Sieben Kurven der Formel 1:"Wir haben ins Klo gegriffen"

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Sieben Kurven der Formel 1: Wieder nur Zweiter: Lewis Hamilton in Mexiko-Stadt.

Wieder nur Zweiter: Lewis Hamilton in Mexiko-Stadt.

(Foto: Chris Graythen/Getty Images)

Während Red Bull feiert, ist die Stimmung bei Mercedes deutlich schlechter. Und Ferrari kann sich die Schadenfreude nicht verkneifen. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Elmar Brümmer

Max Verstappen

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(Foto: Alfredo Estrella/AFP)

Von der hydraulischen Hebebühne mitsamt seinem Rennauto hochgehoben aufs Podest, das schmeckte Max Verstappen nicht so richtig. Der Niederländer hat das Steuer lieber selbst in der Hand. In Mexiko verewigte sich der Weltmeister ein Stückchen tiefer in der Renngeschichte: Sieg Nummer 14 im 20. WM-Lauf des Jahres, damit übertraf er den bisherigen Rekordhalter Michael Schumacher. Die 500. Führungsrunde seiner Karriere nahm er praktisch nebenbei mit, passend zum goldenen Helm und den goldenen Schuhen. "Was für eine unglaubliche Saison", befand der 25-Jährige selbst, "wir genießen das und wollen noch mehr."

In der Tat ist Verstappen mit diesem Auto kaum zu stoppen, was aber auch mit seinem perfekten Reifenmanagement zu tun hat. Im Jahr der Titelverteidigung ist der Red-Bull-Pilot zu einem kompletten, kontrollierten Rennfahrer gereift. Dass er mit dem Skandal-Finale von Abu Dhabi im vergangenen Dezember abgeschlossen hat, zeigte er auch anders. Nachdem ein britischer Sky-Reporter wiederholt davon gesprochen hatte, dass Hamilton der Titel "geraubt" worden sei, gab Verstappen dem Pay-TV-Sender keine Interviews mehr.

Lewis Hamilton

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(Foto: Dan Istitene/Getty)

Zum zweiten Mal in Serie ganz nah dran am Sieg, zwischendrin vorbei an Verstappen, der großen Genugtuung nahe. Und am Ende zum zweiten Mal Zweiter, wieder nur Zweiter. Lewis Hamilton spürt, dass es besser wird mit seinem Silberpfeil, vielleicht denkt er mit 37 auch deshalb schon über eine Vertragsverlängerung nach. Dass in der Höhenluft von Mexiko-Stadt der Mercedes-Motor noch am besten von allen atmen konnte, dass der Anpressdruck stimmte, gab Hoffnung auf den ersten Erfolg des Jahres. Nur eben die Reifenstrategie nicht: Mercedes war zu konservativ, setzte auf härtere statt weiche Reifen.

Teamchef Toto Wolff gab den Fehler unumwunden zu: "Wir haben ins Klo gegriffen. Denn das Tempo wäre da gewesen." Zum zweiten Mal nacheinander stimmte die Wahl der Gummis nicht, das war am Start ein Nachteil und später auf der Distanz auch - so kam Max Verstappen zu lockeren 15,1 Sekunden Vorsprung. Ferrari-Teamchef Mattia Binotto konnte sich die Schadenfreude nicht verkneifen: "Wir wurden hart für unsere Patzer kritisiert. Jetzt hat Mercedes zwei Mal danebengegriffen. Es ist schön zu sehen, dass nicht nur uns solche Fehler passieren."

Sebastian Vettel

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(Foto: Fernando Llano/AP)

Der Helm erinnerte an alte, große Zeiten: jüngster Weltmeister der Formel 1 mit 23 Jahren und vier Monaten. Eine Bestmarke, die selbst Max Verstappen nicht knacken konnte. Sebastian Vettel, inzwischen 35, trug beim Großen Preis von Mexiko einen Kopfschutz im Look von Red Bull, versehen mit der Aufschrift "Danke Didi". Der verstorbene Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz hatte schon die Rennwagen des jungen Vettel mit Werbeaufklebern seiner Firma verzieren lassen. Der Hesse findet sich aber auch sonst in dem österreichischen Gönner wieder: "Für mich war er eine große Inspiration, weil er immer er selbst war."

Genau das, was der Berufspilot Vettel auch sein will, gerade in seinem letzten Rennjahr. Laut Aston-Martin-Teamchef Mike Krack ist er es auch: "Ich glaube wir sehen den besten Seb der ganzen Saison. Er lässt es bei seiner Abschiedstour definitiv nicht auslaufen." Wenn doch nur das grüne Auto auch so motiviert wäre, trotz aller Kampfkraft des Fahrers blieb nur der 14. Rang.

Christian Horner

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(Foto: Alfredo Estrella/AFP)

Das Rollenspiel der Formel 1 beherrschen wenige so gut wie der britische Teamchef von Red Bull Racing. Gerade noch empfindlich abgestraft für das überzogene Budget, ging Christian Horner im blau-roten Büßerhemd gleich wieder in die gewohnte Aufmüpfigkeit über: Er finde nicht, dass er sich für das Überschreiten des Limits um gut zwei Millionen Dollar entschuldigen müsse, man habe nur eine Lektion gelernt, und das könnten auch die anderen tun. Von den Gegnern aber erwarte er eine Entschuldigung, nach all den Vorwürfen vor der Urteilssprechung.

Die nachträglichen Erklärungen aber kamen bei Horners Teamchefkollegen nicht gut an. Sieben Millionen Dollar und zehn Prozent weniger Windkanalzeit halten diese für eine glimpfliche Strafe, nicht für eine drakonische wie Horner. Für Andreas Seidl von McLaren waren die nachträglichen Rechenmodelle von Red Bull "wahrscheinlich die nächste Märchenstunde". Mercedes-Teamchef Toto Wolff sagte nur, er sei über den Punkt hinaus, das Gesagte zu kommentieren. Die Akte budget cap mag geschlossen sein, der Konflikt aber schwelt unvermindert weiter.

Sergio Pérez

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(Foto: Chris Graythen/Getty)

60 Jahre Formel 1 in Mexiko, das war ein nettes Jubiläum. Aber allein dieser Anlass füllte das Autódromo Hermanos Rodríguez wohl kaum mit 145 000 Zuschauern. Vielmehr schon "Checo", wie Red-Bull-Pilot Sergio Pérez gerufen wird. Hunderttausendfach erklang sein Spitzname bei jeder Durchfahrt des Foro Sol, jenem Rennstreckenabschnitt, der eigentlich ein Baseballstadion ist. Die Frage, ob Max Verstappen seinen treuen Diener gewinnen lassen würde, stellte sich erst gar nicht (gut so, sie wäre auch mit einem klaren Nein beantwortet worden), denn Pérez kam vom Tempo her im Qualifying nicht ganz mit.

Von der Kampfkraft her schon, und so endete dieser Große Preis von Mexiko exakt wie der im Vorjahr: Verstappen vor Hamilton vor Pérez. Dritter im Rennen, das heißt jetzt aber auch Zweiter in der Fahrerweltmeisterschaft, fünf Punkte Vorsprung auf Charles Leclerc. Dass es noch mehr hätten sein können, verhinderte ein klemmendes linkes Hinterrad beim Boxenstopp.

Mick Schumacher

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(Foto: Carlos Perez Gallardo/AFP)

Kein Manöver, keine Einlenkbewegung von Mick Schumacher, ohne dass jemand fragt oder denkt: Was bedeutet das jetzt wohl für seine Aussichten auf eine Vertragsverlängerung? Das muss nerven, das kann ein Rennfahrer nur versuchen zu ignorieren, sonst würde er wohl wahnsinnig werden. Mit dem Hinterbänklerauto von Haas-Ferrari gelang dem 23-Jährigen in der Qualifikation eine Traumrunde für seine Verhältnisse, blöd nur, dass diese dann wegen des Überschreitens der Streckenbegrenzung gestrichen wurde. Wieder nur ein Startplatz ferner liefen, statt des möglichen Sprungs unter die ersten zehn. Am Ende Platz 16, vor seinem Teamkollegen Kevin Magnussen. Kein Grip, kein Speed, keine Fortune. Ein Rennen, das man in seinen Bewerbungsunterlagen am besten verschweigt. Schumacher braucht Punkte, Haas auch: Es steht im Kampf um Platz acht in der Konstrukteurs-WM nur noch 36:35 gegenüber Alpha Tauri.

Charles Leclerc

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(Foto: Alfredo Estrella/AFP)

Platz sechs, einen Rang hinter seinem Teamkollegen Carlos Sainz jr., auf Platz drei in der Fahrer-Weltmeisterschaft zurückgefallen. "Ich wünschte, ich könnte sagen, dass das nur ein Ausrutscher war", sagte Charles Leclerc, und das Feuer in den Augen des Ferrari-Piloten war erloschen. Für ihn war es der erwartete Albtraum: "Wir haben wirklich alles herausgeholt, und dann haben wir trotzdem so einen riesigen Abstand auf Red Bull und Mercedes." Einfache Erklärung: Auf 2200 Metern Höhe bekam der Motor aus Maranello einfach nicht genügend Atemluft. Aber ein Ferrari-Aggregat gilt als Heiligtum, das wird nicht offen kritisiert. Also sagte Leclerc: "Ich habe keine Erklärung." Dann fügte der Monegasse noch an, was die Scuderia tun muss, damit das Ende der so großartig begonnenen Saison nicht noch im Desaster endet: "Wir müssen unsere schlechten Tage besser machen."

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