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Formel 1:"Ich denke an Michael heute"

Der Große Preis von Portugal

Jetzt kann er sogar fliegen: Rekordsieger Lewis Hamilton.

(Foto: Jorge Guerrero/dpa)

Lewis Hamilton würdigt im Moment seines nächsten Triumphs denjenigen, den er in puncto Siegen jetzt endgültig überholt hat: Rekordweltmeister Michael Schumacher. Dessen nächste große Bestmarke hat er schon im Visier.

Von Anna Dreher, Portimão/München

Lewis Hamilton suchte kurz, dann hatte er ihn gefunden. Hinter einem Absperrgitter wartete sein Vater Anthony. In der Hand ein Tablet, mit dem er wenige Minuten zuvor gefilmt hatte, wie sein Sohn in einem schwarz lackierten Mercedes als Erster über die Ziellinie gefahren war. Wie schon so oft. Und genau in dieser Wiederholung lag die Besonderheit dieses historischen Moments. Die beiden umarmten sich lange und innig über das Gitter hinweg. Auf der Tribüne jubelten die Zuschauer, die beim Großen Preis von Portugal trotz Pandemie dabei sein durften. In den Augen des Vaters schimmerten Tränen. Was sie sich sagten, war nicht zu erkennen, beide trugen Masken. Vielleicht schwiegen sie auch. Worte wären letztlich auch nicht nötig gewesen, um die Bedeutung dieses Tages ausdrücken zu können, die für beide ohnehin nur schwer zu fassen sein dürfte. Die Zahl stand für sich: Zweiundneunzig.

Auf der Reise, die für die britische Arbeiterfamilie 1993 mit einem Kart begonnen hat und deren Ende noch nicht abzusehen ist, stellt das Autodromo Internacional do Algarve in Portimão seit Sonntag einen speziellen Ort dar. Hier hat sich Hamilton zum erfolgreichsten Gewinner in der Geschichte seines Sports gekrönt. Kein anderer hat in 70 Jahren Formel 1 häufiger ein Rennen gewonnen. Längst lautete die Frage nicht mehr ob, sondern nur wann ihm das gelingen würde. Und Hamilton ließ bei der Beantwortung nicht unnötig Zeit vergehen. Vor zwei Wochen erst hatte er auf dem Nürburgring die vermeintlich als ewig geltende Bestmarke von 91 Grand-Prix-Siegen des Rekordweltmeisters Michael Schumacher egalisiert, nicht weit von dessen Geburtsort Kerpen. Als besondere Geste der Familie überreichte Mick Schumacher vor der Siegerehrung Hamilton jenen roten Helm, den sein Vater 2012 in seiner letzten Saison getragen hatte.

"Er treibt mich dazu an, weiterzumachen, bis ich 40 bin oder so", sagt Max Verstappen

Nun gab es niemanden, der Hamilton einen Helm überreichen konnte. Und so sprach er wieder über Schumacher, der einzigen Referenzgröße unter insgesamt 774 Formel-1-Piloten, an der er sich noch orientieren kann: "Ich denke an Michael heute. Ich werde für immer die größte Bewunderung und den größten Respekt empfinden. Es ist eine wahrhafte Ehre, mit dir im selben Satz erwähnt zu werden." Seit Schumacher im Ferrari am 1. Oktober 2006 den Großen Preis von China gewann, hatte sein Rekord Bestand. Seit dem 25. Oktober 2020 gilt nun ein neuer Wert, der nicht ansatzweise eine ähnliche Haltbarkeit haben dürfte - weil Hamilton noch lange nicht ans Aufhören denkt. Weder mit dem Rennfahren, noch mit dem Gewinnen. "Ich glaube nicht an das Sprichwort: Der Himmel ist das Limit. Es hängt davon ab, wie sehr wir es wollen, die Messlatte höher zu legen", sagte Hamilton in Portimão und ergänzte: "Meine Güte, ich bin 35 Jahre alt. Ich fühle mich immer noch körperlich stark; du fragst dich, wann das kippt und du an Leistung verlieren wirst. Aber bis heute ist es noch nicht so weit."

Bei der Premiere auf dem frisch asphaltierten Kurs erlebten die Fahrer während der ersten sieben Runden ein Durcheinander, wie die ganze Saison noch nicht. Carlos Sainz im McLaren führte zwischendurch, es gab viele Duelle, ohne größere Unfälle. Aber bald stellte Hamilton seine Überlegenheit wieder zur Schau, fuhr clever, fehlerfrei und gewann scheinbar mühelos mit gewaltigen 25,5 Sekunden Vorsprung auf seinen Teamkollegen Valtteri Bottas.

"Als wir das Projekt vor acht Jahren gestartet haben, hätten wir uns nicht träumen lassen, dass wir Michaels Rekord brechen könnten", sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff und nannte Hamilton "den Besten aller Zeiten". Der im Red Bull drittplatzierte Max Verstappen wagte angesichts der dominanten Leistung Hamiltons einen Blick in die Zukunft. "Ich muss hart arbeiten, um dorthin zu gelangen. Es ist einfach unglaublich", sagte der 23 Jahre alte Niederländer. "92 Siege, und damit ist ja noch nicht Schluss. Er wird über 100 kommen. Er treibt mich dazu an weiterzumachen, bis ich 40 bin oder so."

Noch nicht beim Grand Prix an diesem Wochenende in Imola, aber danach in Istanbul am 15. November könnte Hamilton einen weiteren Rekord erreichen: Seinen siebten WM-Erfolg. Damit würde er mit Schumacher gleichziehen. Dass Hamilton im Titelrennen dieses Jahr triumphiert, steht angesichts von 77 Punkten Vorsprung auf den Gesamtzweiten Bottas bei noch fünf ausstehenden Rennen und maximal 130 zu holenden Punkten außer Frage. Auch hier geht es also nicht mehr ums Ob.

Obwohl Hamilton seinen 2020 endenden Vertrag noch nicht verlängert hat, steht fest, dass er sich noch nicht mit dem Erreichten zufriedengibt - so außergewöhnlich es bereits auch schon ist. Der in einer Sozialwohnung im Londoner Norden aufgewachsene Brite zählt bereits heute zu den Größten seines Sports. Mit einem immensen Talent, einer erstaunlichen Konstanz und einem Bewusstsein für relevante politische Themen. Aber Hamilton weiß: mit noch ein paar Erfolgen mehr würde er der Größte der Formel 1 werden.

© SZ vom 27.10.2020
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