Die Dinge mit Abstand zu betrachten, wäre bestimmt das Vernünftigste. Doch leider sind Tempo und Hektik der Formel 1 beim Großen Preis von Miami dem Ansatz von Achtsamkeit und Gelassenheit häufig gegenläufig. Das einzige Team, das sich diese Noblesse momentan leisten könnte, wäre McLaren, nachdem Oscar Piastri zum dritten Mal hintereinander gewonnen hat und der zweitplatzierte Teamkollege Lando Norris am Ende noch stattliche 33 Sekunden Vorsprung auf George Russell als Drittem hatte. McLaren fährt gerade entspannt vorneweg.
Ein höchst unterhaltsames Rennen war der sechste WM-Lauf des Jahres in Florida trotzdem, denn alle, die außer Konkurrenz fahren mussten, lieferten sich muntere Duelle. Auch die beiden Ferrari-Piloten Charles Leclerc und Lewis Hamilton, und weil es da nur um Platz sieben ging, war das mehr ein Kampf um die Rangfolge im Team. Die Welt durfte via Boxenfunk mithören – und was da übertragen wurde, muss allen Ferraristi geradezu gotteslästerlich erschienen sein.

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Im Glauben, deutlich schneller als der vor ihm fahrende Leclerc zu sein, forderte Hamilton sein Wegerecht ein. Aber die Entscheidung über einen Platztausch zog sich für den Rekordweltmeister am Kommandostand der Scuderia zu lange hin. „Macht doch ruhig noch eine Teepause“, ätzte der Brite und wies darauf hin, dass er in Shanghai einen schnelleren Leclerc freiwillig vorbeigelassen habe. Und: „Leute, gutes Teamwork ist das nicht.“ Die Häme schien von Wut getrieben zu sein, so ausfällig wird der Routinier selten. Er selbst sagte später, das sei nur Ungeduld gewesen.
„Soll ich den auch noch vorbeilassen?“: Ein Funkspruch bringt Hamilton endgültig auf die Palme
Schließlich musste der Monegasse den Briten doch vorbeiwinken, aber trotz freier Fahrt konnte Hamilton nicht mehr zum sechstplatzierten Kimi Antonelli im Mercedes aufschließen. Also wurde zurückgewechselt, nachdem Leclerc wieder heftig gedrängelt hatte. Der anschließende warnende Funkspruch seines Renningenieurs Riccardo Adami, dass der Williams von Carlos Sainz nur noch 1,6 Sekunden hinter ihm liege, brachte Hamilton erst richtig auf die Palme: „Soll ich den auch noch vorbeilassen?“
Der nach dem schwachen Saisonstart ohnehin in der Kritik stehende Ferrari-Teamchef Fred Vasseur konnte daher keine Zeit verlieren, um seinen Schützling Lewis Hamilton noch vor dessen obligatorischem Gang zu den Fernsehkameras abzufangen. „Es ging nicht darum, was er zu sagen hat. Sondern um unser Vertrauensverhältnis“, sagte der Franzose, der Hamilton schon in der Formel 3 betreut hatte. Im direkten Gespräch, das wusste Vasseur, würde ihm ein einfaches Grinsen, mit dem er in Interviews für gewöhnlich Kritik weglächelt, nicht reichen.

Vielmehr ging es ihm um Erklärungsbedarf: „Anderthalb Minuten sind keine so lange Zeit. Wir mussten uns erst ein Bild davon machen, ob Lewis wirklich schneller war. Das ist ja auch nicht so leicht, einen anderen Fahrer zurückzupfeifen. Wir waren das einzige Team in Miami, das so gehandelt hat.“ Und die Rücktauschaktion, die Hamilton so erbost hatte, habe dann schlichtweg einer mit beiden Fahrern besprochenen Richtlinie entsprochen, falls eine Stallorder auf der Strecke nicht wie gedacht funktioniere.
Zumindest nach außen hin gab sich Lewis Hamilton später etwas gelassener; es sei dahingestellt, ob ihm Vasseur eine Standpauke gehalten hat oder nicht: „Ich bin mir sicher, dass den Leuten manches nicht gefallen hat, was ich gesagt habe. Aber es war eher sarkastisch gemeint. Andere sagen viel schlimmere Dinge als ich. Wir müssen das intern klären. Entschuldigen dafür, dass ich ein Kämpfer bin, werde ich mich jedenfalls nicht.“
Die Strategieabteilung von Ferrari diskutiert so viel, dass das auch die Fahrer verwirrt
Der Haussegen in Maranello, wo bis Ende Mai ein runderneuertes Auto entsteht, hängt nicht zum ersten Mal wegen der Unsicherheit in der Strategieabteilung schief. Allein die Anzahl der oft diskutierten Möglichkeiten – Plan A, B, C oder D – verwirrt regelmäßig auch die Fahrer. Unterhaltsam sind die daraus entstehenden Diskussionen und häufig heftigen Dialoge zwischen Cockpit und Ingenieur lediglich für das Publikum. Natürlich ist die Taktik in einem derart rasanten Sport allen Computerhilfen zum Trotz immer auch ein wenig Glücksspiel, aber Ferrari wirkt darin auffällig anfällig.
„Ich kann den Frust der Fahrer komplett verstehen“, sagt der Chef Vasseur, „aber ich bin zunächst nicht dem Einzelnen, sondern dem Team verpflichtet.“ Das ist ein Gesetz, an dem nicht mal der Rekordsieger Hamilton rütteln kann: Niemand steht über dem Gemeinwohl Ferrari, Marke vor Mensch. Charles Leclerc, der damit schon die größere Erfahrung gegenüber Zugang Hamilton besitzt, wollte öffentlich nicht zu ausführlich kommentieren: „Eine schwierige Situation. Aber es ist offensichtlich, dass wir unsere Rennen so nicht managen wollen. Ziemlich eindeutig, dass wir als Team besser werden müssen.“

