Formel 1 in Miami:Irritierende Details stören beim Spektakel

Lesezeit: 5 min

Formel 1 in Miami: Glücklicher Sieger bei der Miami-Premiere: Max Verstappen.

Glücklicher Sieger bei der Miami-Premiere: Max Verstappen.

(Foto: Mark Thompson/AFP)

Von Obama bis Beckham und Jordan: Der Promi-Auflauf beim Rennen in Florida ist gewaltig. Verstappen siegt, aber im Zentrum steht die Frage, wie überzeugend amerikanisch die Premiere in Florida war.

Von Philipp Schneider, Miami

Folklore. Natürlich muss diese Geschichte über die Annäherung der Formel 1 an die Amerikaner mit Folklore beginnen. Denn was am Ende übrig bleibt, nach drei Tagen Rennsport auf der Strecke rund um das Football-Stadion der Miami Dolphins, ist ja nicht jenes allererste Überholmanöver von Max Verstappen. Er war in der Startrunde am Ferrari von Carlos Sainz vorbeigestürmt. Und auch nicht jenes, das der Weltmeister folgen ließ, als er sich ein paar Runden später an seinem WM-Rivalen Charles Leclerc auf der langen Gerade vorbeischob.

Was letztlich darüber entscheiden wird, ob die Amerikaner die Formel 1 nach 72 Jahren des erfolgreichen Widerstands endlich in ihr Herz schließen werden, ist die Antwort auf die Frage: Wie überzeugend amerikanisch war die Vorführung, die die im Kern so europäische Rennserie den Amerikanern in Florida geboten hat?

Tatsächlich dürfen die Veranstalter im Nachhinein froh sein, dass sie ein derart pompöses Rahmenprogramm aufgezogen haben, das den Sport sicherheitshalber und im sprichwörtlichen Sinn verdrängt hat. Denn hätte es nicht ein spätes Safety-Car gegeben, der Spannungsbogen des Rennens hätte sich auf einem Bierdeckel notieren und erzählen lassen. Zum Glück aber gab es in diesen Tagen ein derart großes Gewusel im Fahrerlager, dass man die Teamchefs vor lauter VIP-Gästen nicht mehr erkennen konnte.

Großes Gewusel der VIP-Gäste beim Formel-1-Rennen in Miami

Und in der Startaufstellung am Sonntag vor dem Rennen schoben sich so viele Prominente aus Film-, Musik- und Sport-Business über den Asphalt, dass dort gefühlt mehr Bodyguards als Mechaniker herumwimmelten. Garantiert umschwirrten die ganz wichtigen Menschen jeweils mehr Aufpasser als ein Auto Reifen hat. Das muss man ja auch erst mal hinbekommen: Eine Melange aus Michael Douglas, David Beckham, Michelle Obama, Michael Jordan, George Lucas, Tom Brady und diversen Rappern, deren Vornamen teilweise aus nur einem Buchstaben bestehen, in ein opulentes Rahmenprogramm einzuspannen.

Formel 1 in Miami: David Beckham war gekommen. Und neben ihm viele andere Celebrities. Nebenbei wurde ein Autorennen gefahren.

David Beckham war gekommen. Und neben ihm viele andere Celebrities. Nebenbei wurde ein Autorennen gefahren.

(Foto: Mark Thompson/AFP)

Und als Verstappen dann später noch seinen Pokal oberhalb der im Lichte schimmernden Statue der Quarterback-Ikone Dan "the Man" Marino in Empfang nehmen durfte, da werden sich die Amerikaner entschädigt gefühlt haben: Für die astronomischen Ticketpreise, die sie nicht davon abhalten konnten, in den seit Monaten ausverkauften Erlebnispark zu strömen mit einer Gondelbahn. Einer Bar in einer Garage direkt an der Boxengasse, einem kleinen aufgeschütteten Strand mit zwei Pools, in denen als Badenixen kostümierte Hostessen plantschen. Ja, so richtig mit Schwanzflosse. Und in dem es einen sagenhaften Fake-Hafen gibt, in dem reale Schiffe auf einem lediglich aufgepinselten Wasser ruhen, obwohl das echte Meer nur zehn Kilometer entfernt ist.

Gibt es Badenixen im königlichen Park zu Monza? War Till Schweiger mal im Rahmenprogramm am Nürburgring? Und damit zum Sport. Wobei ... noch nicht sofort. Denn auch auf der Pressekonferenz der drei Tagesschnellsten erkundigten sich sehr bald amerikanische Journalisten danach, wie es den Fahrern wohl gefallen hat in Miami? So wie ein Gastgeber, der beim Mantelüberreichen an der Haustür noch mal hören möchte, wie großartig seine Party gewesen ist.

Well, antwortete Verstappen. "Es war eine unglaubliche Atmosphäre ... Ich meine, es war wirklich unglaublich gut organisiert. Es ist ja nicht einfach, ein solches Event auf die Beine zu stellen. Ich hatte viel Spaß beim Herumfahren!" Und Charles Leclerc? "Ja, die Atmosphäre war unglaublich! Und es ist toll zu sehen, wie viel Interesse der Sport in den letzten Jahren bekommen hat. Viele Leute, gutes Wetter!" Und Carlos Sainz? "Ich denke, es war ein Mega-Event, alles in allem. So viele Leute sind gekommen, so viele Leute im Fahrerlager? Für mich war das Fahrerlager unglaublich voll!"

Wer hingegen mit nüchternem Blick und etwas Abstand auf die Veranstaltung schaut, der kann nicht so viel Euphorie in sein Urteil streuen. Es gab da ein paar irritierende Details. Dem Belag der 5,4 Kilometer lange Rennstrecke beispielsweise war aus Nachhaltigkeitsgründen lokaler Kalkstein aus Südflorida beigemischt worden. Und dieser lokale Kalkstein steckte nach den Ausfahrten bröckchenweise in den aus Italien importierten Reifen.

Die 57 Rennrunden verliefen unproblematischer als noch am Samstag befürchtet

Der Asphalt verlor so viel seiner Substanz, dass die Piloten guten Gewissens im Prinzip nur der saubergefegten Ideallinie folgen konnten; wer ausscherte, der geriet ins Schwimmen. Und auch an der Streckenführung, in der es an einer Stelle eine Schikane gibt, in der es so wild zugeht wie in einer Fußgängerzone, hatte es vor dem Rennen harte Kritik der Piloten gegeben. Von einem "Micky-Maus-Kurs" war die Rede; Lewis Hamilton wiederum fühlte sich erinnert an einen Baumarkt-Parkplatz, auf dem er als Kind mit dem Gokart zwischen den Autos herumgefahren war.

Formel 1 in Miami: "Ein paar Zehntel schneller": Max Verstappen fährt vorneweg, Charles Leclerc (hinten) kommt nicht vorbei.

"Ein paar Zehntel schneller": Max Verstappen fährt vorneweg, Charles Leclerc (hinten) kommt nicht vorbei.

(Foto: Wilfredo Lee/dpa)

Die 57 Rennrunden wiederum waren dann doch unproblematischer als noch am Samstag befürchtet. Es gab auch durchaus Überholmanöver. Aber die Diskrepanz zwischen dem gewaltigen Popanz der Inszenierung jenseits der Strecke und dem erzählerisch schwachen Kern des sportlichen Dramas, stachen doch unangenehm in den Blick. Genau deshalb sind keine Nixen im königlichen Park zu Monza zu sehen.

Und deshalb startete Verstappen womöglich auch seine spontane Initiative auf der Pressekonferenz, als er den gar nicht im Raum anwesenden Streckenbauern ungefragt ein paar Tipps zur Gestaltung der künftigen Piste erteilte. "Ich denke, Sektor zwei kann vielleicht ein bisschen ... es wäre schön gewesen, wenn er für einen Rennwagen, wie wir ihn jetzt haben, ein bisschen schneller und flüssiger hätte sein können." You know, sagte Verstappen: "Sie sind super lang, schwer, breit." Die seit diesem Jahr so wuchtigen Autos, sollte das heißen, passen nicht geschmeidig durch die Micky-Maus-Schikane.

Am nettesten fand er es natürlich, das gab Verstappen gerne zu, die 26 Punkte und die mit einer goldenen Palme verzierte Trophäe mitnehmen zu können. Klar ist auch: Das Duell zwischen Ferrari und Red Bull Racing wird weiterhin auf Augenhöhe ausgetragen, die Tagesform wird auch auf den künftigen Strecken entscheiden.

"Man muss anerkennen, dass Max heute schneller war", sagt der Ferrari-Chef

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto brachte später zum Ausdruck, dass er schon beim kommenden Rennen in Barcelona das Pendel in seine Richtung schwingen sehen mag. "Man muss anerkennen, dass Max heute schneller war, ein paar Zehntel. Das war auch schon in Imola so", gestand Binotto. Red Bull habe aufgeholt seit Saisonbeginn. "Es gibt aber eine Budget-Obergrenze. Also hoffen wir, dass sie bald aufhören zu entwickeln. Und wir bringen im nächsten Rennen in Barcelona ein Update."

Ein Update werden auch die Streckenbauer in Miami vermutlich bringen, wenn die Formel 1 im kommenden Jahr zurückkehren wird. Die Rennserie hat ja einen Zehnjahresvertrag mit den Veranstaltern geschlossen. Und zur Absicht der Designer gehörte von Anbeginn, eine möglichst hohe Fehlerquote zu provozieren - der besseren Unterhaltung wegen. Nach der Kritik vor allem an der engen und langsamen Passage verspricht Manager Tom Garfinkel: "Wir ändern, was immer wir ändern müssen, um die Strecke besser zu machen."

Die langsame Schikane sollte eigentlich wie die berühmte "Wall of Champions" in Montreal funktionieren. Die heißt so, weil im Angesicht der ihr innewohnenden Crash-Gefahr alle Piloten gleich sind, Fahranfänger genauso wie Weltmeister. Der Crash zwischen Lando Norris und Pierre Gasly jedoch, der das einzige Safety-Car des Tages auf die Strecke rief, geschah gar nicht in der ultralangsamen und engen Passage. Sondern in einer Kurve mit einer weiten Auslaufzone, direkt neben dem Fake-Hafen.

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