Ferrari in der Formel 1:Und jetzt: aufräumen!

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Ferrari in der Formel 1: Dass es zuletzt aufwärts ging mit Ferrari, fiel bei Firmenchef John Elkann nicht mehr ins Gewicht: Teamchef Mattia Binotto grübelte auch in diesem Jahr wieder auffällig oft.

Dass es zuletzt aufwärts ging mit Ferrari, fiel bei Firmenchef John Elkann nicht mehr ins Gewicht: Teamchef Mattia Binotto grübelte auch in diesem Jahr wieder auffällig oft.

(Foto: Jim Watson/AFP)

Mal qualmen die Motoren zu viel, mal die Hirne der Strategen zu wenig: Dass sich Ferrari und Teamchef Mattia Binotto trennen, war überfällig. Nun sollten die Italiener einem externen Kandidaten vertrauen.

Kommentar von Philipp Schneider

Wie passend, dass sich Mattia Binotto, dieser Mann des zelebrierten Widerspruchs zwischen Wort und Tat, mit einer Pointe aus der Formel 1 verabschiedet. Just in seinem letzten Rennen als Teamchef der Scuderia Ferrari hat er Anfang Dezember das geliefert, was seine Vorgesetzten vier Jahre lang vergeblich von ihm eingefordert hatten: einen funktionierenden Plan. Als es am Hafen von Abu Dhabi noch um die Frage ging, ob sich der daniederliegende italienische Rennstall zumindest den zweiten Platz der Fahrerwertung schnappen würde, entwarfen Binottos Strategen für den Fahrer Charles Leclerc eine riskante Taktik. Und, oh Wunder, eine Ferrari-Raffinesse ging auf!

Binotto half dieser Coup nicht mehr. Auch wenn der offizielle Wortlaut der Trennung eine Fährte in Richtung eines freiwilligen Abschieds legt: Die Entscheidung, dass der 53-Jährige Ende des Jahres sein Büro in Maranello räumen muss, wird längst getroffen worden sein. Und sie war überfällig. Schon in der Sommerpause stand im Grunde fest, dass der einst stolze Rennstall schon wieder den ersten Weltmeistertitel seit 2008 verpassen würde. Obschon Leclerc und Carlos Sainz zu Saisonbeginn sogar den schnellsten Rennwagen ins Feld führen durften.

Sie griffen trotzdem wieder neben die Pokale bei Ferrari: Weil den Piloten mit schöner Regelmäßigkeit irgendein Kollege aus der Kommandostruktur, für die Binotto verantwortlich ist, in den Gasfuß schoss. Mal qualmten die Motoren zu viel, mal die Hirne der Strategen zu wenig. Mal entschieden sie sich für die falschen Reifen, mal priorisierten sie den falschen Fahrer. Zu viele Pleiten, keine Ausreden mehr für Signor Binotto. Am Ende half ihm nicht einmal seine rhetorische Gabe, notfalls einen Doppelausfall beider Wagen zur sensationell guten Nachricht umzudeuten, mit der er an den legendären irakischen Informationsminister in den Neunzigern erinnerte: "Comical Ali", so sein Spitzname, verkündete noch, dass Hunderte von verzweifelten Amerikanern vor den Toren Bagdads Selbstmord begingen, als die US-Panzer einrollten.

Noch immer ist unklar, wie sehr das Team im ersten Jahr unter Binottos Leitung betrogen hat

Dass es zuletzt aufwärts ging unter der Anleitung des in Lausanne geborenen Italieners - auf Konstrukteurs-Platz sechs im düsteren Jahr 2020 folgten Rang drei und nun zwei -, fiel bei Firmenchef John Elkann nicht mehr ins Gewicht. Aufsteigen kann in der Ferrari-Logik ohnehin nur einer, der zuvor unwürdig tief gefallen ist. Der Sturz der Scuderia 2020 hatte viel mit den vom Weltverband Fia im Jahr 2019 beanstandeten Unregelmäßigkeiten des Motors zu tun, die leider nie transparent aufgearbeitet und kommuniziert wurden, weshalb nach wie vor nicht klar ist, wie stark der Rennstall im ersten Jahr unter Binottos Leitung betrogen hat.

Als er das Team übernahm, war er schon ein Vierteljahrhundert bei Ferrari. 1995 heuerte er als Testingenieur an, von da an stieg er hartnäckig auf. Er wurde Renningenieur, Chefingenieur, Leiter der Motorabteilung, Direktor der Bereiche Antrieb und Elektronik, Technischer Direktor - und schließlich: Technik- und Teamchef gleichzeitig. Zu viel Belastung für eine Person. Das ahnte Mercedes-Chef Toto Wolff, ein großer Freund des Delegierens, sofort - und Binotto bald auch. Im Vorjahr besuchte der Teamchef Binotto manche Rennen nicht, damit sich der Technikchef Binotto in Maranello um die Entwicklung des 2022er-Autos kümmern konnte.

Das zeigt auch: Nach vielen Teamchefs aus dem eigenen Umfeld würde der Scuderia ein externer Aufräumer gut tun. Einer wie der Franzose Jean Todt, der 1993 von Peugeot zu Ferrari wechselte und großen Anteil hatte an den glorreichen Schumacherjahren. Wer frisch reinkommt wie Herkules in den Stall des Augias, sieht meist klarer den angewachsenen Mist.

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