Formel 1  in Sotschi Bulldozer im blauen Pullover

Anschubhilfe: Ferrari bringt in Sotschi einen verbesserten Motor an den Start.

(Foto: Maxim Shemetov/Reuters)

Ferraris Chef Sergio Marchionne drängt es an die Spitze - nicht nur auf den Rennstrecken.

Von Elmar Brümmer, Sotschi

Das, was Ferrari und damit Sebastian Vettel in Wirklichkeit antreibt, ist nicht nur ein Sechszylinder-Turbo von Ferrari, sondern ein dunkelblauer Pullover. Jenes Kleidungsstück, mit dem Sergio Marchionne, einer der mächtigsten Automobilmanager der Welt, mit Vorliebe bei seinen Besuchen in der Boxengasse der Formel 1 anzieht. Marchionne, der den Spitznamen "Bulldozer" wie einen Ehrentitel trägt, hat im Vorjahr einen Dreijahresplan für den Titelgewinn der Scuderia aufgestellt. Ein paar Hundert Millionen hat er in den Etat eingestellt, auch Sebastian Vettels Chauffeursgehalt zählt dazu. Die, die den Italo-Kanadier kennen, haben das mit den drei Jahren nie für bare Münze genommen. Für so viel Geduld ist der Fiat-Chef gemeinhin nicht bekannt. Die drei Siege, die Vettel gleich im Debütjahr geholt hat, haben die Erwartungen nur gesteigert. Marchionne würde Mercedes am liebsten eher heute als morgen vom Formel-1-Thron stoßen, weil er es natürlich auch Daimler-Lenker Dieter Zetsche zeigen will.

Doch was passierte beim Großen Preis von China vor zwei Wochen? Seine Sieghoffnungen Vettel und Räikkönen kollidierten gleich in der ersten Kurve. Dass der Heppenheimer am Ende mit havariertem Auto noch Zweiter wurde, hat Marchionne als Schadensbegrenzung zur Kenntnis genommen. Nachher durften die Ferraristi lesen, was der Fiat-Boss wirklich denkt: "Wir müssen an uns arbeiten. Vor uns war ein Red Bull - das ist nicht zu akzeptieren! Was hätte sein können, ist nebensächlich: Wir haben nicht gewonnen!"

Für den Großen Preis von Russland an diesem Wochenende gilt daher schon ein Ultimatum: "Wir müssen das jetzt in den Griff bekommen. Das Team weiß, dass die Uhr tickt und wir Rennen gewinnen müssen. Es muss der Zeitpunkt kommen, an dem kein Blatt Papier mehr zwischen uns und Mercedes passt." Wie stark der SF 16 H tatsächlich ist, das kann nach drei von Aufs und Abs geprägten Rennen noch keiner sagen. Genau das will Sebastian Vettel auf dem Olympiagelände von Sotschi herausfinden, "aber dazu brauchen wir erst einmal ein Wochenende ohne Probleme. Die ersten drei Rennen waren nicht gerade das, was wir uns erwartet hatten", sagt er. (In Sotschi ging es gleich weiterso: Wegen eines unerlaubten Getriebewechsels an seinem Ferrari muss Vettel fünf Plätze weiter hinten starten. ) Marchionnes Sprüche stören Vettel offenbar nicht: "Wir brauchen keinen, der uns daran erinnert, dass wir ganz vorne stehen wollen. Natürlich war er nicht glücklich, ich ja auch nicht. Wenn er glücklich wäre, würde ich mich ohnehin fragen, ob er der richtige Präsident ist." Der Druck von außen sei nicht annähernd so hoch wie jener, den er sich selber mache, versichert der Heppenheimer. Und es wäre wohl auch völlig "unnatürlich", wenn Ferrari nach dem zweiten Platz in der Konstrukteurs-WM im vorigen Jahr mit dem gleichen Ergebnis zufrieden wäre. "Ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl, und das sagt, dass unser Auto deutlich besser ausbalanciert ist als in der letzten Saison", sagt er vor dem vierten WM-Lauf. 42 Punkte beträgt sein Rückstand auf Nico Rosberg, aber selbst der Mercedes-Primus sagt: "Wir haben die wahre Stärke von Ferrari noch nicht gesehen."

Vielleicht passiert das tatsächlich beim Rennen am Schwarzen Meer, denn Ferrari bringt ein Motoren-Upgrade an den Start. Längst geplant sei die Leistungssteigerung gewesen, behauptet man in Maranello. Aber die technischen Probleme in den ersten beiden Rennen und Marchionnes kritischer Blick haben sicher beigetragen, dass in der Motorenabteilung helle Aufregung herrscht - ist es doch gerade die Power, die den Silberpfeilen maßgeblich ihre Alleinstellung beschert hat. So bleibt die Scuderia gefangen zwischen den Polen Risiko oder Zuverlässigkeit. Im Nachmittagstraining am Freitag blieb Vettels Ferrari jedenfalls auf der Start-Ziel-Geraden unvermittelt stehen. "Bei der Elektronik geht nichts mehr", stammelte der 28-Jährige in den Boxenfunk.

"Ich bin überzeugt, dass wir das in den Griff kriegen", beruhigte er später. Aber die Anspannung war ihm im Gesicht abzulesen. Einmal zur Hochform aufgelaufen, will es sein höchster Vorgesetzter Sergio Marchionne nicht bei der Eroberung der sportlichen Spitze in der Königsklasse belassen. Der Konzernchef will den vertraglich garantierten Ausnahmestatus von Ferrari in der Formel 1 (Vetorecht gegen drastische Regeländerungen) nutzen, um den zunehmend umstrittenen Geschäftsführer Bernie Ecclestone zu entmachten und die Serie durch Manager aus der Automobilindustrie und unter Führung der beteiligten Hersteller wie Fiat, Mercedes und Renault neu aufzustellen. "Es gibt einiges zu tun", sagte der 63 Jahre alte Marchionne der Zeitung La Repubblica und verweist auf das Altersproblem: Ecclestone wird im Oktober 86. "Er ist ein guter Verhandler, aber früher oder später müssen wir alle einmal zurücktreten. Wenn das der Fall ist, dann müssen wir alles neu überdenken und eine solidere Formel 1 aufbauen - mit einer tragfähigen Struktur", findet Marchionne. Damit die italienische Komponente dabei nicht an Bedeutung verliert, hat er flugs noch ein Comeback des Werksteams von Alfa Romeo in Aussicht gestellt, die Marke gehört ebenfalls zu seinem Portfolio. Vielleicht hat er auch schon eine konkrete Besetzungsliste für Ecclestones Nachfolge im Kopf. Es würde nicht verwundern, wenn er sich dort selbst eintragen würde. An oberster Stelle, naturalmente.