Ferrari hatte lange spekuliert. Darauf, dass doch noch ein Auto in einer Bande landen würde, dass sich zwei Wagen in die Quere kommen, was auch immer zu einer weiteren Unterbrechung und einer guten Gelegenheit für einen Reifenwechsel führen würde. Doch als nur noch acht Runden übrig waren, gab die Scuderia die Hoffnung auf – die Reifen von Charles Leclerc hatten ihren Job getan. Der Monegasse kam an die Box, und es war klar, was das heißen würde: Die Führung war futsch, den Sieg beim ersten Großen Preis von Spanien auf dem „Madring“ würde Leclerc verpassen. Den Zuschauern aber schenkte er damit unfreiwillig ein spannendes Rennfinale. Denn nun hatte Kimi Antonelli im Mercedes die Spitzenposition übernommen vor Max Verstappen und Lando Norris – in einer Phase, als zwischen ihnen jeweils nur rund eine Sekunde Abstand lag.
Der McLaren von Norris wurde in Verstappens Rückspiegel größer und größer. Der Brite kämpfte, aber es reichte nicht, Norris fuhr schließlich als Dritter hinter Verstappen ins Ziel – und Antonelli feierte seinen achten Triumph im 14. Saisonrennen. „Das war ein sehr schwieriges Rennen“, sagte Antonelli: „Es ist gut zu gewinnen, aber es fühlt sich nicht so gut an, weil Lando verdient gehabt hätte zu gewinnen.“ Damit hat der Italiener 292 Punkte in der Gesamtwertung gesammelt und seinen Vorsprung auf 81 Zähler auf seinen Teamkollegen George Russell ausgebaut, der hinter Leclerc Fünfter wurde. Audi-Pilot Nico Hülkenberg sicherte sich mit Platz zehn einen Punkt.
Was an diesem Sonntag passieren würde, das wusste niemand so recht, weil hier noch nie ein Formel-1-Rennen gefahren worden war. Würde es ein Spektakel geben oder doch eine Prozession, weil sich auf den 5,414 Kilometern des Madring wenige Gelegenheiten zum Überholen bieten? Die Kurven der anspruchsvollen Strecke bergen unterschiedliche Herausforderungen, die Mauern stehen eng, bisweilen haben die Fahrer nur eine eingeschränkte Sicht, die Fehlertoleranz ist gering. In den Nachwuchsserien Formel 3 und Formel 2 hatte es einige Einschläge und Unterbrechungen gegeben. In der Formel 1 hatte sich das im Training und in der Qualifikation in Grenzen gehalten. Aber wie eng es auf dieser Strecke zugehen kann, zeigte sich direkt am Start.
In der Qualifikation hatte Norris mit einer starken Runde beeindruckt – doch die verliert im Rennen an Wert
Norris kam von der Pole-Position gut weg, zog in die Mitte, kreuzte knapp vor Antonelli. In die erste Kurve gingen die beiden so dicht, dass Antonelli auf eine der wenigen Auslaufzonen ausweichen musste. Kurz übernahm er die Führung, gab die Position aber umgehend zurück. Dahinter hätte es in der Schikane beinahe zwischen Verstappen und Hamilton geknallt, der Red Bull musste ebenfalls neben der Strecke ausweichen, fuhr aber weiter – und schnappte sich in Kurve neun Antonelli. Nun war der viermalige Weltmeister erster Verfolger des Titelverteidigers Norris. Wenig später jedoch knarzte über Verstappens Funk eine Botschaft, die gar nicht gut ankam bei ihm: Die Rennleitung wertete dieses Manöver als unzulässigen Vorteil, Positionen zurückgeben, lautete die Anweisung. „Wovon zur Hölle redest du?“, fluchte Verstappen: „Er wäre in mich reingefahren! Wenn ich auf der Strecke bleibe, sind wir raus!“
Verstappen ließ die anderen vorbei, doch schon in der fünften Runde war sein Red Bull wieder vor dem Ferrari, Hamilton hatte offensichtlich Probleme. „Ich habe keine Bremsen, Leute“, lautete kurz darauf die Analyse des 41-Jährigen, „ich kann das Auto kaum stoppen!“ Und so war der erste Ausfall des Tages keinem Unfall geschuldet, sondern der Technik. Hamiltons Wagen wurde in die Garage geschoben, nach sieben von 57 Runden war die Madring-Premiere für ihn beendet.

Kurz danach war das nächste Auto raus, abermals ohne Crash. Lance Stroll landete mit seinem Aston Martin im Notausgang von Kurve 20, gelbe Flagge, virtuelles Safety Car. Dieser Moment war fatal für Lando Norris. Damit verlor seine vermeintlich entscheidende Pole-Position ordentlich an Wert. Mit viel Präzision und Risikobereitschaft war dem Briten in der Qualifikation am Samstag eine dieser Runden gelungen, „in denen einfach alles passt“, wie Norris sagte. Das sei wahrscheinlich eine der Besten seiner Kariere gewesen. „Das war eine der beeindruckendsten Runden, die ich je gesehen habe“, sagte McLarens Teamchef Andrea Stella: „Und das sage ich als jemand, der sich seit 450 Grands Prix Telemetriedaten ansieht.“
„Er und Mercedes sind dieses Jahr nicht zu stoppen“, sagt Lewis Hamilton zur Leistung seines Nachfolgers bei seinem früheren Team
Aber nun war ausgerechnet Norris schon an der Einfahrt zur Boxengasse vorbei, als wegen Strolls Malheur die gelbe Flagge geschwenkt wurde. Der Konkurrenz hingegen bot sich die optimale Gelegenheit für einen Stopp ohne größeren Zeitverlust. Antonelli, Verstappen, Russell, alle bogen zum Reifenwechsel ab. Als dann Norris schließlich an die Box kam, endete die Safety-Car-Phase – und einer nach dem anderen rauschte an ihm vorbei. „Es hat sich angefühlt, als wäre ich ein perfektes Rennen gefahren. Nur das Glück war nicht auf meiner Seite“, sagte Norris später. Neuer Führender aber war nicht Antonelli, sondern Charles Leclerc, der sich die Extraschleife erst mal sparte, er war mit der harten Gummimischung gestartet, die länger hält.
Und von hinten drohte ihm nicht die allergrößte Gefahr, der Vorsprung auf Antonelli betrug beinahe drei Sekunden. „Überprüft das Auto“, funkte Antonelli nach 24 Runden, etwas an der Lenkung fühle sich seltsam an, in den Daten aber war nichts zu erkennen. Zweimal hatte er die Strecke da schon unzulässig verlassen, darauf musste sich der 20-Jährige konzentrieren, um keine Zeitstrafe zu kassieren. Wobei, was sagte Hamilton gleich nach seinem Aus? „Er und Mercedes sind dieses Jahr nicht zu stoppen. Sie haben einen phänomenalen Job gemacht und haben es verdient.“ Es klang ganz nach einer vorzeitigen Gratulation des WM-Dritten; Hamiltons Rückstand beträgt nun 101 Punkte. Noch war Antonelli aber gar nicht der Sieger.
Russell war derweil zum zweiten Mal an die Box gerufen worden und holte sich die harten Pneus, was Norris vor ihm auf Platz vier brachte und Russell die Mercedes-Strategie hinterfragen ließ. Verstappen lag gute fünf Sekunden vor Norris, aber der Abstand verringerte sich, der McLaren drehte mehrmals die schnellste Runde. Und wie lange würden vorn an der Spitze wohl die Reifen von Leclerc halten? Würde das Safety Car noch mal ausrücken?
Ferrari wartete und wartete, die Berechnung prognostizierte – ohne Safety Car – nur Platz vier für Leclerc. In der 46. Runde war auch für den Madrilenen Carlos Sainz Schluss. Aber auch er baute keinen Unfall, sondern parkte seinen beschädigten Williams ohne Einfluss aufs Renngeschehen in der Garage. Damit waren die letzten Hoffnungen von Ferrari dahin, Leclerc musste die Führung abgeben – und die Schlussphase dieser Premiere wurde noch spannend.


