Süddeutsche Zeitung

Ferrari in der Formel 1:Harry Potter zaubert noch nicht

  • Sebastian Vettel erreicht beim Großen Preis von Kanada erstmals in dieser Saison die Pole-Position.
  • Auf der von langen Geraden geprägten Strecke könnte Ferrari damit auch den ersten Sieg einfahren.
  • Das wäre vor allem auch für Ferrari-Teamchef Mattia Binotto sehr wichtig - die Zweifel an seiner Person wachsen.

Lange schien alles wie immer zu sein: Lewis Hamilton führte beim Großen Preis von Kanada und hielt die Bestzeit bis zum letzten Sektor der entscheidenden Qualifikationsrunde. Man kennt das inzwischen: Mercedes ist das dominierende Team der Formel 1- Saison, hat bisher jedes Rennen der Saison gewonnen. Niemand wäre überrascht gewesen, wenn Hamilton auch in Montreal von der Spitzenposition gestartet wäre. Doch diesmal gab es eine Abweichung vom gewohnten Skript: Sebastian Vettel eroberte mit der Winzigkeit von 0,206 Sekunden die Pole-Position, seine erste seit dem Juli 2018 in Hockenheim. Dem Jodler nach der Zieldurchfahrt folgte ein Jubel, den sie bei Ferrari in diesem Jahr noch nicht kennen: "Yes, yes, yes, yes, yes, yes, yes!", rief Vettel. Ja, es geht doch.

Der erste Schritt für die Wende, die der Heppenheimer in diesem Sommer schaffen will, ist gemacht. Neben Vettel braucht einer diesen Erfolg noch dringender: Ferrari-Teamchef Mattia Binotto.

Vor dem Großen Preis von Kanada am Wochenende, der das erste Saisondrittel beschließt, hat Vettel als WM-Dritter 55 Zähler Rückstand auf Spitzenreiter Hamilton, in der Teamwertung steht es 257:139 für Mercedes. Binotto ist der verantwortliche Konstrukteur, in jeglicher Hinsicht - er ist Technik- und Teamchef in Personalunion, ein Novum in der Formel 1. Der in der Schweiz geborene Italiener wirkt nicht so, als ob er unter der Doppelbelastung zerbricht. Doch die Zweifel innerhalb und außerhalb des Rennstalls wachsen: Ist der 49-Jährige der richtige Mann auf dem richtigen Posten?

Muss Binotto sein Scheitern eingestehen?

Sechs Mal in diesem Jahr haben sich die Szenen wiederholt, in denen ein geschlagener Binotto nach dem Rennen vor die Medien tritt. Meistens ist er gut gelaunt, obwohl es für gute Laune bislang eher keinen Grund gibt. Aber Binotto ist sympathisch, verkörpert nach außen hin ein neues, offeneres Klima im Team, das unter Maurizio Arrivabene verschlossen und arrogant wirkte. Binottos Antworten sind häufig ähnlich verschmitzt wie sein Lächeln, seine Brille hat ihm im Fahrerlager den Spitznamen "Harry Potter" eingebracht. Nur das mit dem Zaubern, das hat bisher nicht so richtig geklappt. Auch weil seine Ingenieure, seine Strategen, seine Fahrer unter Druck oft zu viele Fehler machen.

Binotto glaubt trotzdem, dass der Erfolg für Ferrari nicht so weit weg ist wie es in diesen Tagen erscheint. "Die Scuderia heute ist mit dem Rennstall aus den Jahren 1996/1997 vergleichbar", befindet Binotto, damals wurde der Anlauf auf den Titel gestartet, der innerhalb von fünf Jahren erfolgreich war. Aktuell fahren die Italiener aber bereits im elften Jahr den eigenen Ansprüchen hinterher. Trotzdem behauptet Binotto: "Da ist viel Hunger. Ich sehe viele Ähnlichkeiten mit damals."

Noch vor dem Rennen in Montreal hatte er jedoch schonungslos bekannt: "Wir wissen, dass wir derzeit nicht konkurrenzfähig genug sind. Vorerst werden wir auch keine weiteren Änderungen am Auto vornehmen, die maßgeblich Einfluss auf die Probleme einwirken können, die wir seit Saisonstart festgestellt haben." Das klingt fast wie eine Bankrotterklärung, und sie lässt auch die Geschehnisse zum Ende der letzten Saison in einem anderen Licht erscheinen, als Ferrari technisch bereits die Oberhand über Mercedes gewonnen hatte, und Technikdirektor Binotto ein entscheidendes Upgrade platzierte. Viel zu spät glaubte man den Zweifeln von Sebastian Vettel, der plötzlich mehr und mehr an Boden verlor. Am Ende mussten die Roten eingestehen, in die falsche Richtung entwickelt zu haben.

Spezialtruppe zur Ursachenforschung in Maranello

Den internen Machtkampf mit Arrivabene gewann Binotto. Es war sein bislang letzter großer Sieg. Das Rennen in Montreal ist die beste Chance für eine Wende, weil die improvisierte Rennstrecke auf der Insel im St. Lorenz-Strom hauptsächlich aus Geraden besteht, und da ist der so zickige SF 90 tatsächlich eine Macht. "Eine magische Formel gibt es für diese Strecke nicht, aber vieles ist anders, die Charakteristik, das Set-Up, die Reifen", sagt Binotto.

Zuhause in Maranello wurde bereits eine Spezialtruppe zur Ursachenforschung und -behebung gebildet, eine Art CSI Ferrari. Aber die Suche nach dem richtigen Grip kann wohl dauern, bis den Erklärungen auch Lösungen folgen. Deshalb gibt es Personalien: Simone Resta, einer der Top-Designer der Formel 1, soll vom im schweizerischen Hinwil stationierten Alfa-Satelliten-Team in die Zentrale zurückberufen werden. Der Franzose Laurent Mekies wurde gerade zum Sportdirektor befördert, bei dem an der Rennstrecke alles zusammenläuft. Entlastung oder ein Stück weit Entmachtung? "Wir versuchen unsere Mannschaft immer da zu verbessern, wo sie Schwächen hat", sagt Binotto. Eine heikle Entscheidung - mit Restas Rückkehr würde er zumindest indirekt auch das Scheitern der eigenen Ideen eingestehen.

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SZ vom 09.06.2019/dsz
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