut kaschiert worden – weil der Vorsprung auf die Konkurrenz so groß war. Ferrari und McLaren haben ihre Boliden mit verschiedenen Upgrades deutlich besser in die Spur bekommen und rücken näher an den Maßstäbe setzenden Rennstall heran.

Der nächste Stopp in Kanada dürfte den Konkurrenten ebenfalls besser liegen als Red Bull. „Das wird wegen der Curbs und Bodenwellen auch nicht unser bestes Wochenende werden“, prognostizierte Verstappen bei Sky. Nach dem Neustart war er vor allem mit Reifenmanagement beschäftigt, der Unfall hatte die Strategie durcheinander gebracht. Er sei deshalb „vier Sekunden unter Pace gefahren“. Den Grand Prix im Fürstentum beendete er, wo er ihn angefangen hatte: auf Platz sechs. Und resümierte schließlich: „Ein Wochenende zum Vergessen!“

Nico Hülkenberg

Pechvogel Nummer zwei. Denn auch der einzige deutsche Stammpilot im Feld wurde in den Unfall in Runde eins hineingezogen, als er dem Chaos eigentlich davonfahren wollte. Während der Wagen von Sergio Pérez sich furchterregend drehte, erwischte der Red Bull den Haas von Hülkenberg. „Verdammt, das war unnötig“, sagte er bereits per Boxenfunk, und später im Fahrerlager bei Sky: „Bitter für mich. Ich war nicht wirklich involviert und bin trotzdem mit herausgenommen worden.“

Hätte Pérez mehr Platz lassen müssen? Oder war es schlichtweg der Fehler von Unfallverursacher Kevin Magnussen, der daran hätte denken müssen, dass der Streckenabschnitt sich verengt? Hülkenberg äußerte sich zurückhaltend, für ihn blieb Monaco im Ergebnis ernüchternd. Was sich, wie bei Verstappen, bereits am Samstag angedeutet hatte: Die Rennkommissare bewerteten die Heckflügel der beiden Haas als regelwidrig, dafür wurden sie disqualifiziert. Statt von Platz 12 und 15 starteten sie von Rang 19 und 20 – aus der letzten Reihe. Hülkenberg versuchte, positiv zu denken: „Man lernt immer was.“ Das nächste Rennen in Kanada sei seine Lieblingsstrecke.

Monaco

Monaco hat mit der Zeit den Ruf erlangt, wegen der wenigen Überholmöglichkeiten auf den engen Straßen durch die Stadt nicht sonderlich spannend zu sein. Auch deshalb kann sich das Fürstentum nicht mehr gewiss sein, über das Ende des laufenden Vertrags 2025 hinaus einen der begehrten Plätze im Kalender ergattern zu können. Just in die schwelende Diskussion hinein lieferte die Veranstaltung am Sonntag gleich zu Beginn den Gegenbeweis. Aber eben nur kurz.

Nach dem spektakulären Crash geriet das Rennen zu einer Prozession der Ferrari und McLaren als Führungs-Quartett deutlich vor dem Rest. Kaum Überholmanöver, kaum Boxenstopps. „Das ist langweilig. Ich hätte mein Kopfkissen mitbringen sollen“, beschrieb es Verstappen treffend. Gerade wirkt es so, als müsse sich der Automobil-Club von Monaco etwas einfallen lassen, um weiter dazuzugehören, wenn so viele andere Ausrichtungsorte hineindrängen. Die Schwärmereien der Fahrer für die Jags nach der schnellsten Runde durch die engen Straßen für die Qualifikation am Samstag dürften da nicht reichen, solange der sonntägliche Unterhaltungsfaktor nicht erhöht werden kann – ganz ohne Unfälle.

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