Formel 1:Leclerc kämpft mit seinem springenden Ferrari

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"Wenn es trocken bleibt und wir auf dem Podium bleiben können, wäre das schon ein gutes Wochenende angesichts der Schwierigkeiten, die wir hatten", sagt der Monegasse Charles Leclerc. (Foto: Florent Gooden/PanoramiC/Imago)

In der aufregenden Qualifikation von Monaco kann sich Charles Leclerc nur kurz freuen. Nach einer Strafversetzung muss er befürchten, dass sich die Negativserie bei seinem Heimrennen am Sonntag fortsetzt.

Von Anna Dreher, Monte-Carlo

Als die letzte Minute der Qualifikation zum Großen Preis von Monaco lief, hatte Charles Leclerc es tatsächlich geschafft, er war als Schnellster über die 3,337 Kilometer lange Strecke gebraust. Und das in einem Rennen, in dem es besonders auf eine gute Startposition ankommt. Aber die Freude darüber weilte nur kurz bei Ferrari. Diese Zeitenjagd war außergewöhnlich spannend, die Pole Position wechselte am Samstag munter von einem zum anderen, zwischenzeitlich hatte völlig überraschend sogar Esteban Ocon im Alpine - Zwölfter der Gesamtwertung - das Ranking angeführt.

Eine halbe Minute nachdem bei Leclerc die Uhr stoppte, wurde er von Fernando Alonso um 0,022 Sekunden geschlagen. Großer Jubel nun bei Aston Martin. Für Alonso wäre es die erste Pole seit 2012 gewesen. Aber Max Verstappen war noch nicht fertig. Und einmal mehr stellte der WM-Führende und Titelverteidiger in seinem Red Bull unter Beweis, wie abgezockt und druckresistent er ist: Der Niederländer fuhr in den ersten Streckenabschnitten langsamer, um seinen Wagen dann tatsächlich noch schneller zu lenken. Er schlug Alonso um 84 Tausendstel, was ihm für Sonntag (15 Uhr, Sky) seine erste Pole Position in Monaco brachte, die 23. seiner Karriere.

"Wir wussten, dass wir ein bisschen kämpfen müssen", sagte Verstappen. "Im Qualifying musst du alles riskieren." Ocon wurde Vierter vor Carlos Sainz im zweiten Ferrari. Haas-Pilot Nico Hülkenberg, der einzige Deutsche im Feld, musste sich mit Platz 18 begnügen.

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Leclerc war als Dritter betrübt. Vergangenes Jahr sei es viel einfacher gewesen, konsistent zu fahren. "Ich tue mich sehr schwer mit dem Auto, aber im Qualifying war es etwas lebendiger, ich habe mich etwas wohler gefühlt", sagte er und sprach sich selbst Mut zu: "Ich weiß nicht, wie die Wettervorhersage ist - alles ist möglich." Aber dieser enge Stadtkurs ist nicht zum Überholen geeignet. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sich an der Côte d'Azur zwei Serien fortsetzen. Jene von Red Bull, die in dieser Saison fünf von fünf Rennen gewinnen konnten. Und jene von Leclerc.

Er ist in Monte-Carlo geboren, aufgewachsen und wohnt hier. "Ich kenne diese Stadt auswendig, wohin ich auf der Strecke auch gehe", sagte der 25-Jährige. "Ich habe Freunde, die direkt über der Strecke wohnen und das Rennen von ihren Apartments aus sehen können." Nur hat die Ortskenntnis Leclerc ergebnismäßig am Ende bisher nie etwas gebracht. Es wirkt, als läge ein Fluch auf ihm bei seinem Heimrennen. Ob in der Formel 2 oder in der Formel 1: Leclerc schied entweder aus, hatte einen Unfall, technische Probleme oder, das war vergangenes Jahr, landete von der Pole Position nach einer chaotischen Boxenstopp-Strategie auf Platz vier. "Ich glaube nicht wirklich an Glück", sagte er nun. "Aber stimmt schon, wenn man sich die Bilanz anschaut, war es am Renntag nicht immer einfach."

"Guckt euch meinen Kopf an, das ist verrückt", sagt Leclerc angesichts seines unruhigen Autos

Monaco mit seinen langsamen Kurven und ohne lange Hochgeschwindigkeitspassagen könnte Ferrari und Leclerc grundsätzlich eine Gelegenheit für ein Erfolgserlebnis bieten in einer Saison, die bisher ernüchternd lief. Damit nach titellosen Jahren endlich die Wende gelingt, war sogar das Spitzenpersonal gewechselt worden. Im November musste Teamchef Mattia Binotto gehen, auch wenn es nach dem katastrophalen sechsten Platz in der Konstrukteurswertung 2020 aufwärts gegangen war - aber eben nicht weit genug. 2022 hatten Leclerc und Carlos Sainz zwar zu Beginn den schnellsten Dienstwagen. Aber dann folgten zu viele Pannen und Fehler - und schließlich mit Fred Vasseur ein neuer Boss.

Charles Leclerc kennt die am Hafen entlangführende Strecke in Monaco in und auswendig - was aber nur bedingt hilft, wenn man mit seinem Wagen nicht zurecht kommt. (Foto: Olivier Chassignole/AFP)

Der Franzose, zuvor leitend beim Alfa-Romeo-Team, bekundete zwar, für Ferrari sei es nicht gut genug, Zweiter zu werden. Doch nach fünf Rennen liegt die Scuderia abgeschlagen auf Platz vier mit gerade einmal 78 Punkten. Die dominierenden Red Bull haben bereits 224 Zähler gesammelt, Aston Martin dahinter 102, die drittplatzierten Mercedes 96. Bei den Fahrern ist Sainz Fünfter, Leclerc nur Siebter. Sein bestes Ergebnis war Platz drei in Baku, wo er für das Sprint- und Hauptrennen von der vordersten Parkbucht gestartet war, immerhin. Aber wie viel Trost können ein starkes Qualifying und ein Podestplatz schon sein für einen, der 2019 zu Ferrari wechselte, um den ersten WM-Titel seit Kimi Räikkönen 2007 zu holen und der Schwierigkeiten hat, die großen Erwartungen zu erfüllen?

Zuletzt siegte Leclerc im Juli vergangenes Jahr in Österreich, die damalige Saison beendete er als Zweiter mit 146 Punkten Rückstand auf Weltmeister Max Verstappen. Leclerc ist schnell, aber ihm unterlaufen Fehler - und sein Auto schwächelt. Das kostet Vertrauen und das wiederum Zeit. Dem SF-23 haben die Ingenieure bereits einen neuen Unterboden verpasst. In Monaco aber war der Wagen weiterhin sehr unruhig, er "ist herumgesprungen", wie Leclerc formulierte. Teilweise habe er kaum die Straße gesehen: "Wenn wir uns die On-Board-Kameras der verschiedenen Autos anschauen, guckt euch meinen Kopf an, das ist verrückt."

Beim kommenden Rennen in Barcelona sollen größere Upgrades folgen, nachdem der Heim-Grand-Prix vergangene Woche in der Emilia Romagna aufgrund starker Unwetter ausgefallen war und sich Monte-Carlo mit seinem speziellen Streckenlayout weniger für die Einführung von umfassenden Veränderungen eignet. Am Sonntag muss Leclerc also versuchen, mit dem, was er zur Verfügung hat, ein ideales Set-Up zu finden - und auf einen Rennverlauf hoffen, von dem er profitiert. Ob er einen Regentanz machen werde, wurde Leclerc noch gefragt: "Nein, nein, nein, so verzweifelt bin ich auch nicht", sagte er. "Wenn es trocken bleibt und wir auf dem Podium bleiben können, wäre das schon ein gutes Wochenende angesichts der Schwierigkeiten, die wir hatten."

Aber da wusste Charles Leclerc noch nicht, dass ihn die Sportkommissare drei Startplätze zurückversetzen würden. Sie befanden drei Stunden nach dem Ende der Qualifikation, er habe im abschließenden Durchgang Lando Norris (McLaren) behindert.

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