Formel 1Der Max-Faktor gibt der WM neuen Auftrieb

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„Du weißt, dass du weiterkämpfen musst, selbst wenn du schon am Limit bist“: Max Verstappen zeigte beim Großen Preis von Japan eine Ausnahmeleistung.
„Du weißt, dass du weiterkämpfen musst, selbst wenn du schon am Limit bist“: Max Verstappen zeigte beim Großen Preis von Japan eine Ausnahmeleistung. Philip Fong/AFP

Gefallener Champion? Von wegen! Max Verstappen meldet sich mit einem Sieg in Japan zurück im Titelkampf. McLaren sieht dabei so viel Perfektion, dass Oscar Piastri eine Attacke auf den Weltmeister gar nicht erst versuchen darf.

Von Elmar Brümmer, Suzuka

Es soll tatsächlich Menschen geben, die etwas gegen Flüsterasphalt haben. Nach dem Großen Preis von Japan dürften dazu namentlich die Rennfahrer Lando Norris und Oscar Piastri zählen, dazu ihr McLaren-Teamchef Andrea Stella. Nachdem ein Teil der faszinierenden Berg- und Talrennbahn von Suzuka frisch geteert worden ist, war nämlich plötzlich einer der großen Pluspunkte des papayafarbenen Autos weg, das in diesem Jahr bislang so überlegen war: die Harmonie zwischen Fahrzeug, Reifen und Streckenbelag. Die Niederlage der auch für den dritten WM-Lauf favorisierten Briten allein auf Belag und Gummiabrieb zu schieben, ist zwar eine prima Ausrede, aber es würde die menschliche Komponente der Formel 1 vernachlässigen, die in den allermeisten Fällen ohnehin die spannendere ist.

Beim Großen Preis von Japan hat nach längerer Pause wieder das gegriffen, was in der 1000-PS-Branche als Max-Faktor bekannt und gefürchtet ist. Und wie dieser Max Verstappen zelebriert hat, was ihn auszeichnet: Wenn der Titelverteidiger aus den Niederlanden das Visier runterklappt, dann funktioniert dieses auch als mentaler Schutzschild. In Suzuka hat er von Trainingseinheit zu Trainingseinheit unbeirrt an der Fahrzeugabstimmung seines Red-Bull-Hondas getüftelt, immer wieder das technische Set-up nach seinem Gusto verändern lassen – und dabei das richtige Gespür bewiesen.

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Nach einem schwierigen Saisonstart zeigt der Weltmeister beim dritten Rennen in Japan sein ganzes Können. Vor den beiden McLaren-Piloten Lando Norris und Oscar Piastri holt er seinen ersten Sieg dieses Jahr.

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Er hat im Prinzip nichts gegen seinen diesjährigen Dienstwagen, außer dass ihm der RB 21 einfach zu langsam ist. Seine Kritiker, die hauptsächlich in Großbritannien sitzen, stereotypisieren schon seit Wochen das Bild vom gefallenen Champion. „Ich höre weder zu sehr auf negative und noch auf positive Stimmen“, entgegnet Verstappen, „ich fokussiere mich lieber auf mich.“ Als er das sagt, hat er entgegen allen Annahmen den japanischen Grand Prix souverän für sich entschieden, zum vierten Mal in Serie. In der Gesamtwertung ist er dadurch mit 61 Punkten bis auf einen Zähler an WM-Spitzenreiter Norris herangerückt.

Verstappen gewann das Rennen im Prinzip schon mit einer Qualifikationsrunde, die seine Gegner zu demoralisieren schien

„Max ist unbestritten der derzeit beste Fahrer der Welt“, sagte sein Teamchef Christian Horner und fügte an: „Siege sind die allerbeste Motivation.“ Verstappens Renningenieur Gianpiero Lambiase hatte dem Fahrer schon nach der Zieldurchfahrt vor Norris und Piastri „Perfektion, die pure Perfektion“ bescheinigt. Selbst wenn es sich nur um eine Momentaufnahme, basierend auf Tages- und Asphaltform, gehandelt haben sollte, war es der richtige Zeitpunkt für Perfektion – bevor ein ganzes Rennjahr den Bach hinunterzugehen droht. Stattdessen bekam eine Weltmeisterschaft, in der sich die Abstände häufig ohnehin nur im Tausendstelbereich pro Runde bewegen, nun neuen Auftrieb. Mit zwei Rennen in den nächsten beiden Wochen und einer zu erwartenden oder zumindest erhofften Leistungssteigerung bei Mercedes und Ferrari könnte es noch spannender werden als gedacht.

Den Jammer hat jetzt erst mal McLaren, und Lando Norris ist darin ohnehin geübter. „Wir waren vom Tempo her gleich, und Max hat keinen Fehler gemacht. Deshalb konnten wir nichts gegen ihn ausrichten“, musste der im Titelkampf der vergangenen Saison unterlegene Norris eingestehen. Schon beim Gerangel in der Boxengasse, als sich der Brite außen auf dem Grünstreifen irregulär vorbeimogeln wollte, war er an der Unbeirrtheit seines Kumpels gescheitert, und ein wenig auch an Verstappens Ellbogen. Später gestand Norris, dass er zu optimistisch in seiner Annahme gewesen war: „Max ist der Letzte, der einen einfädeln lässt.“

Im internen Duell blieb Lando Norris auf der Strecke von Suzuka vor Oscar Piastri.
Im internen Duell blieb Lando Norris auf der Strecke von Suzuka vor Oscar Piastri. Clive Rose/Getty Images

Der Australier Oscar Piastri, der vom eigenen Team daran gehindert wurde, erst Norris zu überholen und dann Verstappen anzugreifen, liegt mit seiner Ursachenforschung richtig: „Max hat das Rennen schon samstags gewonnen.“ Mit einer Qualifikationsrunde, die nicht nur den Streckenrekord bedeutete, sondern auch die Gegner zu demoralisieren schien, obwohl die Abstände nur zwölf respektive 44 Tausendstel betrugen. „Wir haben unser Auto dafür auf den Kopf gestellt“, freute sich Teamchef Christian Horner.

Von dieser Poleposition, auf die der Tagessieger ein Dreivierteljahr warten musste, ließ er sich nicht verdrängen – Rennen in Suzuka sind häufig statisch. Dass die ersten Sechs in der Startreihenfolge ins Ziel kommen, ist tatsächlich höchst selten geschehen in der Formel-1-Historie. Lakonisch sagte Verstappen dazu: „Du musst immer das Maximale herausholen.“ Er habe mächtig Spaß gehabt, auch wenn er die ganzen 53 Runden immer diese orangefarbenen Flecken im Rückspiegel gesehen habe: „Du merkst dann, wie die Leistung der Reifen immer mehr abbaut. Aber du weißt auch, dass du weiterkämpfen musst, auch wenn du schon am Limit bist.“ Es ist diese Magie, die Ausnahmeleistungen über eine Runde oder ein ganzes Rennen hervorbringt.

Das gestand auch McLaren-Einsatzleiter Andrea Stella ein, dessen liebster Fetisch offenbar ein übersteigertes Harmoniebedürfnis ist, so sehr, wie er das „papaya rules“ genannte interne Überholverbot verteidigt. Piastri hatte im Rennen mehrmals gesagt, dass er der Schnellere sei und die nötige Geschwindigkeit habe, um Verstappen einzuholen. Aber der Kommandostand verweigerte den Platztausch und wollte es das Geburtstagskind nicht mal probieren lassen. Laut Kalkulation hätte es dazu einen Geschwindigkeitsüberschuss von 0,8 Sekunden Rundenzeit gebraucht.

Stattdessen referierte Stella hinterher im Wissen, vom Prinzip her weiterhin das schnellere Auto zu haben: „Es geht darum, Max Verstappen zu schlagen. Dazu muss man wirklich perfekt sein, so wie er und Red Bull es gewesen sind. Wir waren diesmal ein paar Millisekunden von der Perfektion entfernt. Das sind die Margen, die gerade in der Formel 1 gelten.“ Außerdem ist das Ganze immer noch mit dem Max-Faktor zu multiplizieren – und der scheint nun trotz eines langsameren Autos wieder aktiviert worden zu sein.

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