Großer Preis von Frankreich:Leclerc begräbt seine Träume im Reifenstapel

Lesezeit: 5 min

Charles Leclerc

Kurz mal weggetragen: Charles Leclerc beendet das Rennen als Führender vorzeitig.

(Foto: Christophe Simon/AFP)

Ferraris Drama nimmt kein Ende: Weil Charles Leclerc in Frankreich als Führender ausscheidet, vergrößert Tagessieger Max Verstappen seinen Vorsprung in der Formel 1. Beide Mercedes-Fahrer schaffen es aufs Podium - dank einer Pointe von Sergio Perez.

Von Philipp Schneider

Ein Schrei jagte am Sonntag die Zuschauer von ihren Sofas in den Wohnzimmern. Ein Schrei, so spitz und grell, wie man ihn selten gehört hat im Boxenfunk der Formel 1. Auch Minuten später durfte man sich noch fragen, ob Charles Leclerc mit seinem intonierten Schmerz eher Entsetzen, Fassungslosigkeit oder doch Wut zum Ausdruck bringen wollte. Ein an das eigene Team gerichtetes "Pardon" klingt jedenfalls anders.

Zu merkwürdig war auch dieser Abflug, den Leclerc mit seinem Ferrari hinlegte in Le-Beausset, einer der schnellsten Kurven auf dem Circuit Paul Ricard. Ein klein bisschen zu weit nach außen hatte er seinen Ferrari treiben lassen, das schon. Daraufhin war ihm das Heck weggebrochen, sein roter Wagen flog ab, drehte sich einmal um 360 Grad und schlug mit der Front ein in den Reifenstapel. Aus, vorbei. Das Rennen auf jeden Fall. Und was war das für ein derber Rückschlag im Titelkampf?

Souverän hatte Leclerc den Großen Preis von Frankreich bislang angeführt, doch als er dann nach dem Abflug traurig auf dem Sitz eines Motorrollers in Richtung Box tuckerte, da war der Weg frei für Max Verstappens siebten Sieg im zwölften Rennen, der seinen Vorsprung auf Leclerc auf 63 Punkte erhöhte. Und der Weg war frei für den zweitplatzierten Lewis Hamilton, der seinen Silberpfeil noch vor seinem Teamkollegen George Russell ins Ziel brachte und so das für Mercedes mit Abstand erfolgreichste Rennergebnis des Jahres sicherte. Sebastian Vettel wurde Elfter, Mick Schumacher rollte auf Platz 15 ins Ziel.

Leclerc nimmt nach dem Rennen alle Schuld auf sich

Aber was für ein Drama für die Scuderia Ferrari! Flankierend zu dem Schrei murmelte Leclerc noch irgendetwas Schwerverständliches in den Funk, das zunächst verdächtig nach Problemen mit der Technik klang. Diese hatte es schon beim Sieg im vergangenen Rennen in Spielberg gegeben, als er seinen Wagen trotz klemmender Pedalerie mit großer Not über die Ziellinie geschleppt hatte. Diesmal, erklärte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto später, habe der Fahrer nach dem Unfall Probleme gehabt, "im Rückwärtsgang aus der Streckenbegrenzung zu kommen". Diesmal nahm Leclerc die gesamte Schuld auf sich. Dass das Auto ausgebrochen ist, sei "zwar etwas komisch", sagte er auf Sky. Aber dann listete er auf, dass er es war, der in dieser Saison bereits 32 Punkte hatte liegen lassen: Sieben Zähler wegen eines Drehers in Imola, nun 25 in Frankreich. "Ich habe versucht, Druck zu machen und habe dabei das Heck verloren. Das ist inakzeptabel."

Dabei war ja die Dramaturgie der Qualifikation in Frankreich noch vom tollen Teamwork der Fahrerkollegen bei Ferrari bestimmt worden. Bei Carlos Sainz war schon am Samstag klar, dass er wegen eines neu verbauten Motors ans Ende des Starterfeldes versetzt werden würde, die Zeitenjagd hatte für ihn keinen Wert. Aber dass es die Teamleitung der Scuderia hinbekam, den Spanier davon zu überzeugen, seinem Teamkollegen selbstlos Windschatten zu spenden, damit dieser auf die Pole Position rauschen würde, war ja keine Selbstverständlichkeit. Zuletzt in Spielberg hatten sich Sainz und Leclerc beim samstäglichen Sprint noch bekämpft wie WM-Rivalen. Gut möglich allerdings, dass tags darauf im Qualm des lodernden Motors auch sämtliche Titelhoffnungen von Sainz den Flammen überantwortet worden waren. Und so zog er bei der Zeitenjagd an diesem Samstag Leclerc im Windschatten über die Bahn und verschaffte ihm die Bestzeit, auch wenn der Monegasse danach zu glauben meinte, es hätte auch ohne die Hilfe für die schnellste Runde gelangt.

Die Luft in Le Castellet flirrte bei Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius, die Strecke war aufgeladen mit mehr als 60 Grad. Das Management der Reifen würde diesen Grand Prix entscheiden, das stand früh am Sonntag fest. "Was bringt es mir, wenn ich Leclerc überhole und dabei meine Gummis ruiniere?" Das fragte Verstappen kurz vor dem Start. Die Ampeln gingen aus, und Leclerc war auf sich gestellt. Gleich hinter ihm parkte außer Verstappen auch der zweite Red Bull mit Sergio Perez am Steuer, gefolgt von Lewis Hamilton im Mercedes auf Rang vier.

Großer Preis von Frankreich: Platz zwei für den Silberpfeil: Lewis Hamilton steuert das für Mercedes erfolgreichste Rennergebnis des Jahres an.

Platz zwei für den Silberpfeil: Lewis Hamilton steuert das für Mercedes erfolgreichste Rennergebnis des Jahres an.

(Foto: Sylvain Thomas/AFP)

Leclerc kam blendend vom Fleck, Verstappen immerhin noch ordentlich, ganz anders also als Perez, der sogleich Hamilton an sich vorbeifliegen sah. Die Strategie von Red Bull, mit den vereinten Kräften Leclerc in den Zangengriff zu nehmen, war damit schon vor der ersten Kurve reif für den Papierkorb. Dahinter wurde es turbulent. Esteban Ocon traf den Alpha Tauri von Yuki Tsunoda, der Japaner drehte sich. Profitieren konnte vor allem Fernando Alonso, der sich von Platz sieben auf fünf verbesserte.

Einen guten Start legte auch Mick Schumacher hin. Nachdem ihm in der Qualifikation der schnellste Versuch aberkannt worden war, weil er die Strecke verlassen hatte, begann seine Aufholjagd von Platz 17. Innerhalb der ersten Umdrehung schnappte er sich gleich die Autos von drei Konkurrenten. Doch dann wurde die weitere Fahrt nach vorn für ihn sehr mühselig. Ganz anders als bei Carlos Sainz, der eine fulminante Aufholjagd startete und nach zehn Runden schon vorgestürmt war auf Position zwölf.

An der Spitze hing Verstappen wie ein Schatten am Heck von Leclerc. Der Monegasse konnte sich nicht entscheidend absetzen. Hamilton hingegen konnte Verstappen nicht folgen - und hinter ihm machte Perez Druck. Nach sechs Runden wagte Verstappen in Le-Beausset die erste Attacke, die Leclerc noch abwehren konnte. Schnell schwebte eine entscheidende Frage in großen Lettern über diesem Duell der Titelkandidaten: Wer würde mit kühlerem Kopf die heißgelaufenen Reifen managen? Würde Verstappen Gas wegnehmen, um seine Gummis zu schonen? Es sah so aus. Denn klammheimlich, Zehntel um Zehntel, vergrößerte Leclerc seinen Vorsprung auf den Niederländer.

Sergio Perez verschläft den Wiederstart und verschenkt den Podiumsplatz

Was also tun? Verstappen wagte die Attacke und einen sogenannten Undercut, nach 16 Runden bog er also als Erster ab für einen frischen Satz Reifen. Als Siebter kehrte er auf die Strecke zurück. Und gerade, als er sich die Frage stellte, ob der Plan aufgehen würde, taten ihm Leclerc und Ferrari den Gefallen, sämtliche Rechenspieler über den Haufen zu werfen. Er schrie, flog ab, bohrte seine Front in den Reifenstapel.

Das Safety Car rollte auf die Strecke. All jene Piloten, die noch nicht gehalten hatten in der Versorgungsgasse, bekamen einen Stopp geschenkt. Und der Scuderia unterlief ein grober Schnitzer, als sie Sainz nach der Montage der Reifen zu früh in die Gasse jagte - direkt vor die Front von Alex Albon, der seinen Williams hart bremsen musste, um eine Kollision zu vermeiden. Dafür bekam Sainz eine Fünf-Sekunden-Strafe aufgebrummt. Unbeirrt von diesem Urteil, das er nicht selbst zu verantworten hatte, flog er weiter nach vorne. Er überholte sogar noch den viertplatzierten Perez spektakulär, sein Team rief ihn darauf an die Box. "Jetzt nicht mehr", antwortete Sainz. Aber halten und die Strafe absitzen, musste er dann doch noch - und wurde schließlich Fünfter.

Und dann erhielt der Große Preis von Frankreich noch eine Pointe. Nachdem Guanyu Zhou ein Virtuelles Safety Car ausgelöst hatte, verschlief Perez komplett den Moment des Wiederstarts. George Russell war hellwach, zog vorbei und schnappte sich den Podiumsplatz von Perez, den ihm dieser als Überraschungsgeschenk darbot mit rotem Schleifchen außen herum. "Vielleicht hatte er gestern Tequila", unkte Motorsportberater Helmut Marko. Wäre die Welt nicht rosarot im Rennstall von Verstappen, man könnte meinen, darüber wird noch zu reden sein bei Red Bull.

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