Formel 1 in Silverstone:"Respektlos und unsportlich"

British Grand Prix

Bejubelte seinen Heimsieg in Silverstone: Lewis Hamilton.

(Foto: REUTERS)

In Silverstone berühren sich die WM-Kontrahenten gleich nach dem Start - Verstappen fliegt bei Höchstgeschwindigkeit ab, Hamilton gewinnt nach furioser Fahrt. Später erhebt der Niederländer deutliche Vorwürfe.

Von Philipp Schneider

Der rechte Vorderreifen hing abgeknickt herab von Max Verstappens Red Bull. Er war nicht länger schwarz. Er war rot. Er sah aus wie die Gummis in der obersten Reihe der Reifenmauer, die gerade das Leben des Niederländers gerettet hatten. Das ist ihre Aufgabe - im Falle eines heftigen Einschlags. Verstappens Einschlag war so heftig, dass die Farbe von der Barriere abgerieben worden war und sich übertragen hatte auf den Reifen an seinem Rennwagen.

Runde eins, Kurve neun des Silverstone Circuits, die "Copse". Einer der schnellsten Orte der gesamten Formel 1, eine Rechtskurve, die sich nicht eignet für Spielereien. Mit Tempo 290 krachte Verstappen dort in die Gummiwand, nach einem Duell mit seinem Widersacher Lewis Hamilton. Er kletterte heraus, nein, er ließ sich eher aus dem Wagen ziehen. Links und rechts wurde er gestützt von Streckenposten. Verstappen humpelte. Er wurde ins Krankenhaus transferiert, dort ließ er ein MRT über sich ergehen und klagte noch immer über Schwindel. Die Kräfte, denen sein Körper ausgesetzt war, wurden auf 51 G geschätzt - das 51-fache des eigenen Körpergewichts. Zum Vergleich: Ein Kampfpilot, der zum Training in die Zentrifuge steigt, setzt sich dort einer Belastung von 9 G aus.

"Er ist ordentlich durchgerüttelt worden", sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner später und gab Entwarnung. "Ich bin froh, dass ich okay bin", teilte auch Verstappen mit: "Es war ein harter Einschlag, aber ich fühle mich besser."

Das Rennen wurde nach dieser Szene unterbrochen, für fast 50 Minuten. Es wurde wieder gestartet. Und am Ende gewann ausgerechnet Hamilton, gefolgt von Charles Leclerc im Ferrari und Valtteri Bottas im zweiten Silberpfeil. Nach einer sensationellen Fahrt, in der Hamilton zwei Runden vor Schluss noch an Leclerc vorbeiflog. Ja, tatsächlich: abermals in der Copse-Kurve. Hamilton feierte seinen Sieg ausgelassen, was Verstappen ausdrücklich missfiel: "Diese Feierlichkeiten, während ich noch in der Klinik war, sind respektlos und unsportlich", urteilte der Niederländer - und es war sehr gut nachzuvollziehen, dass er das so empfand.

Eine erste Berührung gab es zwischen Verstappen und Hamilton schon in der ersten Kurve

So aber schrieb Hamilton nach fünf Red-Bull-Siegen nacheinander bei seinem Heim-Grand-Prix eine Geschichte, die einem Hollywood-Dramaturgen mit der Bitte um Wiedervorlage zurückgereicht worden wäre: wegen fehlenden Bezugs zur Wirklichkeit. Seinen Rückstand auf Verstappen verkürzte er auf acht Zähler. "Wir geben niemals auf, das Ding ist noch heiß", funkte Mercedes-Teamchef Toto Wolff, als sich Hamilton mit dem Union Jack in der Hand auf die Ehrenrunde begab. Sebastian Vettel musste seinen Aston Martin vor dem Ende des Rennens in der Box abstellen. Mick Schumacher wurde 18. und Letzter, er kam sogar nach seinem Teamkollegen Nikita Masepin ins Ziel.

Aber die Szene, die bleiben wird von diesem Sonntag in Silverstone, war das wilde Duell mit Kontakt zwischen Hamilton und Verstappen in der ersten Runde. Die Spannung zwischen den beiden hatte sich nicht nur angedeutet, sie hatte sich bis zum Höhepunkt gesteigert, nachdem beide nach dem Start losgebraust waren und sich aneinander gerieben hatten wie zwei Tangotänzer. Eine erste Berührung gab es schon in der ersten Kurve; am Eingang von Kurve sechs hatte Hamilton, der als Zweiter ins Rennen gerollt war, die Nase außen vorn, doch Verstappen bremste sich noch einmal innen vorbei. In Kurve neun krachte es dann. Hamilton täuschte erst links, also außen an, zuckte dann nach rechts und probierte innen die Vorbeifahrt. In einer Rechtskurve. Viel Platz hatte er dort nicht. Aber selbst den, der ihm blieb, nutze er nicht vollumfänglich aus und trieb etwas zu weit links.

British Grand Prix

Da ging noch alles gut: Lewis Hamilton (links) und Max Verstappen duellieren sich in der ersten Runde - kurz darauf kommt es zwischen beiden Piloten zur Kollision.

(Foto: Peteer Cziborra/Reuters)

Das ist der Vorwurf, den sich Hamilton machen lassen muss, auch die Rennkommissare sahen später die Schuld bei ihm. Mit dem linken Vorderrad touchierte er Verstappens Hinterrad, das flog ab, und Verstappen Red Bull rauschte durchs Kiesbett, wo er schließlich mit der seitlichen Flanke in den Reifenstapel krachte.

Helmut Marko, Red Bulls Motorsportberater, forderte ins erste Mikrofon, das ihm vor die Nase gehalten wurde, die maximale Bestrafung für Hamilton. Es fehlte wohl nicht viel, er hätte dafür plädiert, Hamilton unmittelbar in Ketten zu legen und abzuführen. "Mit normalen Sportgesetzen", sei da nichts zu machen, argumentierte Marko: "Ich weiß gar nicht, was da die Höchststrafe wäre. So ein rücksichtsloses, gefährliches Verhalten gehört mit einer Sperre oder Ähnlichem bestraft." Toto Wolff, Teamchef von Mercedes, sah das erwartungsgemäß etwas anders: "Wir sehen einfach zwei Fahrer, die mit dem Messer zwischen den Zähnen kämpfen." Die Rennkommissare schauten sich die Szene in Ruhe an und fällten ein Urteil, das dem Delikt etwas angemessener war als Markos Vorschlag: Hamilton erhielt eine Zehn-Sekunden-Strafe. Auf den Tribünen in Silverstone stöhnten und buhten die britischen Fans, die sich an diesem Wochenende in der inzwischen etwas ungewohnten Zahl von 140 000 an der Rennstrecke versammelten.

War es der Ärger über den verlorenen Startplatz, der Hamilton so aggressiv fahren ließ?

Es gab einen stehenden Wiederstart. Von ganz vorne rollte nun Charles Leclerc im Ferrari los, der sich dank des Unfalls klammheimlich nach vorne geschoben hatte. Der Monegasse behauptete sich gegen Hamilton, aber Lando Norris schob seinen McLaren vorbei am Mercedes von Valtteri Bottas und rollte nun auf Position drei. Es war bereits der dritte Start an diesem Renn-Wochenende, an dem die Formel 1 ganz unbedingt ein neues Qualifikations-Format erproben musste.

Hamilton hatte einen möglichen Sieg schon am Samstag so gut wie verloren. Im sogenannten "Sprint", einem probeweise durchgeführten Qualifikations-Modus, dessen Sinnhaftigkeit sich auch nach seiner Erstaufführung noch immer nicht jedermann erschloss. Auf der schnellen Strecke in Silverstone, die die Reifen strapaziert wie kaum eine andere, ist das Überholen sehr schwierig. Insofern war die Bestzeit, die der Brite bei der traditionellen Zeitenjagd in England am Freitag herausgefahren hatte, so wichtig. Zumindest theoretisch. Zum ersten Mal seit Anfang Mai in Barcelona hätte Hamilton seinen Silberpfeil wieder auf die Pole Position gestellt, was Teamchef Wolff am Freitag sogar zu einer Analogie aus der Star-Wars-Galaxie greifen ließ. "Das Imperium schlägt zurück", frohlockte Wolff.

Das traf auch zu. Allerdings schlug das Imperium zunächst ins Leere. Weil es am Samstag noch besagten Sprint gab - einen Mini-Grand-Prix über 17 Runden, in dem Verstappen gleich nach dem Erlöschen der Ampeln an Hamilton vorbeischoss. Und der dem Niederländer nun die Pole Position ermöglichte, weil die Chefs der Formel 1 einfach mal ausprobieren wollten, ob sich mit so einem Rennen vor dem Rennen der Rennspaß an einem Renn-Wochenende noch erhöhen ließe. "Schöne Grüße an das Imperium", ätzte Helmut Marko am Samstagabend in Richtung Mercedes zurück.

Vielleicht war es auch der Rest einer Verärgerung über den auf diese Weise verlorenen Startplatz, der Hamilton am Sonntag in der ersten Runde ein bisschen aggressiver fahren ließ, als es die Beobachter vom siebenmaligen Weltmeister gewohnt sind.

Nach dem Wiederstart kam Hamilton nicht dicht genug heran an Leclerc, um eine Vorbeifahrt mit flach gestelltem Heckflügel einzuleiten. Dessen Ferrari begann nun aber leicht zu stottern, Leclerc beklagte, dass sein Motor zwischenzeitlich ausfalle, dann wieder anspringe. Sein Renn-Ingenieur gab ihm den Tipp, nicht hochzuschalten in diesen Momenten.

Bottas hört per Funkspruch: "Wir kämpfen nicht gegen Lewis", also lässt er seinen Teamkollegen vorbei

In Runde 22 hielt zunächst Norris für einen frischen Satz Reifen, eine Runde später auch Bottas. Nach 28 Umdrehungen fuhr Hamilton an seine Garage, dort saß er zunächst seine Strafe ab, ehe er die Gummis tauschen ließ. Als Letzter hielt Leclerc, und als der zurückkehrte auf die Strecke, da rollte Hamilton als Vierter 13 Sekunden hinter ihm - vor sich hatte er noch den Drittplatzierten Norris. Nach 31 Runden flog Hamilton vorbei am 21-jährigen Engländer - und machte nun Jagd auf die Bottas und Leclerc.

Wobei von einer Jagd auf Bottas nicht die Rede sein konnte. Der nämlich hörte schon bald einen Funkspruch in den Kopfhörern, der ihm nicht gefallen haben dürfte: "Wir kämpfen nicht gegen Lewis." Das "wir" war ein schöner Euphemismus und bedeutete: Lass Hamilton vorbei! Und der gab Gas, drei Runden vor Schluss hing er Leclerc im Heck. Der wiederum hörte von seine Team: "Mach Attacke bis zum Ende!" Aber dann schoss Hamilton an ihm vorbei. Ausgerechnet in der Copse-Kurve, in der das ganze Drama begonnen hatte.

© SZ/ebc/jkn
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