Süddeutsche Zeitung

Sieben Kurven in der Formel 1:Vettel ehrt Senna

Lesezeit: 4 min

Der Deutsche hat sich zu Ehren des Brasilianers eine besondere Aktion ausgedacht, Charles Leclerc holt in Imola das erste Ferrari-Podium seit Michael Schumacher 2006 - und Lando Norris ist der Fahrer der Stunde. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Elmar Brümmer, Imola

Ayrton Senna

In dem kleinen Park bei der Tamburello-Kurve, wo eine Bronzestatue von Ayrton Senna hinter den Leitplanken das Schicksal für immer festhält, hat Sebastian Vettel am Donnerstagabend vor dem Großen Preis der Emilia-Romagna fast alle Rennfahrer versammelt. Sie tragen gelbe T-Shirts mit grünen und blauen Querstreifen, dazu der Aufschrift "Forever Senna", die der viermalige Weltmeister angefertigt hat. Eine Hommage an den Brasilianer, der am 1. Mai 1994 in Imola ums Leben gekommen war, einen Tag, nachdem auch der Österreicher Roland Ratzenberger einen tödlichen Unfall hatte.

30 Jahre später ist der Mythos Senna ungebrochen. Vettel war erst sieben, als der Unfall passierte. Später hat er sich intensiv mit Sennas Leben auseinandergesetzt: "Ergebnisse sind das eine. Aber Ayrton steht für so viel mehr, als was er nur im Auto erreicht hat. Um seine Persönlichkeit und Inspiration, gerade auch außerhalb der Rennstrecke. Diese Geschichte möchte ich weitertragen." Dafür holt der Heppenheimer aus seiner Rennwagensammlung auch einen McLaren von 1993 aus der Garage. Mit Bio-Kraftstoff befüllt, dreht Vettel damit am Rennsonntag eine ganz besondere Ehrenrunde.

Lando Norris

Ein Seufzer und ein Wörtchen: "Fast." Treffender lässt sich der schwierigste zweite Platz in der Formel-1-Biografie von Lando Norris nicht zusammenfassen. Nur 0,725 Sekunden nach 63 High-Speed-Runden hinter Max Verstappen ins Ziel zu kommen, das ist das, was im Plattitüden-Fundus als "Schnuppern am Sieg" zu finden ist. Die Fahrzeugnase des McLaren steckte schon fast im Getriebe des Red-Bull-Honda, "ein zwei Runden mehr, und ich hätte Max gehabt", glaubt Norris. Der McLaren, der nach seiner Runderneuerung vor zwei Wochen immer besser in Schwung kommt, war nach dem Pflichtreifenwechsel ein immer größerer orangefarbener Fleck im Rückspiegel des Spitzenreiters.

Seit seinem Siegdebüt in Miami stellt Lando Norris eine Veränderung seiner Ansprüche fest: "Frustriert über einen zweiten Platz zu sein, das fühlt sich noch komisch an." Der Brite ist der Fahrer der Stunde, und für sein Team gilt das auch. Zusammen mit dem vierten Platz von Oscar Piastri ist McLaren der erfolgreichste Rennstall in Imola gewesen. "Es ist hart, es ist aufregend, aber hoffentlich geht es so weiter", sagte der Fast-Sieger.

Max Verstappen

Schlechter kann ein Rennwochenende kaum anfangen, freitags waren Max Verstappen und das Auto mit der Nummer eins ziemlich neben der Strecke, sogar im Wortsinn. Immer dann, wenn so etwas passiert (und es passiert inzwischen häufiger), zeigt der Weltmeister seine Qualitäten, und im Erfolgsteam greifen die Rädchen ineinander. Der ehemalige Formel-1-Pilot Sebastien Buemi probierte am Simulator in der Rennfabrik in Mittelengland neue Einstellungen, und in der Qualifikation legte Max Verstappen mit diesem Set-up und einem von Nico Hülkenberg gespendeten Windschatten zum Schluss eine Wunderrunde hin. Er holte saisonübergreifend die achte Pole-Position in Serie - und stellte den Rekord von Ayrton Senna ein. Die Grundlage zum späten Erfolg, herausgefahren mit einer Souveränität und Kaltblütigkeit, die als der "Max-Faktor" gilt. Echte Champion-Qualitäten.

Weil aber die Kapazität offenbar noch nicht ausgelastet war, nahm Verstappen Samstagabend und Sonntagmorgen zum Spaß noch zumindest für ein paar Stunden an einem virtuellen 24-Stunden-Rennen teil. Und als er sich im echten Rennfahrerleben am Pfingstsonntag mit abgefahrenen Reifen, leerer Batterie und rutschendem Auto knapp als Sieger ins Ziel rettete, gratulierte Teamchef Christian Horner prompt zu zwei Erfolgen - dem im Großen Preis der Emilia Romagna, und dem seines iRacing-Teams. Fehlerfrei.

Imola

Thailand macht sich Hoffnungen auf die Formel 1, Südkorea hofft auf eine Rückkehr, die Türkei buhlt um ein Rennen, in den USA hätten sie gern einen vierten Grand Prix. Theoretisch ließe sich der Mammutkalender mit 24 WM-Läufen in diesem Jahr noch um einen weiteren Auftritt erweitern, doch schon jetzt ist die Belastungsgrenze für den Renn-Tross erreicht. Aber wenn irgendwo mehr Geld zu holen ist, dann muss Formel-1-Geschäftsführer Stefano Domenicali dem irgendwann nachgeben, obwohl er selbst aus der Rennstadt bei Bologna stammt und auch an die 300 000 Rennbesucher die Finanzbuchhaltung von Serienbesitzer Liberty Media schwerlich umstimmen können.

Da können sich die Piloten noch so sehr für den "Old-School-Track" und gegen die immer neuen Stadtrennen aussprechen, über 2025 hinaus sind die Tage in der Emilia Romagna gezählt. "Ich hätte am liebsten 24 solcher Pisten im Kalender", sagte Sieger Verstappen. Doch inzwischen muss selbst Monte Carlo wieder um seinen Status bangen. "Zwei Rennen in Italien, das wird auf jeden Fall schwer", sagt Domenicali - das Autodromo Nazionale in Monza hat die besseren Chancen, im Rennen zu bleiben.

Ferrari

Ein Ferrari-Fahrer auf dem Podium in Imola, das hat es seit Michael Schumacher 2006 nicht mehr gegeben. Balsam für die Scuderia, auch wenn Charles Leclerc nur auf der dritten Podeststufe stand. Tausende Fans sangen deshalb die Nationalhymne schon vor der Siegerehrung. Ferrari in Lauerstellung, das ist doch schon mal ein Anfang, auch wenn momentan McLaren der erste Herausforderer ist.

Der Monegasse, während seiner Jagd auf Lando Norris wie gehabt selbst nicht ganz fehlerfrei, setzt auf das Potenzial des technischen Upgrades: "Mit Platz drei ist man nie ganz zufrieden. Aber für den Rest der Saison sieht es sehr gut aus. Es wird immer enger zwischen uns allen." Teamchef Fred Vasseur setzt auf die positive Energie aus Imola: "Für uns ist es schon ein wichtiger Schritt, dass wir mit Red Bull kämpfen können. Wir müssen sie weiter unter Druck setzen und in Fehler treiben."

Mercedes

Es sind die kleinen Erfolge, mit denen sich Mercedes weiterhin begnügen muss. So ist das eben als vierte Kraft. "Wir sind da, wo wir sind", sagte Rennstallchef Toto Wolff lakonisch, "aber das ist natürlich nicht da, wo wir sein wollen." Lewis Hamilton Sechster, George Russell Siebter. Der Weg hin zum normalen Niveau des Champion-Teams ist immer noch steil und entsprechend mühsam. Da reicht schon eine schnellste Rennrunde Russells zur Erfolgsmeldung, herausgeholt auch durch eine clevere Boxenstrategie. Immerhin konnten beide Silberpfeile auch Sergio Perez im zweiten Red Bull hinter sich lassen. Wolff verfolgt die Politik der kleinen Schritte: "So sind unsere Rivalen ja auch wieder nach oben gekommen. Selbst wenn es nicht gleich zu sehen ist an den Resultaten - wir machen Fortschritte." Das Lieblingsbeispiel des Österreichers bleibt McLaren.

Nico Hülkenberg

In der Qualifikation ist Nico Hülkenberg immer für eine Überraschung gut, und obwohl der 36-Jährige zum allerersten Mal in seiner Karriere im Autodromo Enzo e Dino Ferrari fuhr, stellte er den Haas-Ferrari auf den zehnten Startplatz. Mit einem starken Antritt war er nach dem Start im Rennen sogar Achter, um dann am Ende als Elfter doch noch aus den Punkten zu fallen. Denn auf Dauer fehlt es dem Haas-Rennwagen an Power. Dazu kam ein früher Boxenstopp, mit dem der Fahrer nicht unbedingt einverstanden war - und wie so viele andere hatte Hülkenberg mit den harten Pneus reichlich Probleme und musste die Gegner durchlassen. Das schmerzt einen, der so tapfer kämpft: "Über eine Runde geht es einfach besser." Leider hatte das Rennen nun mal 63 Umläufe. Schicksal eines Underdogs.

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