Hamilton gegen Verstappen:Dieser Crash wird Folgen haben

Hamilton und Verstappen

Der Ton wird schärfer: Lewis Hamilton (rechts) und sein WM-Rivale Max Verstappen.

(Foto: David Davies/dpa)

Ja, Lewis Hamilton trägt eher die Schuld an der Kollision in Silverstone als sein Rivale Max Verstappen. Doch die Schärfe der Kritik aus dem Red-Bull-Lager ist überzogen.

Kommentar von Philipp Schneider

Jetzt ist es passiert, überraschend spät. Im zehnten einer auf 23 Rennen angelegten Formel-1-Saison sind die Titelrivalen Max Verstappen und Lewis Hamilton auf der Strecke erstmals so heftig aneinandergeraten, dass einer von ihnen aus dem Krankenhaus ansehen musste, wie der andere nach dem Crash zum Rennsieg bretterte. Es liegt an der fahrerischen Exzellenz beider Piloten, dass diese Situation nicht viel früher eingetreten ist.

Für einen Rennfahrer wie Verstappen, der mit seinem allesüberstrahlenden Talent sechs Jahre lang auf ein Auto gewartet hat, das ihn zum Weltmeistertitel tragen kann, bedeutet Untätigkeit die Höchststrafe. Verstappens Situation erklärt, weshalb er noch am Abend seinen Zorn in den sozialen Netzwerken darüber entlud, dass Hamilton fröhlich Schampus verspritzte, während er noch auf das finale Ergebnis seiner medizinischen Untersuchung wartete. Sein Urteil allerdings, "so zu feiern" sei "respektlos und unsportlich" gewesen, fällt zu hart aus. Denn zum einen hat sich Hamilton unmittelbar nach dem Unfall und noch im Auto sitzend nach Verstappens Befinden erkundigt. Zum anderen wusste die ganze Welt zum Zeitpunkt der Siegerehrung bereits, dass Verstappen glücklicherweise mit einem Schock davongekommen war.

Dennoch war es ein Crash, der Folgen haben wird - nicht nur für das bislang von Vertrauen geprägte Verhältnis der beiden Fahrer. Die ersten, düstersten, entziehen sich dem Verstand und jeglicher Argumentation. Rassisten nahmen den Verkehrsunfall zum Vorwand, sich aus ihrer Höhle zu begeben und dümmliche Ergüsse in den sozialen Netzwerken zu verbreiten. Es war wichtig, dass diese auch von Red Bull verurteilt wurden, dem Rennstall Verstappens, deren Protagonisten am Sonntag ansonsten nicht gerade zur Deeskalation beigetragen haben.

Red-Bull-Berater Helmut Marko offenbart, dass er das Reglement nicht genau kennt

Sowohl Schärfe als auch Frequenz des Furors, den Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko und Teamchef Christian Horner unmittelbar nach dem Crash vor den Fernsehkameras inszenierten, waren völlig überzogen. Ja, Verstappen flog ab in der "Copse", einem der schnellsten Orte der Formel 1. Und ja, Hamilton trug eher die Schuld an der Kollision als Verstappen. Aber genau zu diesem Ergebnis kamen die Rennkommissare auch ohne Souffleure des österreichischen Getränkekonzerns und sie fällten ein nachvollziehbares Urteil.

Wenn Marko indirekt argumentiert, ein Pilot sei in einer schnellen Kurve härter zu bestrafen als in einer langsamen, dann offenbart er eine Unkenntnis des Reglements. Diese Unterscheidung wird nicht getroffen. Und wenn Horner unterstellt, Hamilton habe aus der Verzweiflung heraus eine Fehleinschätzung begangen, die "amateurhaft" sei, dann macht er sich nicht nur vor den Augen eines siebenmaligen Weltmeisters angreifbar.

Es ist zwei Jahre her, da musste Verstappen nach einem Sieg in Spielberg, den ihm die ganze Welt gönnte, 190 Minuten lang warten, ob ihm die Rennkommissare den Pokal wieder entreißen würden. Weil er ihn sich mit einem Knallhart-Manöver gegen Charles Leclerc erkämpft hatte. Dass er ihn behalten durfte, wurde nicht nur von Sebastian Vettel begrüßt, der sagte: "Wir kämpfen nicht um den Kindergartenpokal." Ein zeitlos schöner Satz. Er gilt auch für das Verhalten abseits der Strecke.

© SZ/ebc
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FORMULA 1 BRITISH GRAND PRIX, 18/07/2021 Silverstone Circuit,18 July 2021 Lewis Hamilton (GBR), Mercedes AMG Petronas W

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