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Formel 1 in Singapur:Vettel fährt wie ein viermaliger Weltmeister

Singapore Grand Prix

Jubeln unterm Feuerwerk: Sebastian Vettel nach seinem Sieg in Singapur.

(Foto: Thomas Peter/Reuters)
  • In Singapur gewinnt Sebastian Vettel sein erstes Rennen seit dem in Spa-Francorchamps vor 392 Tagen.
  • Es ist der dritte Ferrari-Sieg in Serie.
  • Mercedes verzockt sich völlig.

"What the hell?" Was zur Hölle?

Ein in seiner Botschaft recht eindeutiger Funkspruch knarzte in der Nacht von Singapur. Charles Leclerc hatte ihn soeben abgesetzt, adressiert war er zunächst mal an den Kommandostand der Scuderia Ferrari, gerichtet war er vor allem an seinen Chef Mattia Binotto. What the hell? Drei Worte, elf Buchstaben, die in Wahrheit adressiert waren an die Öffentlichkeit, an die Tifosi an der Strecke und zuhause vor den TV-Geräten. Der wütende Rennfahrer wandte sich an alle Anhänger des stolzen Rennstalls aus Maranello, die er, Charles Leclerc, mit seinen Siegen in Spa und Monza nach einem Jahr des Darbens doch gerade erst wieder daran erinnert hatte, wie schön es sich anfühlt, wenn ein rotgekleideter Fahrer mal wieder ein Rennen gewinnt. Leclerc wollte sagen: Warum zur Hölle habt ihr Sebastian Vettel plötzlich vor meine Nase orchestriert?

Das war die entscheidende Frage in diesem ereignisarmen Rennen in Singapur, das kurz zuvor tatsächlich von einem einzigen Boxenstopp der Scuderia entschieden worden war. Von diesem profitierte ausschließlich: Sebastian Vettel. In der 20. Runde hatte Ferrari zunächst den an Position drei rollenden Vettel zum Reifenwechsel gerufen, eine Runde später erst Leclerc, der das Feld in diesem Moment anführte. Den Vorteil dieser einen Umdrehung auf frischen Reifen nutzte Vettel, um den Vorsprung seines Teamkollegen aufzuschnupfen und sich vorbeizuschieben.

Eine Art Masterplan, um Vettel endlich mal wieder lachen zu sehen?

Die Frage war nun: Hatte sich Ferrari verrechnet? Hatten die Italiener diese Strategie, "Undercut" genannt, für Vettel erdacht, damit sich dieser nur an Hamilton vorbeischieben sollte - nicht aber an Leclerc? Oder war diese Strategie in Wahrheit eine versteckte Teamorder gewesen? Eine Art Masterplan, um Vettel endlich mal wieder lachen zu sehen unter den Feuerwerkraketen am Hafen von Singapur? Weil sich auch Binotto einen Rennsieg von ihm gewünscht hatte - seinen ersten seit dem in Spa-Francorchamps vor 392 Tagen? Sollte es ausgleichende Gerechtigkeit dafür sein, dass sich Leclerc zuletzt in Monza über Absprachen mit Vettel hinweggesetzt hatte? "Ich freue mich sehr für Seb", sagte Binotto. "Es gab so viele Rennen, in denen er gut gefahren ist und es trotzdem nicht gereicht hat. Wir haben bei der Rennstrategie die richtigen Entscheidungen getroffen und beide Autos nach vorne gebracht." Gut, das Auto von Vettel halt ein bisschen weiter nach vorne noch.

Correa aus Koma erwacht

Nach seinem schweren Unfall beim Formel-2-Rennen in Spa ist der US-Amerikaner Juan Manuel Correa, 20, aus dem künstlichen Koma erwacht. Er sei "wieder bei Bewusstsein, aber noch nicht ganz wach", teilte sein Management mit. Correa bleibt auf der Intensivstation, sein Zustand wird jedoch nicht mehr als kritisch eingestuft. Sorgen bereiten seine schweren Beinverletzungen, es bestehe die Gefahr "irreversibler Schäden". Correas Lunge sei allerdings noch nicht in der Lage, einer längeren Operation standzuhalten. Der junge Rennfahrer war am 31. August in der Nachwuchsserie in Belgien mit etwa 260 km/h in den Wagen des Franzosen Anthoine Hubert gekracht. Der 22-jährige Hubert verstarb wenig später. Correa wird derzeit in einer Spezialklinik in London behandelt. sid

40 Runden wurden nach dieser Szene noch gefahren, die den dritten Ferrari-Sieg in Serie zur Folge hatte. Einen Doppelsieg sogar, weil Leclerc noch vor Max Verstappen und dem viertplatzierten Hamilton ins Ziel rollte. Auf Vettels Stopp folgten noch drei Safety-Car-Phasen. 14 Runden vor Schluss erbat Leclerc bei seinem Team die Erlaubnis, seinen Motor auf maximaler Leistungsstufe zu fahren, um Vettel zu attackieren. Aber Vettel fuhr am Sonntag wie der viermalige Weltmeister, der er ist. Fehlerfrei, überlegt. Er legte noch die schnellste Rennrunde vor und rettete sich ins Ziel.

Er sei ein bisschen verschwitzt, sagte Vettel nach dem Rennen. "Großen Dank an das Team." Er habe seinen Boxenstopp sogar "für etwas früh" gehalten. Dass er sich vor Leclerc wieder einsortieren konnte, das habe ihn selbst überrascht.

"Charles, das war eines der besten Dinge, die wir tun konnten. Kopf runter, das Rennen ist lang", hatte Ferrari dem wütenden Leclerc noch im Rennen auf die Ohren gefunkt. Der antwortete: "Mein Kopf ist unten, und er wird bis zum Ende des Rennens unten sein." Aber nur bis dann. Danach hob er den Kopf und klagte bitter: "Es ist schwierig, einen Sieg auf diese Art zu verlieren." Er fühlte sich seines Erfolges beraubt.