Kimi Antonelli in der Formel 1Ein besonderer Fahrer unter besonderer Beobachtung

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Große neue Welt: Kimi Antonelli hat in der Formel 1 von Anfang an überzeugt – obwohl die Erwartungen an den Nachfolger von Lewis Hamilton bei Mercedes kaum größer sein könnten.
Große neue Welt: Kimi Antonelli hat in der Formel 1 von Anfang an überzeugt – obwohl die Erwartungen an den Nachfolger von Lewis Hamilton bei Mercedes kaum größer sein könnten. (Foto: Jakub Porzycki/Reuters)

Die Erwartungen an Kimi Antonelli als Nachfolger von Lewis Hamilton sind hoch. Mit einem Erfolg auf seiner Heimstrecke in Imola würde er eine Sehnsucht der Italiener stillen – wäre da nicht diese eine Sache, die aus Sicht der Tifosi anders sein sollte.

Von Anna Dreher, Imola

Sechs Grands Prix ist Kimi Antonelli in seinem ersten Jahr in der Formel 1 gefahren. Das sind noch nicht viele, aber doch genug, um sich aufzuwärmen für jenes Rennen, das für ihn von den 24 Stopps um die Welt das bedeutsamste ist: der Große Preis der Emilia-Romagna in Imola. Antonelli kam in Bologna auf die Welt, hier ging er zur Schule, bis seine Motorsportkarriere ordentlich Geschwindigkeit aufnahm und er für seinen Abschluss nur noch auf Reisen lernen kann. Seine ganze Schulklasse hat der 18-Jährige zu diesem Heimspiel an die Strecke eingeladen. Und als würde das nicht reichen, ist seine Aufregung rund um seine Formel-1-Premiere auf dem Autodromo Internazionale Enzo e Dino Ferrari gesteigert worden von jenem Fahrer, an den die Erwartungen des italienischen Publikums dieses Wochenende ebenfalls hoch sind: Lewis Hamilton.

Als der siebenmalige Weltmeister vergangenes Jahr in Monza sein letztes Rennen für Mercedes in Europa fuhr, beendete das Team die seit Monaten anhaltenden Spekulationen um seinen Nachfolger.  Hamilton, ein erklärter Befürworter des Antonelli-Transfers, überlegte sich vor seinem Wechsel zu Ferrari eine feine Geste. Er hinterließ Antonelli eine handgeschriebene Botschaft in dessen künftigem Fahrerzimmer. Das Motorhome verblieb auf dem Kontinent und fiel in einen Winterschlaf, bis der Tross nach den Überseerennen diese Woche nach Europa zurückkehrte. Am Donnerstag erst konnte Antonelli die Zeilen lesen, bei Mercedes hatten alle dichtgehalten. Was genau drin stand, sollte eine Überraschung sein. „Es hat mein Herz erfüllt“, sagte Antonelli auf der Pressekonferenz mit einem Funkeln in den Augen: „Bei der Nachricht waren auch Ratschläge dabei. Das motiviert mich, mein Bestes zu geben. Das passiert ja nicht alle Tage.“

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Die besondere Übergabe passt zu einem besonderen Fahrer, der in Imola unter besonderer Beobachtung steht. In seinem Heimatland sehnen sie sich nach einem erfolgreichen Formel-1-Piloten. Als bislang letzter Italiener fuhr Jarno Trulli 2009 bei einem Rennen aufs Podium. Der letzte Sieg gelang Giancarlo Fisichella im März 2006 in Malaysia, da war Antonelli noch gar nicht geboren. Den Hoffnungsträger aber scheint weder sein Status als Wunderkind nervös zu machen, noch beeinflusst ihn der enorme Leistungsdruck in der höchsten Motorsportklasse, der bereits zwei der sechs Rookies ihren Sitz gekostet hat: Jack Doohan musste bei Alpine für Franco Colapinto weichen, Red Bull degradierte Liam Lawson zu den Racing Bulls. Wer nicht liefert, bekommt die Konsequenzen in diesem Sport schnell zu spüren.

„Er wird immer besser werden. So einfach ist das“, lobt Weltmeister Verstappen Antonellis Leistung

Antonellis Cockpit aber wackelt kein bisschen. Er erfüllt die Erwartungen jenes Teams, in dessen Nachwuchsprogramm er im Alter von zwölf aufgenommen wurde. Das bestätigt Silberpfeil-Chef Toto Wolff in seiner durchaus risikobehafteten Entscheidung, einen der begehrtesten Sitze an ein Talent zu vergeben, so groß dessen Fähigkeiten auch sein mögen. Dass der Mercedes W16 konstanter ist als das Vorgängermodell und sich bisher meist so verhält, wie es die Ingenieure erwarten, hilft Antonelli bei der Eingewöhnung natürlich. Aber dass es so gut laufen würde?

Beim Auftakt in Melbourne kam er als Vierter ins Ziel, sein bestes Ergebnis. Antonelli zählt nun zu den jüngsten Fahrern, die in der Formel 1 gepunktet haben, in Japan wurde er zudem zum jüngsten Piloten, der einen Grand Prix anführte und dem eine schnellste Rennrunde gelang. In Miami kam nach der Qualifikation im Sprint der entsprechende Eintrag für eine Pole-Position hinzu. Diesen Rekord hielt bis dahin Sebastian Vettel. „Wenn du gerade erst in der Formel 1 anfängst, gibt es so viel zu lernen. Da schon so viel Geschwindigkeit draufzuhaben, ist sehr beeindruckend“, lobte Weltmeister Max Verstappen. „Aber gleichzeitig überrascht es mich nicht. Er wird immer besser werden. So einfach ist das.“ Genau darauf kommt es an: Antonelli muss seine Leistungen langfristig bestätigen.

Ein Italiener im Mercedes vor einem Ferrari: Kimi Antonelli sieht während des Freien Trainings am Freitag auf seiner Heimstrecke in Imola im Rückspiegel Charles Leclerc.
Ein Italiener im Mercedes vor einem Ferrari: Kimi Antonelli sieht während des Freien Trainings am Freitag auf seiner Heimstrecke in Imola im Rückspiegel Charles Leclerc. (Foto: Mark Thompson/Getty)

Als Antonelli vergangenes Jahr in Monza bei seiner ersten Fahrt in einem Formel-1-Boliden während des Trainings nach nur zwei Runden in die Bande rauschte, mag manch einer dies als schlechtes Omen gewertet haben. Als Zeichen dafür, dass der Sprung doch zu groß sein könnte. „Ich habe eineinhalb Tage im Fahrerlager geweint“, verriet Mama Veronica in der Netflix-Dokumentation „The Seat“ über Antonellis Aufstieg in die Formel 1, dank derer der Teenager es zumindest im Menü der Streaming-Plattform schon in eine Reihe mit Ayrton Senna und Michael Schumacher geschafft hat. Auch das zeigt den Stellenwert dieses Fahrers, der teils mit kindlich wirkendem Staunen diese neue große Welt beobachtet – und dabei selbst alle erstaunt.

Nach dem ersten Saisonviertel ist Antonelli der mit Abstand beste Neuling und als Sechster der Gesamtwertung unter den Etablierten unterwegs. Er rangiert damit einen Platz vor Hamilton. Mercedes-Teamkollege George Russell ist Vierter. „Ich werde jedes Wochenende selbstbewusster im Umgang mit dem Auto, verstehe besser, wozu es fähig ist“, lautet die Analyse von Antonelli, der erst seit Januar einen Führerschein für den Straßenverkehr besitzt.

Eine Sache aber gibt es natürlich, die aus Sicht der Tifosi anders sein sollte bei dieser schon jetzt so schönen Geschichte: Der Italiener sitzt im falschen Auto! „Antonelli ist ein erstklassiger Fahrer“, sagte Luca di Montezemolo, Ferrari-Präsident während der Schumacher-Erfolgsjahre, in Bahrain bei Sky. „Es tut mir nur leid, ihn bei Mercedes zu sehen. Hätte ich ihn genommen? Mit 18 vielleicht nicht, aber ein paar Jahre bei Sauber und dann …“ Das Bedauern fällt wohl auch deshalb groß aus, weil die Euphorie nach dem Königstransfer von Hamilton zur Scuderia inzwischen abgeflaut ist. Zu groß sind die Probleme mit dem SF-25, zu holprig verlief der Start des 40-jährigen Briten, der seine Karriere mit einem WM-Titel im roten Auto veredeln will. „Ich sehe ein Team ohne Seele“, kritisierte Montezemolo gar.

Hamilton und Ferrari haben bisher nicht zusammengefunden, der Sprintsieg von China markiert den bisherigen Höhepunkt der Zusammenarbeit. Auf die Frage, ob er auf Besserung hoffe, antwortete Hamilton neulich: „Beten trifft es eher.“ Auch auf ihn sind die Blicke gerichtet, nach zwölf Jahren bei Mercedes markiert Imola sein Italien-Debüt für Ferrari. Ein Erfolg hier könnte Kräfte freisetzen – allein, die Wende ist unrealistisch.

Und was passiert nun mit Hamiltons Brief? Den werde er an der Wand im Motorhome hängen lassen, erzählte Kimi Antonelli, damit er ihn jeden Tag sehen könne, „weil ich die Nachricht so schön finde“. Es gibt übrigens noch eine zweite Botschaft. Über der Klopapier-Halterung steht: „Lewis war hier.“ Daneben ein großer Smiley.

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